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Duden-Chefin im Interview

Von Begeisterung bis hin zur totalen Ablehnung: Warum richtig Gendern wichtig ist

  • Sabine Hamacher
    vonSabine Hamacher
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Kathrin Gunkel-Razum, Leiterin der Duden-Redaktion, über notwendigen Wandel, schrumpfende Widerstände und clevere Unternehmen, die Frauen als Zielgruppe entdecken

  • Leiterin der Duden-Redaktion spricht mit der FR über das Gendern.
  • Der Duden führt einen Ratgeber „Richtig gendern“.
  • Duden-Redaktion sieht ihre Aufgabe in der Abbildung der Sprache.

Frau Kunkel-Razum, wie halten Sie es mit dem Gendern?

Ich lege großen Wert darauf. Mir persönlich käme es gar nicht mehr in den Sinn, eine maskuline Selbstbezeichnung zu führen, etwa „ich bin Redakteur“. Ich bemühe mich auch sehr, das in meinen Texten zu berücksichtigen. Bei einem Vortrag ist das einfach, bei der konkreten Wörterbucharbeit aber steckt der Teufel oft im Detail. Das gelingt dann nicht immer zur vollsten Zufriedenheit.

Wie reagieren die Menschen, mit denen Sie zu tun haben?

Sehr unterschiedlich. Ich gebe ja auch Workshops. Interessant ist, dass ich da nicht immer mit der größten Begeisterung empfangen werde; in der Regel haben die Leute aber hinterher doch mehr Verständnis dafür, warum das Gendern wichtig ist, und staunen über die Bandbreite an Möglichkeiten.

Duden-Ratgeber „Richtig gendern“ - Von Begeisterung bis Ablehnung

Und wie war die Resonanz auf den 2017 erschienenen Duden-Ratgeber „Richtig gendern“?

Damals waren die Reaktionen extrem – sowohl in ihrer Begeisterung als auch in der totalen Ablehnung. Vor allem in den sozialen Medien gab es ein heftiges Feuerwerk. Und der Verein Deutsche Sprache hat auf der Leipziger Buchmesse eine wirklich grenzwertige Postkartenaktion gegen das Buch gestartet. Sie suggerierte, der Duden empfehle Wörter wie „Helikopterinnen“ oder „Prostata-Patientinnen“, was natürlich nicht so war. Inzwischen gibt es ja schon drei solcher Ratgeber.

Haben sich die Wogen geglättet?

Als in diesem Frühjahr unser „Handbuch geschlechtergerechte Sprache“ erschienen ist, sind uns tatsächlich nicht mehr so heftige Reaktionen entgegengeschossen. Dass wir allerdings jetzt drei Seiten in den Rechtschreib-Duden gedruckt haben, hat sehr kontroverse Diskussionen ausgelöst.

Was genau haben Sie gemacht?

Wir haben zum einen Begriffe wie „Genderstern“ oder „Gendersternchen“ in das Stichwörterverzeichnis aufgenommen. Dazu kommen die drei Seiten zur geschlechtergerechten Sprache im weiteren Teil – ich vermeide bewusst das Wort „Regelteil“, weil sofort der Eindruck entsteht, dass wir da Regeln zur geschlechtergerechten Sprache verordnen. Das tun wir auf gar keinen Fall!

Duden: Orientierung in sprachlichen Fragen

Worin sieht denn die Dudenredaktion ihre Aufgabe? Bilden Sie den Sprachwandel ab, oder greifen Sie als normative Instanz ein?

In erster Linie sehen wir unsere Aufgabe im Beschreiben und Abbilden. Das reicht aber natürlich nicht – viele Menschen suchen bei uns Orientierung in sprachlichen Fragen. Was wir tun, beschreibe ich gern als „Leitplanken vorgeben“, innerhalb derer natürlich ein bestimmter Spielraum da ist. In unserem klassischen Bereich, der Orthografie, ist uns das aus der Hand genommen worden durch staatliche Festlegung, denn seit 1996 bestimmen ja nicht mehr wir, sondern der Rat für deutsche Rechtschreibung bzw. seine Vorläufer. Aber auch da haben wir eine Leitplanke aufgestellt, indem wir die Duden-Empfehlungen geben. Viele stört das, weil sie finden, dass wir uns eine Interpretationshoheit anmaßen, denn der Rat sieht beide Varianten als gleichberechtigt an. Das ist im Ansatz richtig, hilft aber vielen Leuten nicht in ihrem täglichen Schreibprozess. Das wissen Sie ja selbst.

Stimmt. Wie ist es in der Grammatik?

Da ist es anders, weil es da keine Institution wie den Rat für deutsche Rechtschreibung gibt. Wir sind in einer ratgeberischen Funktion und bewerten anhand der Belegsammlung im Dudenkorpus, einer großen digitalen Textsammlung. Wir beschreiben, was wir finden, und geben auf dieser Grundlage Ratschläge oder Empfehlungen.

Kathrin Kunkel-Razum

Zur Person

Kathrin Kunkel-Razum leitet seit 2016 die Mannheimer Dudenredaktion. Die promovierte Sprachwissenschaftlerin hat unter anderem als Lehrerin für Deutsch und Geschichte sowie als Redakteurin und Vize-Chefredakteurin der „Zeitschrift für Germanistik“ gearbeitet, bevor sie 1997 zum Duden kam. Ihre Schwerpunkte dort sind allgemeine Lexikografie, Onlinelexikografie, Öffentlichkeitsarbeit. FR Felix Pöhland Photography.odt

Und das ist auch Ihr Selbstverständnis, wenn es um das Gendern geht?

Genau. Interessant finde ich, dass es viele Jahre ruhig war um dieses Thema, im Moment aber vehement nach Lösungen gesucht wird. Sprachpolitisch ist das spannend. Auch hier ist unsere Grundlage die eben schon beschriebene Sammlung, das Dudenkorpus. Da lässt sich alles finden, etwa, dass die „Brigitte“ seit einigen Ausgaben mit dem Sternchen gendert oder die „taz“ lange das Binnen-I gebraucht hat. Schwierig ist es – teils aus rechtlichen Gründen –, in großem Umfang soziale Medien zu analysieren.

Gendern: Sprache beeinflusst Denkmuster

Ein Argument für das Gendern ist ja, dass Sprachmuster Denkmuster zur Folge haben, dass Denken also mittels Sprache zu beeinflussen ist. Ist das begründet?

Ich halte das absolut für begründet. Wir können nicht denken ohne Sprache. Auf der anderen Seite ist die Verwendung der sprachlichen Differenzierung heute so weit fortgeschritten, dass man in Sätzen, in denen nur das generische Maskulinum, also die männliche Form, vorkommt, unsicher wird, was einem jetzt gesagt wird. Wenn Sie hören: „Die Ärzte dieses Krankenhauses operieren 3000-mal im Jahr“, wäre vor 20 Jahren relativ klar gewesen, dass Männer und Frauen gemeint sind. Heute werden das viele immer noch denken – aber viele eben auch nicht. Im Sinne von gedanklicher und sprachlicher Präzisierung braucht es hier inzwischen andere Formen.

Gegen das Gendern wird zum Beispiel vorgebracht, es verhunze die Sprache oder störe den Lesefluss. Ist dieses sprachästhetische Empfinden rein subjektiv?

Nein. Natürlich ist es nicht einfach – das merken Sie ja auch in Ihrem Redaktionsalltag -, immer die dem Text angemessenen Formen für das Gendern zu finden. Bei der Nachricht etwa, wo es kurz und knackig zugehen muss, machen Überschriften Schwierigkeiten. Bei uns sind es Wörterbuchtexte. Da haben Sie schlicht nicht den Platz, jedes Mal „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ zu schreiben oder „Lehrerinnen und Lehrer“. Aber deshalb zu sagen, das ist ja schwierig, dann lassen wir es eben sein, ist zu platt und zu einfach. Bestimmte Dinge sind auch unproblematisch. Man kann sich zum Beispiel sagen, dass das Sternchen „alle“ bedeutet, und dann hat man das verstanden. Natürlich ist es erstmal irritierend, wenn irgendwo ein Sternchen steht, aber das war ja auch Sinn und Zweck der Angelegenheit. Wir beobachten, dass das Sternchen die am häufigsten benutzte Form ist.

Wie finden Sie den Doppelpunkt?

Wir finden den Doppelpunkt nicht günstig gewählt, weil der in der Sprache, im Satzbau beispielsweise, so klar mit bestimmten Funktionen belegt ist. Natürlich steht das Sternchen als Zeichen auch für andere Funktionen, aber die sind nicht so nah an Grammatik oder Satzgliederung wie der Doppelpunkt. Von daher raten wir eher von ihm ab.

Gendern oder einfach die weibliche Form anstelle der männlichen

Eine Autorin des österreichischen Magazins „Falter“ hat kürzlich dazu aufgerufen, künftig nur noch die weibliche Form zu verwenden und die männliche stets „mitzumeinen“.

Ganz neu ist das nicht. Die Promotionsordnung der Universität Leipzig ist schon vor vielen Jahren umgestellt worden, da müssen sich auch die Männer als Professorinnen bezeichnen lassen. Das erzeugt natürlich viel Aufmerksamkeit, aber im Sinne von Gerechtigkeit würde ich eher andere Formen wählen.

Wer wendet sich in Sachen Gendern an den Duden, um sich beraten zu lassen?

Es sind sowohl Privatpersonen als auch der gesamte gesellschaftliche Querschnitt. Angefangen bei Universitäten und Fachhochschulen bis hin zu großen Firmen, die offenbar erkannt haben, dass es unter ökonomischen Aspekten clever wäre, auch Frauen anzusprechen. Da stecken ja sehr unterschiedliche Motivationen dahinter. In der Volkshochschule Köln habe ich einen Workshop für städtische Mitarbeiter gegeben, die zum Beispiel ihre Anschreiben geschlechtergerecht formulieren wollen. Ministerien sind dabei, Medien, das Wissenschaftszentrum Berlin – es ist eine sehr große Bandbreite. (Interview: Sabine Hamacher)

Sprache ist Haltung. Inklusives Reden und Schreiben sind eine Frage der Gerechtigkeit – dieser Meinung ist FR-Chefredakteur Thomas Kaspar. Dass das generische Maskulinum zusehends Missverständnisse schafft, sieht Michael Bayer, stellvertretender FR-Chefredakteur. Doch eine Sensibilisierung der Sprache reicht nicht. Journalistinnen und Journalisten müssen die Verhältnisse prüfen.

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Wie halten Sie es selbst mit Gendern? Stören Gender-Sternchen oder -Doppelpunkte Ihren Lesefluss? Oder haben Sie sich längst an inklusive Zeichen gewöhnt? Darüber wollen wir mit Ihnen ins Gespräch kommen.

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