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Greta Thunberg, hier bei einem Auftritt im Juli in Berlin, ist auch für den Friedensnobelpreis im Gespräch.

Auszeichnung

Alternativer Nobelpreis: Greta Thunberg hat eine „unglaubliche Leistung“ vollbracht

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Der 40. Alternative Nobelpreis geht an drei Frauen und einen Mann, die gegen alle Anfeindungen für eine bessere Welt streiten.

Die Entscheidung, Greta Thunberg den Alternativen Nobelpreis zu verleihen, war schon gefallen, als die 16-jährige Klimaaktivistin in der New Yorker UN-Zentrale die versammelten Machtpolitiker in unvergesslichen vier Minuten zornbebend anfuhr: „Wir stehen am Beginn eines Massensterbens, und alles, worüber ihr sprechen könnt, sind Geld und Märchen von ewigem Wirtschaftswachstum. Wie könnt ihr es wagen?“ Am selben Ort und keine 24 Stunden vor der Preisverkündung in Stockholm zeigten, wenngleich unfreiwillig, auch die wüsten Attacken des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro gegen „radikal extremistische“ Umweltschützer, „klimabesessene“ Medien und „neokolonialistische“ Fürsprecher indigener Amazonasstämme, dass die Stockholmer Jury wohl einen Nerv getroffen hat.

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Denn zu den am Mittwoch verkündeten vier Preisträgern des 40. „Right Livelihood Award“ gehört auch Davi Kopenawa vom Volk der Yanomami aus dem Amazonasgebiet. Er wird ausgezeichnet für den jahrzehntelangen Kampf für sein indigenes Volk und damit gegen die Zerstörung des Amazonas-Regenwalds durch wirtschaftliche Ausbeutung. Die „Berührung mit der Zivilisation“ seit den 80er Jahren hat ein Fünftel aller Yanomami das Leben gekostet. Ole von Uexküll, Direktor der Right-Livelihood-Stiftung, hebt im FR-Interview gegen diesen düsteren Hintergrund immer wieder sehr handfeste Erfolge von Preisträgern heraus. Kopenawa, der sein Geburtsjahr mit „etwa 1956“ angibt, habe entscheidend daran mitgewirkt, dass 1992 eine Fläche zweimal so groß wie die Schweiz als Schutzgebiet für sein Volk ausgewiesen wurde.

Friedensnobelpreis hat sich an die Ideen des Alternativen Nobelpreises angenähert

„Ganz krass“ ohne zivilgesellschaftliche Absicherung hätten auch die zwei anderen Preisträger dieses Jahres zu kämpfen und seien trotzdem erfolgreich: Die für Frauenrechte streitende chinesische Juristin Guo Jianmei (57) und die Menschenrechtlerin Aminatou Haidar (53) im Unabhängigkeitskampf für das Volk der Westsahara gegen Marokko.

„Umso mehr spricht es für die ausgezeichneten Personen, dass sie es schaffen, ihre Anliegen erfolgreich rüberzubringen und auch wirklich konkrete Verbesserungen für ihre Mitmenschen zu erreichen,“ sagt Uexküll. Die Pekinger Anwältin habe Tausenden benachteiligten Frauen Zugang zur Justiz verschafft und den gesellschaftlichen Blick auf die erhebliche Benachteiligung der 650 Millionen Chinesinnen geschärft.

Aminatou Haidar, ausgezeichnet als „herausragende Menschenrechtsaktivistin“ für die Unabhängigkeit ihres von der Welt ziemlich vergessenen Landes, hat laut Uexküll gezeigt, „dass gewaltloser Widerstand funktioniert“. „Westsahara bekommt viel zu wenig Aufmerksamkeit, dabei hat sie dieselbe verdient wie die Besetzung von Teilen von Palästina,“ sagt Uexküll.

Sein deutsch-schwedischer Onkel Jakob von Uexküll hat diesen „Preis für nachhaltiges Leben“ gestiftet und den Start mit seiner Briefmarkensammlung finanziert. Aber erst, als die Stockholmer Nobelstiftung seinen Vorschlag abgewiesen hatte, zusätzlich zu den bisherigen Nobelpreisen je einen für die Umwelt und einen zur Förderung von Menschen in armen Ländern zu verleihen. Inzwischen hat sich der in Oslo vergebene Friedensnobelpreis kräftig an die Grundideen von Uexkülls zu sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz als friedensstiftend angenähert. Der kongolesische Arzt Denis Mukwege, Vorkämpfer gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen im Krieg, Friedensnobelpreisträger im vergangenen Jahr, und 2004 die Umweltschützerin Wangari Maathai aus Kenia hatten beide jeweils vorher schon einen Alternativen Nobelpreis bekommen.

Dass sich das für Greta Thunberg wiederholt, ist durchaus wahrscheinlich. Auch der Osloer Nobeljury kann nicht entgangen sein, wie die von Thunbergs Schulstreik initiierte Jugendbewegung Fridays for Future die globale Klimabedrohung neu und donnernd auf die Tagesordnung gesetzt hat. 

Lob für Greta Thunberg, Kritik an Obama

Für Ole von Uexküll hat sie mit ihrer Rede vor den Vereinten Nationen nachdrücklich bestätigt, was die eigene Jury auch bei der Preisvergabe befand: „Ich war tief beeindruckt, wie sie es schafft, immer wieder politische Notwendigkeit und wissenschaftliche Einsicht auf den Punkt zusammenzubringen. Daraus leitet sie mit einer absoluten moralischen Klarheit Forderungen und auch ihre persönliche Empörung ab.“ Sie habe in jungen Jahren „schon eine unglaubliche Leistung vollbracht“.

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Gegen einen Friedensnobelpreis für die junge dritte schwedische Preisträgerin des Alternativen Nobelpreises nach Astrid Lindgren (1994) und dem Netzwerk „Frauen für Frauen“ (2002) hätte von Uexküll nichts: „Wir sind keine Konkurrenzveranstaltung.“ Es gebe auch weiter klare Unterschiede, weil der Friedensnobelpreis „immer noch hin- und herpendelt“, wenn etwa jemand aus der hohen Politik wie Ex-Präsident Barack Obama ausgezeichnet werde: „Der Friedensnobelpreisträger hätte unseren Alternativen Nobelpreisträger Edward Snowden am liebsten hinter Gitter gebracht. Obama hat jede Woche einmal die Kill-Listen für die Drohnen abgezeichnet, wer in Jemen und Pakistan aus der Luft getötet werden soll.“

Snowden wird als Ehrengast über Videolink aus Moskau zugeschaltet, wenn die diesjährigen Alternativen Nobelpreise am 4. Dezember in Stockholm überreicht werden. Sie sind mit umgerechnet je 94.000 Euro dotiert.

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