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Ukraine-Konflikt: Russland nutzt geschickt die Angst im Westen

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Von: Stefan Scholl

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Drohen, fordern, drohen – Russland nutzt geschickt die Angst im Westen und hält den Ukraine-Konflikt am Köcheln.

Zuerst schlugen angesehene US-Medien Alarm, etwa Bloomberg und die „New York Times“: Russlands Truppen marschierten an der Grenze zur Ukraine auf, Krieg drohe. Kiew selbst dementierte zunächst.

Tatsächlich bewegten sich Ende Oktober Truppen in Russlands westliche Regionen. Ein Satellitenfoto, das das Portal Politico am 1. November veröffentlichte, zeigte im Gebiet Smolensk parkende Panzer – noch 250 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Und im russischsprachigen Internet wird eifrig gestritten, ob zuerst das Huhn oder das Ei, der Aufmarsch oder der Kriegsalarm, da waren.

Sperrholz gegen Russlands Panzerdivisionen: In einer verlassenen Fabrik in Kiew werden Zivilpersonen Grundzüge des Straßen- und Partisanenkampfs vermittelt.
Sperrholz gegen Russlands Panzerdivisionen: In einer verlassenen Fabrik in Kiew werden Zivilpersonen Grundzüge des Straßen- und Partisanenkampfs vermittelt. © Sergej Supinsky/AFP

Ukraine: Was will Wladimir Putin wirklich?

„Im Kreml wunderte man sich über die Anschuldigungen, etwas zu planen, woran man im Moment noch gar nicht dachte“, schreibt der russische BBC-Kriegsreporter Ilja Barabanow auf Facebook. „Und man folgerte dort gemäß der eigenen Logik: Wenn wir nichts dergleichen planen, haben die wohl vor, gegen die ,freien Donbass-Republiken‘ loszuschlagen.“ Deshalb hätte Russland wirklich begonnen, Truppen in Grenznähe zusammenzuziehen.

Allerdings lassen Artikel in russischen Medien, in denen etwa Putin die Ukraine als „Anti-Russland“ bezeichnete, befürchten, dass der russische Aufmarsch durchaus aggressive Ziele hat.

Ukraine-Konflikt: Westliche Medien beschreien Invasion durch Russland

Viele westliche Medien ihrerseits beschreien regelrecht die russische Invasion, veröffentlichen hypothetische Karten eines Umklammerungsangriffs auf Kiew, melden Truppenverstärkungen. Wobei die Gesamtzahl der russischen Streitmacht nicht wirklich wächst: Die „Washington Post“ etwa zitierte im Dezember ein Geheimdienstdokument, das 175 000 Mann zählte, der ukrainische Verteidigungsminister Oleksi Resnikow nannte unlängst nur die Zahl 112 000.

Parallel werden fast täglich mögliche Sanktionen gegen Russland diskutiert. Grundtenor: Ein Krieg wird immer wahrscheinlicher, Schuld daran ist der russische Präsident Putin persönlich. Als wolle Joe Bidens Administration den antiliberalen, von Giftmordskandalen umwitterten Kremlchef endgültig zum neuen Hauptfeind der freien westlichen Welt erklären. Und sich selbst zu deren Krisenmanager, auf den auch das verunsicherte Europa wieder hören wird.

Ukraine-Konflikt: Russland will Spannung im Westen hochhalten

Putin seinerseits gab Mitte November die Parole zur psychologischen Konteroffensive aus: Es gelte, die im Westen entstandene Spannung solange wie möglich hochzuhalten. Es folgte ein Telefonat zwischen Biden und Putin, dann trumpfte Russland mit ultimativen Sicherheitsforderungen an die USA und die Nato auf, die postwendend abgelehnt wurden. Unterhändler beider Seite wählten scharfe Töne, inzwischen hat der Kreml es auch schriftlich, dass der Westen seine neuen „roten Linien“ missachtet. In früheren Zeiten hätte man vom casus belli, dem Kriegsfall, geredet.

Aber statt mit Raketensalven auf die Ukraine antwortet Moskau mit neuen Anfragen an die Nato und die OSZE. Washington und Brüssel bieten parallel Rüstungsverhandlungen an.

Ukraine-Konflikt: Spannungen zwischen Westen und Russland sind für Putin „ideal“

Über dieser Diplomatie schwebt weiter der Schatten des Krieges. Vergangenen Freitag meldete die Agentur Reuters, die russische Armee schaffe Blutreserven ins Aufmarschgebiet, ein Indiz für einen unmittelbar bevorstehenden Angriff. Russlands Chefdiplomat Sergej Lawrow spottet über die Nato, für die Schriftstücke ihrer Diplomaten würde er sich schämen. Das nächste Treffen mit seinem US-Kollegen Antony Blinken aber ist schon vereinbart.

Man verhandelt am Rande des Abgrundes, die Welt sieht gebannt zu. Nach Ansicht des russischen Politologen Marat Gelman gefällt Putin dieser Zustand. Er palavere mit Biden, sei in aller Munde. „Jede Lösung wäre für ihn ein Minus, die Situation selbst ist für ihn persönlich, einen alternden Menschen im Präsidentensessel, ideal.“

Und wenn es am Ende doch zum Krieg kommt? Statt eines russischen Großangriffs kann es einen Regionalfeldzug geben, etwa eine Offensive der Separatisten im Donbass, verdeckt getragen vom russischen Militärs. Die Front könnte nach Westen rücken. Die Spannung zwischen Russland und dem Westen würde hinterher so hoch sein wie vor dem Krieg. (Stefan Scholl)

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