+
Statt grüner Bäume sind in Alvorada da Amazonia im brasilianischen Amazonasgebiet nur noch verkohlte Stämme zu sehen.

Amazonas-Brände

Waldbrand im Amazonas-Gebiet: Die Klimamaschine vor dem Kollaps

  • schließen
  • Regina Kerner
    Regina Kerner
    schließen

Der Kipp-Punkt für den Amazonas-Regenwald rückt durch die vielen heftigen Feuer näher. Es drohen dramatische Folgen - nicht nur für die Region.

Man nennt ihn den „Tropen-Trump“. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro ist 2018 mit dem Wahlprogramm angetreten, den Amazonas-Regenwald weiter für die Agrar- und Rohstoffindustrie zu öffnen. Das wird auch umgesetzt, wie die ganze Welt, erschrocken über die Feuersbrünste aus dem Regenwald, verfolgt. In der Not soll nun das Militär helfen, die Brände zu löschen und die Brandstifter dingfest zu machen, die den Wald niederbrennen, um Platz für Soja-und Zuckerrohrfelder, Rinderweiden, Minen und Dämme zu bekommen.

Dabei ist es erst ein paar Wochen her, dass Bolsonaro sogar den Ökologen gab. Er wolle „die Entwicklung mit der Erhaltung der Umwelt verbinden“, sagte er in einer Rede in der Amazonas-Metropole Manaus. Parallel dazu entwickelte sein Wirtschaftsminister Paulo Guedes die Idee, den vom Regenwald produzierten Sauerstoff den anderen Staaten der Erde an einer globalen Börse zu verkaufen.

Großflächige Austrocknung des Regenwaldes

Die Brände am Amazonas führen solche neoliberale Ideen, Wirtschaft und Umwelt zu versöhnen, ad absurdum. Ökologen und Klimaforscher treibt die Sorge um, dass ein fortgesetzter Raubbau am größten zusammenhängenden Regenwald der Erde und die fortschreitende globale Erwärmung eines der „Kippelemente“ des Klimas auslösen könnten: die Austrocknung des Amazonas-Waldes.

Was auf dem Spiel steht, ist klar: Die Amazonas-Region gilt nicht nur als grüne Lunge der Erde und Welt-Klimamaschine, sie nimmt gigantische Mengen Kohlendioxid aus der Luft auf und liefert im Gegenzug Sauerstoff – Ökosystemleistungen, die einzubrechen drohen. Sie produziert auch rund die Hälfte des Regens, der in der Region fällt. Der Kontinent Südamerika droht großflächig auszutrocknen, wenn die Abholzung einen gewissen Schwellenwert erreicht.

Die Zahl der Brände im brasilianischen Teil des Amazonas-Regenwald – rund 60 Prozent der Gesamtfläche – hat seit Jahresbeginn inzwischen über 80 000 erreicht; im gesamten Vorjahr waren es mit 43 700 „nur“ rund halb so viele gewesen. Allerdings wüteten in den Nachbarländern ebenfalls viele Feuer, in Venezuela über 26 500, in Bolivien 18 400, in Kolumbien 13 300. Im gesamten Amazonasbecken liegt die Zahl der Brände nach Angaben der US-Weltraumagentur allerdings - noch - leicht unter dem Durchschnitt der letzten 15 Jahre.

Regenwaldvernichtung nahm erstmals in den 80ern Fahrt auf 

Auch in früheren Jahrzehnten hatte es Zeiten mit vielen Feuern in der Amazonas-Region gegeben, etwa in den 1980er Jahren, als die Regenwaldvernichtung erstmals richtig Fahrt aufnahm. Die Brände werden heute wie damals bewusst von Bauern, Viehzüchtern und Rohstoffunternehmen gelegt, nachdem die wertvollen Baumstämme entnommen worden sind. Ihr Ziel ist es, das Unterholz und die Baumstümpfe zu vernichten, um die freien Flächen nutzen zu können. Besonders im letzten Jahrzehnt verringerte sich der Waldverlust jedoch deutlich.

Brände in Afrika: Nicht nur der Amazonas brennt: Afrika wird gegrillt

Das Jahr 2018 markierte den Wendepunkt. Schon bevor der aussichtsreiche Präsidentschaftskandidat Bolsonaro ins Amt kam, wirkte sein Wahlkampfspruch, er werde den Indianern in ihren Amazonas-Schutzgebieten „keinen Zentimeter“ lassen. Die Kettensägen liefen da schon wieder heiß, und seit seinem Amtsantritt Anfang 2019 gibt es nun offenbart kein Halten mehr. Die Regierung in Brasilia ermutigte Unternehmen offen, Waldflächen zu roden. Die Satellitendaten der brasilianischen Weltraumbehörde Inpe zeigen den „Erfolg“: Die Entwaldungsrate hat sich seit Bolonaros Amtstritt im Januar vervierfacht.

Dramatisch ist die Waldvernichtung nicht, weil neue historische Rekorde aufgestellt würden. Das Problem ist: Sie findet in einem Ökosystem statt, das bereits stark in Mitleidenschaft gezogen ist. Der kritische Punkt, an dem es kollabieren könnte, wird von Wissenschaftlern der Inpe-Behörde auf 20 bis 25 Prozent der Gesamtfläche geschätzt. Dann würden große Teile des bisherigen Regenwaldes zu einer Savanne mit Gräsern und einigen Bäumen mutieren. Möglicherweise ist dieser Punkt nicht mehr weit entfernt. Für den Amazonas-Regenwald insgesamt beträgt die Entwaldungsrate seit Beginn der großflächigen Abholzungen vor rund einem halben Jahrhundert rund 17 Prozent.. Ein ähnlich großer Anteil gilt es geschädigt.

Regen bleibt länger aus

Laut weiteren Inpe-Studien lassen sich bereits jetzt Klimafolgen der Waldvernichtung ausmachen. Danach ist der Regenwald bereits so stark geschädigt, dass Regenfälle länger ausbleiben. Tatsächlich besteht der brasilianische Teil des Amazonas-Waldes längst nicht mehr aus einer einheitlichen Fläche,. sondern aus über 300 000 Waldfragmenten.

In einem Artikel im Wissenschaftsmagazin „Science“ stellten der Inpe-Klimaforscher Carlos Nobre und der Artenschutz-Experte Thomas Lovejoy im vorigen Jahr dar, dass der Wandel zur Savanne sich bereits andeute. Anzeichen seien die schweren Dürren in den Jahren 2005, 2010 und 2016, aber auch die starken Überflutungen in den Jahren dazwischen. Nobre und Lovejoy interpretierten das als Zeichen dafür, dass das System zwischen den beiden Extremen zu taumeln beginne - und das sei ein mögliches Vorzeichen eines anstehenden gravierenden Umschwungs. Befürchtet wird, dass der Regenwald um die Hälfte schrumpft wenn die Abholzung einen kritischen Wert überschreitet. Einige Klimamodelle halten sogar einen kompletten Kollaps des Regenwaldes in diesem Jahrhundert für möglich.

Die Folgen könnten dramatisch sein - und die aktuellen ökologischen Schäden der Brände weit übertreffen. Derzeit verdunstet der Regenwald als „fliegender Fluss“ noch 20 Billionen Liter Wasser am Tag und damit mehr, als der Amazonas täglich in den Atlantik spült. Die Folgen eines teilweisen oder sogar kompletten Zusammenbruchs des Wald-Wasser-Systems wären auch außerhalb der engeren Amazonas-Region dramatisch spürbar. Ohne die Wettermaschine würde Südamerika in eine Krise gestürzt, die derzeit alle Vorstellungsktaft übersteigt. (Mitarbeit: Verena Kern)

Brandherd Indonesien

Auch in Indonesiens Wäldern gibt es in diesem Jahr Brände in verheerenden Ausmaßen. Laut dem Umwelt- und Forstministerium in Jakarta waren bereits in den ersten fünf Monaten 2019 landesweit 42 740 Hektar Regenwald betroffen, noch bevor die im Juni einsetzende Trockenzeit begonnen hatte. Das ist, verglichen mit dem gesamten, besonders regenreichen Vorjahr, fast die doppelten Fläche. Seit Anfang August hat sich die Lage weiter zugespitzt. Der staatliche Dienst für Meteorologie registrierte Mitte August 2002 Brandherde mit Schwerpunkten in den Provinzen Riau auf Sumatra sowie West- und Zentralkalimantan auf Borneo. 

Klimaziele: Lesen Sie hier, warum CO2 bepreist werden muss

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) hält die Situation für „ähnlich kritisch wie in den Katastrophenjahren 1997 und 2015“. Bei den Wald- und Moorbränden im Spätsommer und Herbst 2015 wurden nach Berechnungen des Internationalen Forstwissenschaftszentrums 884 Millionen Tonnen Kohlendioxid freigesetzt. 

Mit 95 Millionen Hektar tropischer Waldfläche gehört Indonesien zu den bedeutendsten Ländern für Regenwaldschutz. Allerdings sind große Flächen bereits vernichtet. Auf der Insel Sumatra gab es 1900 noch etwa 16 Millionen Hektar Tieflandregenwald, heute sind diese auf etwa 250 000 Hektar geschrumpft – ein Verlust von über 98 Prozent.

Waldbrände in Hessen: Was man tun kann, dass es nicht brennt

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion