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Das Alte Testament ist doch für alle da

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Grabstätte auf dem alten jüdischen Friedhof in Breslau, auf dem auch Ferdinand Lasalle begraben liegt
Grabstätte auf dem alten jüdischen Friedhof in Breslau, auf dem auch Ferdinand Lasalle begraben liegt © imago stock&people

In Breslau pflegen die jüdische und die christlichen Gemeinden das Miteinander. Mit einem Steinwurf fing alles an

Von Agnieszka Hreczuk

In den Bergen kann schon ein kleiner Stein eine verheerende Lawine auslösen. Anderswo jedoch kann er auch eine Bewegung in Gang setzen, die nicht zerstört, sondern aufbaut. So wie der Stein, den ein Skinhead 1995 an einem Sonnabendabend gegen die Tür der Synagoge in der Breslauer Wlodkowica-Straße warf. Jerzy Kichler, damals Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, war dabei, er berichtet: „In der Synagoge beugten sich junge Juden gerade über die Thora, als es passierte. Sie stürzten hinaus, ergriffen den Skinhead und holten ihn in den Raum. Er fing an zu schreien: Die Juden schlagen mich, sie bringen mich um. Der Polizist, den wir herbeiriefen, durchsuchte den Skinhead, und als er ein riesiges Messer bei ihm fand, war er so aufgebracht, dass er zuschlug. Und dann“, und Kichler lacht noch heute befreit auf, als er es erzählt, „dann beschützten unsere Jungen, die Juden, auf einmal den Skinhead, der sie angegriffen hatte, vor dem Polizisten!“

Die alten Lieder aus der Heimat

Die unverhoffte Solidarisierung der Opfer mit dem Täter habe ihm damals zu denken gegeben, sagt Kichler. Und als im Viertel weitere Steine flogen – einer durchschlug das Fenster der orthodoxen Kirche, ein weiterer traf das nahe katholische Gotteshaus –, setzte er sich in Bewegung. Als Ersten suchte er den katholischen Priester auf, dann nach und nach die Geistlichen aller Konfessionen des Viertels. Jeder von ihnen berichtete in seiner jeweiligen Gemeinde von den Angriffen, alle predigten Toleranz. Es entstand das „Viertel des gegenseitigen Respekts“. Auf protestantischer Seite war Janusz Witt der Ansprechpartner für Kichler. Er stammt aus Wielun, der Stadt, die Hitlers Wehrmacht 1939 als erste bombardierte. „Nach dem Krieg hat es viel Hass gegeben. Zwischen Christen und Juden, aber auch unter den christlichen Kirchen lief es nicht so, wie man sich es wünschen würde“, erzählt er. Obwohl von den 600 Gläubigen seiner Gemeinde die allermeisten Polen seien und nur wenige Deutsche, seien die Protestanten immer pauschal als Deutsche betrachtet worden – mit dem entsprechenden Misstrauen.

Kichler aber habe nicht das Trennende, sondern das Gemeinsame herausgestellt, berichtet Witt. „Schau mal: Auf engem Raum haben wir hier drei Kirchen und eine Synagoge. Nachbarn sind wir seit Jahrhunderten. Es wäre schön, wenn wir das richtig nutzen würden, sagte er zu mir.“ Weil Kichler, Witt und ihre Mitstreiter aus den anderen Gemeinden gleichermaßen überzeugt waren, dass Gewalt aus Angst vor dem Unbekannten erwächst, begannen sie damit, die jeweils anderen Glaubensgemeinschaften zu sich einzuladen. „Bei uns in der Gemeinde gab es viele ältere Mitglieder, die aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten kamen“, erzählt Kichler. „Auf einem Treffen haben sie angefangen, ukrainische Lieder – die sogenannten Dumki – zu singen. Da stellte sich heraus, dass viele Ostpolen und Ukrainer, die zur polnischen orthodoxen Kirche gehören, aus ihrer Kindheit noch jiddische Lieder kannten. Bald sangen sie alle zusammen.“

Die Treffen der Gläubigen über die Religionsgrenzen hinweg wurden häufiger, sie bedurften nicht mehr unbedingt der Organisation der Gemeinden. Senioren, Kinder, Studenten kamen zusammen, gemeinsam statt wie bisher jeder für sich lasen sie im Alten Testament. Es bildeten sich Gruppen, die jüdische Tänze, christliche Gospels oder gregorianische Choräle einstudierten.

Die Jugendarbeit stand und steht im Vordergrund der Arbeit. In Ferienkursen probieren Kinder das Gewand des evangelischen Pfarrers an, sie backen Matzen nach jüdischer Tradition und kneten aus Lehm die Gesetzestafeln Mose. Mehrere tausend Jugendliche waren es in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten, viele kommen bis heute wieder, obwohl sie längst studieren oder berufstätig sind.

Der Erfolg machte das „Viertel des gegenseitigen Respekts“ weithin bekannt, für die Stadt wurde es zum Vorzeigeobjekt, auch der Patriarch von Konstantinopel und der Dalai Lama waren schon zu Gast. Ökumene gebe es zwar anderswo auch, sagt Kichler. „Doch unser Viertel ist mehr. Was wir pflegen, ist schon ein transreligiöser Dialog, bei dem die Gemeinden nicht nur miteinander reden, sondern gemeinsam große finanzielle Projekte tragen.“

Das wiederum ist vor allem das Verdienst von Stanislaw Rybarczyk. 2005 sei klar geworden, dass der informelle Rahmen nicht mehr ausreichte, erzählt er. Um neue Ideen umzusetzen, habe es an Geld und Organisation gemangelt. Rybarczyk fand die Lösung: eine Stiftung.

Katholik im Synagogen-Chor

Rybarczyk könnte selbst als Symbol für das Viertel herhalten. Der gebürtige Breslauer, der sowohl Polen als auch Deutsche unter seinen Vorfahren hat, half bei der Wiedergeburt der jüdischen Gemeinde nach der Wende mit. Der Berufsmusiker gründete damals einen Synagogen-Chor, den einzigen in ganz Polen. Dabei ist er selbst Katholik. „Tja, damit hätten Sie nicht gerechnet“, sagt er lachend.

Stanislaw Rybarczyk ist sich sicher, dass seine Stadt eine besondere Bestimmung hat. „Es hängt hier in die Luft, über den Straßen und Gebäuden: ein Gefühl der Toleranz und des gegenseitigen Respekts“, sagt er. An einen Zufall glaubt er nicht. Es müsse schon der Allmächtige selbst sein, der hier seine Hand im Spiel habe. Und wieder lächelt er.

Heute fliegen auf der Wlodkowica-Straße keine Steine mehr. „Dafür begrüßen mich die Nachbarn mit Schalom, wenn ich vorbeilaufe“, sagt Jerzy Kichler. „Den Steinewerfer von damals sehe ich übrigens noch gelegentlich auf der Straße. Er ist mittlerweile kein Skinhead mehr.“

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