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„Ambivalente Angstbotschaften“

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Von: Friederike Meier

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Michael Brüggemann.
Michael Brüggemann. © Copyright Matthias Oertel 2018

Kommunikationswissenschaftler Michael Brüggemann über die Wirkung unterschiedlicher Nachrichten zum Klimawandel und inwiefern die Berichterstattung sich ändern muss

Herr Brüggemann, durch die Dürre in diesem Sommer ist das Thema Klimawandel präsenter geworden in den Medien. Ist trotzdem noch Luft nach oben?

Die Dürre selbst finde ich natürlich nicht gut, aber sie hat den Vorteil, dass etwas mehr Aufmerksamkeit auf das Thema Klimawandel gelenkt wird. Besonders hoch ist die Aufmerksamkeit aber trotzdem nicht. In unserer Dauerbeobachtung von Onlinemedien sehen wir, dass nur zwei bis vier von 100 Meldungen in Deutschland das Wort Klimawandel enthalten. In der Routineberichterstattung geht es immer noch unter.

Welche Medien beobachten Sie genau?

Wir beobachten in jedem Land nur wenige führende Medien. In Deutschland sind das tagesschau.de, Spiegel Online und die Online-Angebote der Süddeutschen und der Bild-Zeitung.

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Wie kommt es, dass immer noch so wenig berichtet wird?

In der journalistischen Logik muss etwas kurzfristig passieren, zum Beispiel eine Flutkatastrophe, damit berichtet wird. Aber der Klimawandel führt zu langsamen Veränderungen über Jahrzehnte. Solche Prozesse nimmt der Journalismus nicht wahr. Außerdem war es lange schwer, anhand von Personen über den Klimawandel zu schreiben. Das ist mit Greta Thunberg und Luisa Neubauer inzwischen anders. Plötzlich konnten Journalisten darüber berichten. Das funktioniert auch im Negativen. Donald Trump hat dem Klimaschutz einen Dienst erwiesen, indem er angekündigt hat, aus dem Pariser Klimaabkommen auszutreten. Das hat Klimaschützer und Medienaufmerksamkeit weltweit mobilisiert.

Was halten Sie von Konzepten wie der Klimaseite der Frankfurter Rundschau, auf der wir täglich über den Klimawandel berichten?

Erst mal ist das eine gute Idee, um eine Routine zu etablieren. Dadurch wird das Thema verstetigt: Es gibt Platz dafür. Der einzige Nachteil könnte sein, wenn andere Ressorts dann den Eindruck bekommen, sie brauchen nicht mehr über den Klimawandel nachzudenken. Dabei ist es so, dass die Kolleg:innen im Sport und in der Kultur und natürlich auch im Lokalen auch über Aspekte des Klimawandels nachdenken müssen. Klimawandel ist also auch eine Führungsaufgabe in der Redaktion. In jeder Redaktionskonferenz muss jemand sitzen, der bei Nachrichten fragt: Wenn ihr über den Bau dieser Autobahnschleife berichtet, habt ihr auch an die Verkehrswende gedacht?

Viele Journalist:innen, die über den Klimawandel berichten, fragen sich: Sollen sie mehr alarmierende Aspekte aufgreifen oder vor allem konstruktiv berichten?

Der Forschungsstand ist nicht eindeutig. Angstbotschaften sind ambivalent. Sie aktivieren erst einmal, können dann aber auch überfordern. Dann kann ich sie leugnen und verdrängen. Das ist vor allem dann der Fall, wenn nur die Angst da ist und keine Information, wie ich das Risiko minimieren kann. Umgekehrt haben positive Nachrichten auch ein Risiko: Sie können dazu führen, dass sie die Menschen beruhigen und auf vage Hoffnungen setzen, wie etwa auf große Innovationen wie CO2-Abschneidung aus der Luft. Da fehlt dann die Information: Was müsste denn getan werden, damit dieses positive Szenario wahr wird? Ein interessanter Befund aus einer meiner aktuellen Untersuchungen: In Deutschland berichtet der Journalismus positiver über den Klimawandel als etwa in Südafrika oder Indien, wo insgesamt sehr negativ berichtet wird. Dort sind die Menschen auch schon stärker betroffen. Wir fühlen uns hingegen immer noch relativ sicher, Dürre hin oder her.

Zur Person

Michael Brüggemann ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg. Er forscht vor allem zur Klima- und Wissenschaftskommunikation.

Gibt es Studien dazu, was sich Leser:innen vom Klimajournalismus wünschen?

Wir befragen seit dem Pariser Klimagipfel jährlich Menschen zu diesem Thema. Die Leute sagen immer, sie wollen eigentlich mehr wissen und mehr Erklärungen zur Klimapolitik. Vor allem wird nach einem großen Stück am Anfang während der Klimagipfel meistens nicht viel weiter berichtet. Wir stellen den Teilnehmer:innen auch Wissensfragen. Leider ist es so, dass sie über die Jahre nicht mehr über Klimapolitik lernen, obwohl wir die gleichen Fragen immer wiederholen. Das zeigt, dass man Sachverhalte immer wieder erklären muss.

Es gibt immer wieder Diskussionen über die Begriffe: Spielt es eine Rolle, ob wir Klimawandel, Klimakrise oder Klimakatastrophe sagen?

Die Verantwortung des Journalismus ist es, über solche Fragen nachzudenken. Klimawandel ist der technisch korrekte Begriff der Klimawissenschaften. Aber er ist natürlich auch verharmlosend. Wandel an sich ist ja nichts Negatives, der Klimawandel ist aber trotzdem ein gravierendes Problem. Deshalb ist es erstmal eine gute Idee, das Wort Krise oder Erderhitzung zu verwenden. Das Wort Katastrophe impliziert aber wieder Weltuntergangsszenarien, das wird Leute eher paralysieren. Mit dem Verhindern von Katastrophen sind die meisten Menschen überfordert.

Was ist aus Ihrer Sicht die Rolle, die der Journalismus beim Thema Klimawandel spielen muss?

Aufgabe des Journalismus ist es, auf relevante Probleme und Fehlentwicklungen hinzuweisen, politischen Akteuren auf die Finger zu schauen. Diese klassische Aufgabe stellt sich auch beim Klimawandel: Fehlverhalten kritisieren, aber auch die gesellschaftliche Debatte über die Lösungen moderieren.

Trotzdem bekommen Journalist:innen, die versuchen, ihre Berichterstattung an der Dringlichkeit des Klimaschutzes auszurichten, oft den Vorwurf des Aktivismus.

Das ist eine Strategie von Menschen, denen Umweltschutz nicht wichtig ist, um engagierten Journalismus zu diskreditieren. Man könnte das ständig Journalisten zum Vorwurf machen, dass sie auf bestimmte Missstände besonders hinweisen. Das ist aber ihre Aufgabe.

Interview: Friederike Meier

„Wir fühlen uns hingegen immer noch relativ sicher, Dürre hin oder her“, sagt Michael Brüggemann. Das Foto zeigt zwei Radfahrer:innen im Nationalpark Harz nahe des Brocken an der Achtermannshöhe in Niedersachsen.
„Wir fühlen uns hingegen immer noch relativ sicher, Dürre hin oder her“, sagt Michael Brüggemann. Das Foto zeigt zwei Radfahrer:innen im Nationalpark Harz nahe des Brocken an der Achtermannshöhe in Niedersachsen. © Imago

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