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Die Finanzmärkte wie hier in Tokio reagierten zuerst einmal entsetzt.

Wirtschaft

Amerika kommt zuerst

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  • Stephan Kaufmann
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Was Trumps Politik der Abschottung für die internationale Wirtschaft bedeutet. Die Wahlsieg versetzt die Finanzmärkte in Aufruhr.

Der Wahlsieg Donald Trumps hat am Mittwoch die Finanzmärkte in Aufruhr versetzt. Der mexikanische Peso rauschte in die Tiefe, an den asiatischen Aktienmärkten ging es kräftig bergab. In Europa gaben die Indizes zunächst nach, Anleger suchten nach sicheren Häfen wie Gold und Staatsanleihen. Dann beruhigte sich die Lage aber schnell wieder – schließlich wissen die Investoren noch gar nicht, was ökonomisch zu erwarten ist. Denn erstens war Trumps Wirtschaftsprogramm schon immer ebenso radikal wie undeutlich. Zweitens kennt niemand die Pläne, die der neue Präsident am Ende wirklich vorlegen wird. Und drittens ist unklar, was er davon durchsetzen kann. Wie könnte Trumps Programm aussehen – und was werden die Folgen sein?

Handlungsfähigkeit: Trump muss die Opposition der Demokraten im Kongress nicht fürchten, dafür sind sie zu schwach. Widerstand droht allerdings aus den eigenen Reihen: Trumps radikale Ideen zu Handel und Steuern stoßen bei vielen Republikanern auf wenig Gegenliebe. „Die Abgeordneten im Kongress dürften hoffentlich für gemäßigtere Gesetzesbeschlüsse sorgen“, so Stefan Bielmeier von der DZ Bank. Schließlich scheine ein Großteil der Ideen Trumps „ökonomisch schlichtweg nicht umsetzbar, ohne die wirtschaftliche Stabilität der Vereinigten Staaten in ihren Grundfesten zu bedrohen“. Die größte Gefahr sehen Ökonomen beim Thema Handel. „Da der Präsident im Außenhandel weitgehende Befugnisse hat, besteht in diesem Bereich ein erhebliches Potenzial von Problemen“, warnt die Commerzbank.

Steuern: Kernstück von Trumps Programm ist eine umfassende Steuersenkung. So soll der Spitzensteuersatz von 40 auf 33 Prozent sinken, die Unternehmenssteuer von 35 auf 15 Prozent. Finanziert werden soll dies vor allem durch höheres Wirtschaftswachstum – das allerdings kaum eintreten dürfte. „Die geplanten Steuersenkungen dürften kaum wachstumsfördernd wirken“, so Michael Heise von der Allianz. Folge wären damit höhere Haushaltsdefizite. Die Steuersenkungen könnten in den nächsten Jahren die US-Staatsschulden um über fünf Billionen Dollar erhöhen. Das dürfte zu steigenden Zinsen führen, die auch in Europa spürbar wären.

Einwanderung: Wachsende Ungleichheit, Niedergang der Industrie, niedrige und sinkende Einkommen – für die Probleme der USA macht Trump vor allem das Ausland verantwortlich. Er will daher die Einwanderung stark begrenzen, elf Millionen Mexikaner sollen abgeschoben werden. Dadurch verliert die US-Wirtschaft nicht nur Arbeitskräfte, sondern auch Konsumenten, was das amerikanische Wirtschaftswachstum belasten dürfte. Für Mexiko gliche die Maßnahme einer Katastrophe: 25 Milliarden Dollar sendeten in den USA arbeitende Mexikaner 2015 in die Heimat – das entspricht zwei Prozent der mexikanischen Wirtschaftsleistung.

Handel: Auch als Handelspartner schadet das Ausland laut Trump den USA. Er plant daher eine Generalrevision unter dem Motto „America first“ – Amerika zuerst: Das Abkommen TTIP mit der EU hat wohl keine Chance mehr, ebenso das noch nicht ratifizierte TPP mit den Staaten Asiens. Die nordamerikanische Freihandelszone Nafta mit Mexiko und Kanada will Trump neu verhandeln. Zölle von bis zu 35 Prozent sollen US-Unternehmen davon abhalten, ihre Produktion ins billigere Mexiko zu verlagern. Auch China bereichert sich nach Aussagen des kommenden US-Präsidenten auf unfaire Weise am Handel mit den USA, weswegen Trump hohe Strafzölle von bis zu 45 Prozent gegen chinesische Importe ins Gespräch gebracht hat.

Mit Zöllen gegen China riskieren die USA einen Handelskrieg, der nicht nur die asiatische Region belastet. Den globalen Produktions- und Zulieferketten drohte damit eine Zerreißprobe. Betroffen wären auch die westlichen Konzerne, die in China produzieren lassen und einen Großteil des chinesischen Exports bestreiten. Trump werde „der gesamten Welthandelsordnung schweren Schaden zuführen“, warnt die Commerzbank. „Das wird die Exportnation Deutschland zu spüren bekommen.“

Autobauer: Nafta-Neuverhandlungen träfen vor allem Mexiko, das vom Handel mit den USA abhängt. Aber auch Deutschland. Zum Beispiel die Autobauer: Immerhin sind Kraftfahrzeuge bei den Warenexporten in die USA mit einem Wert von rund 32 Milliarden Euro in diesem Jahr der mit Abstand größte Posten. So verkauft Mercedes dort längst mehr Pkw als im Heimatland. Im dritten Quartal wurden in den Vereinigten Staaten rund 89 000 Autos ausgeliefert, das sind 15 Prozent des Gesamtabsatzes. Auch für BMW sind die USA ein wichtiger Absatzmarkt – hier geht es nur um einen Absatzanteil von fünf Prozent. Beide Hersteller bauen gerade in Mexiko neue Werke für Autos der Kompakt- und Mittelklasse. Was ihnen zu Gute kommt ist, dass beide Unternehmen in den USA eigene Werke betreiben, die insbesondere Pseudo-Geländewagen für den dortigen Markt produzieren.

Schwieriger ist die Lage beim Volkswagenkonzern. Das Unternehmen betreibt nur ein relativ kleines Werk in Chattanooga, wo eine speziell für die Amerikaner konzipierte Version des Passat gefertigt wird. Volkswagen verfolgt die Strategie, den größten Teil der Fahrzeuge für den US-Markt vor der Haustür in Mexiko zu montieren, vor allem wegen geringerer Kosten. Zölle für Einfuhren aus dem Nachbarland könnten massive Absatzeinbußen in den USA bringen. Die VW-Nobelmarken Audi und Porsche produzieren nur außerhalb der USA.

Maschinenbau: Auch bei den deutschen Maschinenbauern sorgt Trump für Unruhe. Eine protektionistische US-Handelspolitik mit Zöllen auf Einfuhren von Investitionsgütern ist für den Verband der Maschinenbauer eine Horrorvision. „Wir können nur hoffen, dass er seinen Worten keine Taten folgen lässt“, sagt VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann. Die Vereinigten Staaten sind das wichtigste Exportland für die hiesige Vorzeigebranche. Doch der Verband rechnet damit, dass allein schon Trumps angekündigte Kehrtwende in der Handelspolitik sich schon bald negativ auf das Investitionsklima und damit auch auf die Maschinenimporte auswirken könnte – auch ohne den Erlass von Strafzöllen.

Wie stark solche Aufschläge, wenn sie denn kommen, konkret auf den Auftragseingang hierzulande durchschlagen, lässt sich noch nicht sagen. Schließlich stellt sich die Frage, ob US-Unternehmen ohne weiteres auf Apparate und Anlagen aus Europa verzichten können. Es könnte gut sein, dass amerikanische Automobilzulieferer oder Chemiebetriebe auf deutsche Spezialmaschinen angewiesen sind.

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