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Alte Rebellen

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Entspannt im Hier und Jetzt: Reife Hippies auf einer Wiese in Breitenbach unterhalb der Burg Herzberg.
Entspannt im Hier und Jetzt: Reife Hippies auf einer Wiese in Breitenbach unterhalb der Burg Herzberg. © dpa

Die neue Rentnergeneration wird sich nicht mit dem Rückzug in Seniorenresidenzen und Schrebergärten zufriedengeben. Sie will altern, wie sie bislang gelebt hat: selbstbestimmt, unkonventionell und ein bisschen wild.

Vom "Rückzug ins Private" haben die 68er schon immer mehr verstanden als alle anderen. (?) Der traditionelle Gedanke, dem Staate ganz und gar, also ohne persönliches Refugium, zu dienen, hat diese Generation nie angekränkelt. Schließlich hatten sie auch "das Private für politisch" erklärt. Für den Ruhestand scheinen sie denn auch besser gerüstet als die Generation davor. Und politisch sind sie längst dabei, ihn still und heimlich vorzubereiten. "Zu altern ist eine faszinierende Angelegenheit", bekannte "Rolling Stone" Keith Richards, "je älter man wird, desto älter will man werden". (?)

Es werden, folgt man einer Studie des Psychotechnischen Instituts in Wien, in naher Zukunft vier Typologien auftreten, denen die 68er-Senioren zugeordnet werden können:

Typ 1: Die vitalen Genießer

26 Prozent aller 68er-Rentner werden sich hier einordnen lassen. (?) Sie lassen sich durch Ausgeglichenheit, Zufriedenheit, Aktivität, Kontaktfreudigkeit und eine positive Einstellung gegenüber dem Alter charakterisieren. Sie demonstrieren auch im Alter eine hohe Risikobereitschaft, sind qualitätsorientiert und blicken auf eine lange Lebenserfahrung zurück. Sie haben kräftig konsumiert und mindestens eine Scheidung hinter sich. Im aktiven Leben zählten sie zur deutschen Elite, kennen die Welt und sind ausgesprochen selbstbewusst. (?)

Typ 2: Die Aufmüpfigen oder Renitenten

Neun Prozent aller 68er-Senioren werden aufmüpfig und renitent sein. Sie sind Ich-bezogen, auf den eigenen Vorteil bedacht und neigen zur Rebellion. Ihr Markenzeichen ist eine besondere Form von Jugendlich- und Sportlichkeit (Forever-young-Syndrom), und sie haben das, was der Publizist Thomas Groß "die Unfähigkeit zu altern" nennt. Jede wahrgenommene Ungerechtigkeit wird von der Kanzel der politischen Korrektheit herunter angeprangert und mit speziellen Methoden der Vergangenheit angegangen.

Typ 3: Die Deprimierten

Zu 17 Prozent werden sich die 68er-Ruheständler der Gruppe der Deprimierten zugehörig fühlen. Sie empfinden das Alter als eine Last und haben eine tendenziell negative Einstellung zu ihrem Körper. Außerdem zeichnet sie ein Preisbewusstsein aus, das aber, wenn es ihre Gesundheit betrifft, einer Qualitäts- und Markenorientierung weicht. Sie kaufen ihre Produkte nicht im Bioladen, sondern bei Aldi oder Lidl, und verbringen den Urlaub im eigenen Garten oder auf dem Balkon. Das Politikinteresse richtet sich auf die "Tagesschau", "Monitor", "Aspekte" und die Lokalzeitung.

Typ 4: Die Traditionellen

Sie werden rund 48 Prozent der 68er-Senioren ausmachen und nach der Devise leben: "Ich bin so alt, wie ich mich fühle." Zu diesem Typ zählen alle, die 1968 auf der anderen Seite standen oder sich später distanzierten, wie zum Beispiel Uschi Glas, Peter Gauweiler, Edmund Stoiber. (?) Sie strebten damals nicht den langen Marsch an, sondern widmeten ihre Lebenszeit gleich der Karriere, und das - wie man heute noch sieht - mit Erfolg. Natürlich hatten auch diese 68er mehr oder minder Vorlieben für Rockmusik und lange Haare.

Vier unterschiedliche Typen - vier unterschiedliche Lebensweisen. Und doch werden die 68er-Rentner mehr Verbindendes haben als andere Generationen. Und das werden neben den Segnungen von Geriatrie und Gentechnik die Psychologie und die Esoterik sowie der Konsum sein. Sie ermöglichen den unbeschwerten Übergang in den Ruhestand. Aus dieser Verbindung entsteht der Stoff, aus dem Altersträume zukünftig konstruiert werden können: Schönrederei und Hypochondrie, Hypnose und Suggestion, der Glaube an Steine, die Leiden lindern, und an Tarot-Karten, die die Zukunft vorhersagen, der Umgang mit geschäftstüchtigen Geriatern und faltenstraffenden Schönheitschirurgen sowie schließlich der Genuss der Früchte ihres Lebens.

Die Esoterik und die Psychologie werden die Vorstellung von der Sterblichkeit des Menschen erträglich machen. Sie geben den 68ern Hoffnung und Halt. Dabei scheint eines sicher: dass sich auch die Anti-68er-68er (Typ 4) dieser Instrumente bedienen werden. Denn auch jemand wie Edmund Stoiber leidet unter dem Verfallsdatum der menschlichen Existenz, und selbst Uschi Glas kennt die Altersgrenzen weiblicher Schönheit. Nicht ohne Grund hat sie sich in der Bild-Zeitung noch mit fast 60 Jahren im knappen Bikini ablichten lassen und dazu gleich die psychologische Erklärung geliefert: "Auch Alte haben ein Recht auf öffentliche Nacktheit!"

Der Konsum schließlich, von ihnen einst verdammt, beschert ihnen paradiesische Zeiten schon auf Erden. Die 68er werden die letzte Generation sein, auf die Norbert Blüms Satz "Die Rente ist sicher!" noch zutrifft. Geschickt ist es ihnen bereits gelungen, die Anhebung des Renteneintrittsalters trotz massiver Probleme in den Kassen auf einen Zeitpunkt zu verschieben, da sie ihre eigene Alterskohorte nicht mehr betreffen wird. Und sie werden über ein - teils selbst erarbeitetes, teils ererbtes - Vermögen von einem Ausmaß verfügen, wie noch keine Generation vor und wohl auch nach ihr. "Nicht die Ideen der Achtundsechziger änderten die Gesellschaft, sondern die von ihnen verteufelte Wohlstandsgesellschaft nahm gierig ihre neuen Bedürfnisse auf", bilanziert der Autor Henning Ritter den Weg der 68er, "und es dauerte nicht lange, bis die Generation, die zur Bundesrepublik auf Distanz gegangen war, sich bereitwillig von dem verschlingen ließ, was sie eben noch als Konsumgesellschaft verteufelt hatte".

Der Konsum: ein ebenso einigendes Band wie die gemeinsame Vergangenheit. Oder, wie es der Philosoph Peter Sloterdijk spöttisch kommentierte: "Alle Wege von 68 führen letzten Endes in den Supermarkt." (?)

Noch immer dominiert der Jugendkult die Leitbilder der Gesellschaft, Sex gilt als Privileg der Jungen. Die Alten der Kriegsgeneration hätten Worte wie Orgasmus, Selbstbefriedigung, Vagina, Penis oder Kondom niemals ausgesprochen, höchstens in weinseliger Männerrunde oder in Form schlüpfriger Witze. Das wird sich schon in den nächsten Jahren radikal ändern. Das "Es" wird zum brandaktuellen Thema des Alters.

Denn die 68er sind Dauerjugendliche, die statt auf Müßiggang und Entspannung auf Leidenschaft, Spielen und Lernen setzen. Und sie setzen Sex mit Freiheit gleich. Eine Ursache dafür liegt in den Frauen, die sich ihre sexuelle Befreiung mit der Emanzipationsbewegung hart erkämpft haben. Sie stellen die erste weibliche Generation, die eigene Berufskarrieren verwirklichen konnten, statt sich auf Gedeih und Verderb dem Ehemann unterzuordnen und auszuliefern; sie sind deshalb heute selbstbewusster als ihre Mütter und zumeist wirtschaftlich unabhängig. Sex ist kein Tabuthema in der Beziehung mehr, und die Frauen sind es gewohnt, ihre Wünsche und Vorstellungen geltend zu machen.

Untersuchungen der Autorin Kerstin von Sydow erbrachten in den 90er Jahren Hinweise auf die sexuellen Interessen älterer Frauen: Am häufigsten üben demnach ältere Frauen Intimverkehr aus, die einen jüngeren Partner haben, bei Frauen mit einem älteren Mann ist die Koitus-Frequenz am geringsten. So verwundert es nicht, wenn Filmstars wie Demi Moore (45) neue Maßstäbe schaffen. Sie hat ihren alternden Ehemann Bruce Willis (52) gegen Ashton Kutcher (27) eingetauscht.

Die 68er-Frauen werden den Paradigmenwechsel in Sachen Sexualität im Alter als Teil der Altersrevolution intensiv betreiben. Da Frauen weit weniger als Männer an körperlichen Schwächen beim Sex zu leiden haben, werden sie die Männer für sexuelle Probleme im Alter verantwortlich machen. Ebenfalls vorbei ist es mit der allein Männern vorbehaltenen Angewohnheit, altersbedingte Unzulänglichkeiten nach außen hin mit einer jungen Geliebten zu kaschieren. Heute sucht sich auch die ältere Frau einen jüngeren Mann, nicht um sich zu schmücken, sondern weil dieser ihrem selbstverständlichen Bedürfnis nach Sexualität besser entspricht.

In Finnland untersuchte die Wissenschaftlerin Elina Haavio-Mannila die sexuellen Lebensstile von Generationen, darunter auch die der 68er-Jahrgänge. Das Ergebnis für die Generation, die die sexuelle Revolution auf den Weg brachte, sah so aus:

Nur 15 Prozent lebten zufrieden in Monogamie, 25 Prozent hatten im Laufe ihres Lebens mehrere Beziehungen nacheinander, und 29 Prozent führten Parallelbeziehungen. Neueste Untersuchungen in Deutschland zeigen eine ähnliche Entwicklung. Während Jugendliche in Deutschland heute Sexualität wieder stärker an Liebe und Monogamie binden und sich "ewige Treue" versprechen, ja sogar von einer "Remoralisierung von Treue" die Rede ist, stellen die neuen Alten wie 1968 die Monogamie in Frage.

Die 68er werden im hohen Alter weiter lustvoll lieben und die Sexualmoral Zug um Zug neu definieren. Während die bisherige Moral Sex im Alter weitgehend ausgeklammert hat, heißt die neue Doktrin: "Mein Körper gehört mir, egal wie alt er ist." Will man das Phänomen genauer beschreiben, muss man die Typologie dieser Generation hinzuziehen, aus der sich ein spezielles Sexualverhalten ableiten lässt.

Typ 1: Die vitalen Genießer

Für diesen Typ hat Treue als moralisches Prinzip ausgedient. Er lehnt heimliches Fremdgehen ab (es sei denn es wäre unvermeidlich oder "spontan") und setzt auf eine Art Konsens- oder Verhandlungsmoral. Wenn der Partner zustimmt ("ratifizierte Untreue"), brauche ich nicht heimlich fremdzugehen, denn der Partner kann das ja auch tun, wenn er möchte. Das ist Alt-68er-Konventionsmoral. Der Genießer ist offen für die sexuelle Freizeitgestaltung des "swinging" und einem "One-Night-Stand" nie abgeneigt (auch mit über 70 noch). In dieser Gruppe finden sich verstärkt die 68er-Männer, die ohne Viagra das Haus nicht verlassen, und Frauen, die mit jüngeren Männern zusammenleben. Dieser Typ hat in der Regel schon mindestens vier Ehen hinter sich. Eine erste "Jugendehe", die seine "wilden Jahre" nicht überstanden hat. Die zweite Ehe, die "Aufstiegsehe", diente dem Aufbau der eigenen beruflichen Laufbahn und endete spätestens kurz vor der obersten Sprosse der Karriereleiter. Die dritte Ehe wurde mit dem Partner geschlossen, der zu der Karriere passte. Mit der vierten Ehe schließlich kam der passende Partner für den "Ruhestand" an die Reihe, deutlich jünger und in jedem Falle besser geeignet für die neuen Lebensziele. Dazwischen dürfte sich durchaus noch der eine oder andere kleinere Fehlversuch finden.

Typ 2: Die Aufmüpfigen oder Renitenten

Dieser Typ bevorzugt serielle Beziehungen, also mehrere monogame Beziehungen, die aufeinander folgen. Dies ist ein Beziehungsmuster, das bei den 68er-Frauen etwas stärker ausgeprägt ist als bei den Männern. Der Grund liegt darin, dass Frauen im Allgemeinen weniger Scheu haben, ihr Leben gleich völlig umzukrempeln, wenn ihnen in der Beziehung etwas grundlegend missfällt. Männer, selbst die Renitenten, neigen hingegen eher zur Bequemlichkeit. Der Partnerwechsel wird bis ins hohe Alter betrieben und richtet sich nach den aktuellen Zielen des Renitenten ("Revolutionsziele"). So lernt man auf einschlägigen Veranstaltungen schnell mal jemanden kennen, der/die unwiderstehlich exakt die eigene Meinung vertritt. Der Typ des Aufmüpfigen strebt beständig nach einem erfüllten Sexualleben, weil ihm nur dies die nötige Energie dafür liefert, das Forever-young-Syndrom zu nähren. Sexualität darf dabei ruhig auch "alternativ" sein, das heißt: Man probiert auch mal eine gleichgeschlechtliche Variante aus. Hauptsache, Sex ist irgendwie spannend. Gesundheit und Fitness im Alter bestimmen Frequenz und Ergebnis des Sexualverhaltens, daher ist es für diesen Typus wichtig, sich körperlich fit zu halten. Zu diesem Typus zählen auch diejenigen, die für Viagra auf Krankenschein auf die Straße gehen und auch sonst gerne auf stimmungsaufhellende und fantasieanregende Drogen zur Steigerung von schwächelnder Lust zurückgreifen würden.

Typ 3: Die Deprimierten

Diese 68er-Gruppe lehnt Sex im Alter rigoros ab. Für sie ist Viagra einfach zu teuer und, wer weiß, bestimmt ungesund. Es passt nicht zum Kostenbewusstsein dieser Gruppe, für anstrengende und profane, zudem rein körperliche Eskapaden Geld auszugeben. Für die deprimierten 68er-Alten ist Sex pure Zeitverschwendung. Ein typischer Vertreter dieser Deprimierten ist Harems-Betreiber Rainer Langhans. Seinen fünf Frauen und dem staunenden Publikum erklärt er, wie seine physische Libido nunmehr in Sphären hoher priesterlicher Intellektualität und spiritueller Entwicklung aufgehe. Langhans könnte der Guru für alle Deprimierten werden, seine Argumente gegen die reine Sinnlichkeit im Alter sind in der Tat einmalig.

Typ 4: Die Traditionellen

Die Traditionellen stellen die große Masse der 68er-Alten. Sie stehen in der Mehrheit der Sexualität positiv gegenüber, solange es eben "noch funktioniert". Sollte es doch einmal schwierig werden, geht die Welt davon auch nicht unter. Unter den Traditionellen finden sich alle sexuellen Lebensstile: hauptsächlich die zufriedene Monogamie, aber auch devitalisierte Beziehungen (die Ehe besteht nur noch als Fassade oder Ruine), Formen von Parallelbeziehungen, serielle Beziehungen und viele Individuen, die noch oder wieder auf Partnersuche sind. Diese Gruppe unternimmt zumindest den Versuch, die Fahne der Ehe ("Bis der Tod euch scheidet") hochzuhalten. Sie gehören nicht zur Elite der Altersrevolutionäre, sondern sind partielle Gelegenheitsmitläufer. Romantik und Zärtlichkeit behalten ihren hohen Stellenwert auch im Alter. Dieser 68er-Typ profitiert von der sexuellen Altersrevolution, ohne sie selbst zu forcieren.

In wenigen Jahren wird Deutschland keine Diskriminierung der Alterssexualität mehr kennen, sie wird zum Normalfall, und geredet werden darf darüber an jedem Restauranttisch, in Filmen und Talk-Shows. Nach der ersten sexuellen Revolution der 60er Jahre folgt nun die zweite sexuelle Revolution, vorgetragen von der Generation, die bei diesem Thema schon einmal aktiv war. Der Sex im Alter ist dabei nicht neu, den gab es schon immer, neu hingegen ist die Tatsache, dass das Thema öffentlich dargestellt werden darf und die Alten offen darüber reden. Opa oder Oma können sich mit ihren Kindern oder Enkeln austauschen und am Familientisch offen darüber reden. Bei diesem Thema sind sich alle 68er einig, Tabus auf diesem Gebiet im Alter gehören abgeschafft.

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