1. Startseite
  2. Politik

Anschlag von Nizza: „Am 14. Juli bin ich ein erstes Mal gestorben“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stefan Brändle

Kommentare

Gendarmen bewachen den Sondergerichtssaal vor dem Beginn des Prozesses um die Anschläge von Nizza.
Gendarmen bewachen den Sondergerichtssaal vor dem Beginn des Prozesses um die Anschläge von Nizza. © dpa

In Paris hat der Prozess wegen des Anschlags von Nizza 2016 begonnen. Angeklagt sind die acht möglichen Beteiligten an der Tatvorbereitung. Eine Untersuchung mit Rätseln.

Stéphanie Trovato hat am französischen Nationalfeiertag von 2016 keine Angehörigen verloren, sie selbst überlebte ohne sichtbare Verletzung. Mit leerem Blick auf das Gedränge vor dem Saal im Pariser Justizpalast sagt sie aber leise: „Ich selbst bin am 14. Juli 2016 wie ein erstes Mal gestorben.“ Dann schluckt sie, versucht, die Tränen zurückzuhalten, aber es geht nicht.

Jetzt kann die ehemalige Lehrerin wenigstens reden. Sie erzählt, wie sie an jenem Sommerabend auf der Strandpromenade von Nizza nach dem Feuerwerk mit Familienmitgliedern beschwingt nach Hause ging. Ihre Nichte, damals 14, rettete ihnen das Leben, als sie rief: „Schau Tante, man darf auf der Straße gehen.“ Gesagt, getan. In dem Moment raste auf dem Gehsteig ein weißer Lastwagen heran, überfuhr wahllos junge und alte Menschen.

Stéphanie Trovato und die Kinder verfolgten die furchtbare Amokfahrt von der Straße aus. 86 Tote, 400 Verletzte lautete die Bilanz der Terrorfahrt. Am Montag hat in Paris der Prozess gegen die Helfershelfer begonnen. Der Attentäter selbst, aus Tunesien zugereist, wurde bei der fast zwei Kilometer langen Fahrt von Polizisten erschossen.

Anschlag von Nizza 2016: Vom Haupttäter ist im Gerichtsverfahren keine Rede

Vier Tunesier, drei Albaner und eine Albanerin sitzen an diesem Montag als Angeklagte hinter einer Plexiglasscheibe im Gerichtssaal. Terrorist:innen sind sie nicht, niemand von ihnen war je zum Dschihad in Syrien übergelaufen. Sie verkauften dem Täter Waffen, vermittelten den Miet-Laster. „Keiner hatte eine präzise Kenntnis vom Terrorprojekt“ des Haupttäters, hält die Anklageschrift fest.

Vom Haupttäter ist keine Rede in dem Pariser Gerichtsverfahren, das live nach Nizza in einen Versammlungssaal übertragen wird. Mohamed Lahouaeij-Bouhlel trank Alkohol und schlug seine Frau. Im Internet verfolgte der ungläubige Mann Hinrichtungen durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Erst in den letzten Wochen vor dem Anschlag besuchte er eine Moschee – als suchte er einen islamistischen Vorwand für die Umsetzung seiner Gewaltphantasien und –projekte.

War er ein Dschihadist? Der IS übernahm zwar zwei Tage später die Verantwortung für die Amokfahrt. Die Polizei stellte aber keinen Bezug zwischen dem Attentäter und dem IS fest. Terrorfachleute gehen davon aus, dass sich die militärisch bedrängte Miliz erstmals eines Attentates bezichtigte, das sie nicht in Auftrag gegeben oder ferngesteuert hatte.

Anschlag in Nizza 2016: Kein Musterprozess in Sachen islamistischer Terror

All das ergibt keinen Musterprozess in Sachen islamistischer Terror. „Viele der 850 Nebenkläger werden enttäuscht sein“, sagt Célia Viale, Kopräsidentin des größten Opfervereins „Promenade des Anges“. „Der Haupttäter fehlt in dem Prozess, und die Helfer sind auch nur Kleinkriminelle“, resümiert Célia Viale, die bei dem Anschlag in Nizza ihre Mutter verlor und seither unter schweren Ekzemen im Gesicht und an den Händen leidet. „Deshalb warnen wir vor zu hohen Erwartungen.“

Dann sagt die junge Frau: „Wichtiger wäre ein anderer Prozess, von dem hier niemand spricht.“ Die 28-jährige bildende Künstlerin erzählt, ihre Opfervereinigung warte seit Jahren auf Erklärungen, ob die Polizei von Nizza den Schauplatz des „Quatorze Juillet“ 2016 genügend abgesichert habe. „Viele Terrorexperten rechneten damals mit einem Lastwagenanschlag, nachdem der IS ausdrücklich dazu aufgerufen hatte, ‚die dreckigen Franzosen mit Autos oder anderen Mitteln zu zermalmen‘.“

Der Verein „Promenade des Anges“ hatte schon im Jahr 2017 Anzeige eingereicht, damit die behördlichen „Verfehlungen“ – so Célia Viale – geahndet würden. Dazu zählt sie auch Berichte, dass die Gerichtsmedizin in Nizza zahlreichen Todesopfern – zum Teil sämtliche – Lebensorgane entnommen habe, ohne die Angehörigen zu informieren. Laut Frau Viale bremst die französische Justiz die Ermittlungen. „Wir befürchten, dass sie noch ganz versanden. Aber wir lassen nicht locker. Das schulden wir den Opfern noch mehr als diesen Prozess.“

Auch interessant

Kommentare