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4500 Menschen produzierten den Chevrolet Cruze in Lordstown. Jetzt ist die General-Motors-Fabrik dicht.

Ein Ortsbesuch in den USA

Wo Amerika nicht mehr groß wird

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„Wir holen die Jobs zurück!“, versprach US-Präsident Trump der Industrieregion um Youngstown. Dann schlossen Autowerk, Krankenhaus und Zeitung. 

Ganz oben auf das Blatt Papier hat jemand ein rotes Herz gemalt. „Wir schließen am Sonntag. Wir werden Euch alle vermissen“, steht darunter. Der Zettel hängt an der Tür von Nese’s Country Café. Ende Juli gab es hier zum letzten Mal Spiegeleier mit Corned Beef und Fleischwurstsandwichs. Seither ist der Diner an der Salt Springs Road geschlossen und der große Parkplatz vor dem schlichten Backsteinbau verwaist.

„Die haben früher guten Umsatz gemacht“, sagt Arno Hill: „Aber ohne Laufkundschaft geht es einfach nicht.“ Der republikanische Politiker weiß, wovon er spricht: Er ist Bürgermeister von Lordstown, einem 3000-Seelen-Dorf im Nordosten des Bundesstaats Ohio, und sein Büro liegt schräg gegenüber des verlassenen Restaurants. In kurzer Hose und Sandalen empfängt Hill den Besucher. Der 66-Jährige mit schütterem Haar und Knollennase ist ein Lokalpolitiker der alten Schule. Seine E-Mails checkt er nur alle zwei Tage, aber seine Gemeinde hat er stets im Blick – und die Ausfallstraße nach Youngstown hinter seinem Fenster. „Kein Verkehr mehr“, antwortet Hill knapp auf die Frage, was sich verändert hat, seit General Motors sein Werk dichtgemacht hat.

Der Todesstoß kam im März

Der Todesstoß nach mehr als 50 Jahren kam am 6. März. Die Stilllegung der größten Autofabrik der USA war nicht der erste Schlag für die Region. Keine 20 Minuten fährt man von Lordstown ins benachbarte Youngstown, die größte Stadt im Mahoning Valley. Einst schlug hier das industrielle Herz Amerikas. Die boomende Kohle- und Stahlindustrie lockte im 19. Jahrhundert so viele Einwanderer aus Europa an, dass es zeitweise sogar eine deutschsprachige Tageszeitung gab. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Youngstown 170.000 Einwohner. Doch von der Schließung der Hochöfen Ende der 1970er Jahre hat sich der Ort, dem Bruce Springsteen eine bittere Elegie widmete, nie mehr erholt. Inzwischen ist er auf rund ein Drittel seiner einstigen Größe geschrumpft. Kaum irgendwo hat der Rost den amerikanischen Traum so angefressen wie hier.

Immerhin gab es General Motors (GM). Der Konzern begann 2010 vor den Toren der Stadt mit der Fertigung des Mittelklassemodells Chevrolet Cruze. Drei Schichten mit 4500 Menschen schafften rund um die Uhr. Die Hoffnung auf eine Renaissance der industriellen Vergangenheit keimte auf. Dann kam Donald Trump. Er versprach, Amerika wieder groß zu machen. Die Stimmen der „Blue Collar Worker“ verhalfen ihm zur Präsidentschaft. Im traditionell urdemokratischen Wahlbezirk rund um das Autowerk legte der Republikaner gewaltige 13 Prozentpunkte zu und triumphierte mit 51,1 Prozent der Stimmen. „Lasst mich Euch etwas sagen“, rief der Präsident bei einer Kundgebung im Sommer 2017 den 7000 jubelnden Anhängern in Youngstown zu: „Verkauft Eure Häuser nicht! Macht das nicht! Die werden im Wert steigen. Wir holen die Jobs zurück!“

Youngstown droht Zwangsaufsicht

„Immer wenn die Wirtschaft eingebrochen ist, hat es uns ein bisschen härter als den Rest des Landes getroffen.“ 

Arno Hill, Bürgermeister von Lordstown

Es kam anders. Erst stoppte General Motors die Produktion. Dann machten die Zulieferer dicht. Dann ein großes Krankenhaus. Inzwischen droht Youngstown die staatliche Finanz-Zwangsaufsicht. Ende August folgte der vorerst letzte, hochsymbolische Akt des Trauerspiels: Nach 150 Jahren wurde die Lokalzeitung „The Vindicator“ eingestellt. Das Verlagsgebäude mit der erst kürzlich angeschafften neuen Druckmaschine mitten in der Innenstadt steht zum Verkauf. „Sale“ steht auch in dem Herrenbekleidungsgeschäft um die Ecke. Doch nicht die altmodischen Anzüge im Schaufenster sind reduziert. Das ganze Geschäft wird feilgeboten.

„Trump ist ein Betrüger, ein Hochstapler, ein Bauernfänger“, wettert Bill Adams. Der Vizechef der örtlichen Autogewerkschaft UAW 1112 ist auf den Präsidenten nicht gut zu sprechen. Doch noch empörter ist er über seinen ehemaligen Arbeitgeber General Motors: „Wir sind für die nur eine Nummer. Entweder Du lässt Dich versetzen, Du gehst in Ruhestand, oder Du stirbst.“ Im Gewerkschaftshaus unweit der einstigen Autofabrik hält der Mann mit dem weißen Kinnbärtchen mit zwei Kolleginnen einsam die Stellung. „Lordstown – Heimat des Cruze“ steht in großen Lettern noch an der Geisterfabrik. Auf dem leeren Parkplatz sprießt das Unkraut durch den brüchigen Bodenbelag. Viel zu tun hat Adams gerade nicht. Zuletzt waren 1500 Arbeiter bei GM beschäftigt gewesen. Jeder hat ein Versetzungsangebot erhalten. Rund zwei Drittel sind inzwischen der Arbeit nach Kentucky, Tennessee oder gar ins 2000 Kilometer entfernte Werk in Texas gefolgt, dem Rest wurde gekündigt.

Adams selbst hatte nach 32 Jahren genug und ging in Frührente. Für seinen jüngeren Bruder war das keine Option. Der pendelt nun jeden Sonntag viereinhalb Stunden nach Michigan und jeden Freitag dieselbe Strecke zu seiner Familie zurück. Wer sich das nicht antun wollte und hier geblieben ist, muss den Gürtel enger schnallen. Zwar haben einige Ex-Kollegen in einem Logistikzentrum und bei einer Aluminiumfabrik neue Jobs gefunden. Doch werden dort nicht 30 Dollar Stundenlohn gezahlt wie bei GM, sondern 18 oder 20, und es gibt weder Krankenversicherung noch Betriebsrente. „Es ist ein Absturz“, urteilt Adams: „Es wird nie mehr so sein, wie es war.“

„Wir wollen etwas Neues, die nächste Generation“

Das sieht James Dignan ähnlich, obwohl der Chef der regionalen Handelskammer eigentlich dafür bezahlt wird, Optimismus zu verbreiten. Doch der gebürtige Kalifornier hat von seinem Büro im 16. Stock eines der drei Hochhäuser im Zentrum Youngstowns einen freien Blick ins Mahoning-Tal. „Wir werden älter, wir werden ärmer, und wir schrumpfen“, fasst er die Probleme der Region zusammen: „Diese Dynamik müssen wir brechen.“

Für Trumps Industrieromantik hat der einstige Air-Force-Pilot, der im Laufe seiner früheren Militärlaufbahn viel von der Welt gesehen hat, wenig übrig. „Die Tage des mächtigen industriellen Komplexes sind vorbei“, glaubt er: „Die alten Stahlwerke werden nicht wieder öffnen. Wir wollen etwas Neues, die nächste Generation.“ Und während der Lobbyist über die notwendige Bündelung kommunaler Einrichtungen, den Boom im Logistikgewerbe und die Chancen von Spezialstahlherstellern redet, gewinnt man einen Eindruck davon, dass sich diese Region trotz aller Rückschläge nicht einfach ihrem Schicksal ergeben will.

Tatsächlich gab es zuletzt kleine Hoffnungsschimmer. Im Mahoning-Fluss, der durch die Kühlung der Hochöfen in den 1970er Jahren selbst im tiefsten Winter auf 43 Grad Celsius erhitzt wurde, schwimmen erste Fische. In der Innenstadt von Youngstown wurden Blumenbeete angelegt. Eine Freiluftbühne hat eröffnet. Und im hundert Jahre alten Stambaugh-Gebäude mit seiner stolzen Terrakottafassade ist ein schickes Hotel entstanden – mit Hilfe kräftiger Steuersubventionen. Die Fenster der beiden Ladenlokale im Erdgeschoss freilich sind verhängt: Seit 14 Monaten sucht der Hilton-Konzern vergeblich nach Mietern.

Auch für die Presse wird es schwieriger

„Es wird schwieriger. Aber wir haben Erfahrung mit dem Kämpfen“, sagt Todd Franko, der ehemalige Chefredakteur des „Vindicator“. Der 52-Jährige weiß, wovon er spricht: Vor wenigen Tagen ist seine Zeitung eingestellt worden. Die Konkurrenz des Internets, die durch den Wegzug vieler Einwohner dramatisch schrumpfende Leserschaft, der von der Schließung des örtlichen Kaufhauses Sears beschleunigte Einbruch des Anzeigengeschäfts – bei dem Lokalblatt haben sich die spezifischen Probleme der Region und die allgemeinen der Branche potenziert. Mit einer kleinen Mannschaft und zuletzt noch 30.000 Exemplaren Auflage hatte der „Vindicator“ manchen lokalen Korruptionsskandal aufgedeckt. Der Wächter ist verstummt. „Es bleibt ein Loch zurück“, sagt Franko nüchtern. Aber er hat keinen Sinn für Sentimentalitäten: „Wir können uns beklagen, oder wir können was Neues machen.“

Nicht nur Franko will der Krise die Stirn bieten. „Wenn Deine Zeitung dichtmacht, bist Du plötzlich begehrt, um andere davor zu warnen“, sagt er mit Galgenhumor. Einen neuen Job hat er gefunden: Im Auftrag einer Bostoner Stiftung wird sich der Journalist künftig um die Spendenakquise für gemeinnützigen Lokaljournalismus kümmern.

Wirtschaftsmann Dignan hofft trotz aller Schwierigkeiten auf die Ansiedlung einer großen Cracker-Anlage zur Erdölverarbeitung. Und bei Bürgermeister Hill steht eine blitzblanke neue Schaufel für Spatenstiche in der Ecke des Büros bereit. „Wir haben Strom, gute Straßen und Steueranreize“, sagt er: „Ich werde um jeden neuen Investor kämpfen.“

Die Basis bleibt Trump treu

Vielleicht ist es dieser in jahrzehntelangen Krisen gehärtete trotzige Widerstandsgeist, der viele Einwohner der Region auch weiter zu Trump stehen lässt. „Sein Zugang zu den Themen ist manchmal etwas ungewöhnlich“, räumt Hill ein. Der Sohn norwegischer Einwanderer ist ein traditioneller Republikaner, der stolz auf seinen schuldenfreien Haushalt ist. Den Polter-Präsidenten will er trotzdem nicht kritisieren: „Jeder wusste, dass er kein Chorknabe ist.“ Und was ist mit den fallenden Häuserpreisen? „Niemand kann die Welt in vier Jahren ändern“, wiegelt er ab.

„Wir sind für die nur eine Nummer. Entweder Du lässt Dich versetzen, Du gehst in Ruhestand, oder Du stirbst.“ 

Bill Adams, Vizechef der örtlichen Autogewerkschaft

Auch der linke Gewerkschafter Adams sieht bei seinen Kollegen keine massive Absetzbewegung vom Präsidenten: „Seine Basis liebt ihn, weil er das sagt, was sie sich nicht traut.“ Mit seiner Schwiegermutter liegt Adams deswegen im Dauerclinch.

Nicht nur an Familientischen ist die Polarisierung spürbar. Als das Aus für den „Vindicator“ verkündet wurde, hörte Chefredakteur Franko auf seiner Mailbox neben bedauernde Nachrichten auch wüste Beschimpfungen. „Ihr bekommt, was Ihr verdient!“, brüllte einer. In den Vorgärten seiner Nachbarschaft hat Franko 14 Monate vor der Wahl schon erste „Trump 2020“-Schilder entdeckt. „Solange die Arbeiter hier das Gefühl haben, dass es Amerika insgesamt besser geht, werden sie wieder für ihn stimmen“, markiert er den politischen Knackpunkt: „Selbst wenn das für sie persönlich nicht gilt.“

Vertrauen auf wackligem Grund

Noch trägt der Glaube an den Wunderheiler im Weißen Haus. Doch das Vertrauen steht auf wackligem Grund: Die Konjunktur ist ins Schleudern geraten. Das Wachstum hat sich im zweiten Quartal verlangsamt. Viele Unternehmen frieren wegen des Handelskriegs mit China ihre Investitionen ein. Namhafte Ökonomen sagen einen Einbruch der Wirtschaft voraus. Für Trumps Siegeschancen ist nun entscheidend, dass eine mögliche Rezession erst nach der Wahl spürbar wird. Den Menschen in der einstigen Stahlregion Ohios hingegen helfen ein paar Monate Aufschub nichts: Für sie wäre ein Abschwung zu jeder Zeit fatal.

„Immer wenn die Wirtschaft eingebrochen ist, hat es uns ein bisschen härter als den Rest des Landes getroffen“, sagt der Republikaner Hill: „Und jedes Mal, wenn die Konjunktur danach wieder angezogen ist, sind wir ein Stück weiter zurückgeblieben.“ Seinen Spaten könnte der Bürgermeister dann wohl endgültig einmotten.

Mehr zum US-Wahlkampf lesen Sie hier: US-Vorwahlen: Diesen Demokraten sieht Trump vorne - Fiese Demenz-Stichelei bei TV-Debatte

Trump muss sich allerdings auch selbst Herausforderern in der republikanischen Partei stellen: Sonderlich ernst nimmt er diese nicht.

Darf‘s ein bisschen mehr sein? Hier finden Sie die gesammelten Peinlichkeiten des US-Präsidenten.

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