+
Auf riesigen Leuchtbällen wurden bei der Feier am Brandenburger Tor TV-Bilder in Berlin aus der Mauerfallnacht 1989 gezeigt.

30. Jahrestag

Alte und neue Mauern

  • schließen
  • Jan Sternberg
    Jan Sternberg
    schließen
  • Alexander Holecek
    schließen

Zehntausende feiern in Berlin die deutsch-deutsche Grenzöffnung vor 30 Jahren. Doch in die Freude mischen sich auch nachdenkliche Töne.

Nichts ist unendlich“, singt am Abend der Ost-Rocker Dirk Michaelis von der Bühne vor dem Brandenburger Tor in seiner melancholischen Wendehymne „Als ich fortging“, und dazu werden auf riesigen Leuchtbällen die TV-Bilder aus der Mauerfallnacht von 1989 gezeigt.

Es ist der emotionale Beginn des Gedenk- und Feierabends zum 30. Jahrestag der Grenzöffnung, zu der Zehntausende dahin gekommen sind, wo einst der Todesstreifen die Stadt trennte.

Im Laufe des Abends, der mit Feuerwerk und Elektro-Musik endet, kann das Publikum hier ein Wechselbad der Gefühle durchlaufen, mit kämpferischen und traurigen Reden, mit Zeitzeugen und Musik von DJ Westbam über die Rapper „Zugezogen Maskulin“ bis zur Staatskapelle Berlin unter Leitung Daniel Barenboims. Sie spielt Beethovens Schicksalssymphonie, passend zum Tag.

In diesem Jahr ist der 9. November grau, kalt und regnerisch, nasser als vor 30 Jahren, als die Mauer fiel. Und es ist ein Tag voller Symbolik. Am Vormittag an der Mauer-Gedenkstätte Bernauer Straße durchlöcherten Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Rosen symbolisch die Mauer.

Merkels Rede schlug den Bogen vom 9. November 1989 zur Pogromnacht 1938. Sie rief dazu auf, Hass, Rassismus und Antisemitismus entschlossen entgegenzutreten. Zugleich forderte sie die Menschen auf, sich nicht entmutigen zu lassen: „Keine Mauer, die Menschen ausgrenzt und Freiheit begrenzt, ist so hoch oder so breit, dass sie nicht doch durchbrochen werden kann.“

Am Ende der Andacht in der Versöhnungskapelle wurden Kerzen an alle Teilnehmer verteilt. Pfarrer Thomas Jeutner erinnerte an die Rolle der Kerzen in der friedlichen Revolution 1989: „Die Kerzen waren unser Zeichen. Wir gingen hinaus in der Hoffnung, dass das Licht sich ausbreiten möge.“ Dann stellten Merkel und die anderen Ehrengäste die im Novemberwind flackernden Kerzen vor den Mauerresten ab. Zur Symbolik gehörte auch, dass die Staatschefs der vier mittel-osteuropäischen Staaten Polen, Ungarn, Tschechien und Slowakei als Steinmeiers Gäste dabei waren. Er betonte, dass der Mauerfall nicht aus dem Nichts kam: „Ohne den Mut und den Freiheitswillen der Polen und Ungarn, der Tschechen und Slowaken wären die friedlichen Revolutionen in Osteuropa und die deutsche Einheit nicht möglich gewesen.“

Die Hinterlandmauer auf dem früheren Todesstreifen an der Bernauer Straße in Berlin, symbolisch durchlöchert mit Rosen.

Bei einem gemeinsamen Essen im Schloss Bellevue mit den Staatschefs Zuzana Caputova (Slowakei), Milos Zeman (Tschechien), Andrzej Duda (Polen) und Janos Ader (Ungarn) führte er den Gedanken aus: „Ungarn, Polen, Tschechen und Slowaken nahmen sich die Freiheit. Sie nahmen sich die Freiheit für Europa und beendeten die Teilung unseres Kontinents. Die Freiheit Europas ist ihr Verdienst.“

Am Abend vor dem Brandenburger Tor hält Steinmeier eine nachdenkliche, aber kraftvolle Rede. Bei aller Freude über 1989 wendet er sich auch 1938 zu: Spätestens der antisemitische Anschlag in Halle habe bewiesen, dass die deutsche Verantwortung für die NS-Verbrechen nicht vergeht und der 9. November ein Tag der widersprüchlichen Erinnerungen bleiben müsse: „Ambivalenzen auszuhalten, Licht und Schatten, Freude und Trauer im Herzen zu tragen, das gehört dazu, wenn man Deutscher ist.“

Er warnt vor allem vor neuen Mauern, die „quer durch unser Land entstanden sind“: „Mauern aus Frust, Mauern aus Wut und Hass. Mauern der Sprachlosigkeit und der Entfremdung. Mauern, die unsichtbar sind, aber trotzdem spalten.“ Unter großem Beifall fordert er: „Die neuen Mauern in unserem Land, die haben wir selbst gebaut. Und nur wir selber können sie einreißen.“

Die DDR-Bürgerrechtlerin und spätere Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde Marianne Birthler sorgt dann für einen weiteren emotionalen Moment: So dankbar sie sei, dass die „Freiheitsrevolution vom Oktober 1989 keine Menschenleben gefordert hat“, so habe doch die SED-Diktatur zahlreiche Leben zerstört. Birthler erinnert an die inhaftierten, drangsalierten und getöteten Dissidenten, Oppositionellen und DDR-Flüchtlinge. Einige nennt sie mit Namen, dann ruft sie zu einem Schweigemoment auf.

Ohne die Versuche von Rechtspopulisten zu nennen, Slogans wie „Wir sind das Volk“ zu vereinnahmen, betont Birthler, dass die Demonstranten 1989 „ein offenes Land mit freien Menschen“ forderten, weshalb sich niemand darauf berufen dürfe, der nicht für Offenheit und Freiheit eintrete: „Wer seinem Hass freien Lauf lässt und das Leben von anderen mit Worten und Taten bedroht, ist nicht besser als die Stasi.“ Nationalisten und Rassisten würden die Werte von 1989 ebenso verraten wie die des Grundgesetzes; die Behauptung, „es gebe bei uns keine Meinungsfreiheit“, bezeichnet sie als Verleumdung.

Als Erbe von 1989 sieht sie die Verteidigung von Ausgegrenzten und die Solidarität mit Freiheitsbewegungen wie derzeit in Hongkong. Auch, wer sich heute für den Klimaschutz einsetze, stehe in der Nachfolge der oppositionellen DDR-Umweltbewegung. „Wenn wir unsere Freiheit wertschätzen und verteidigen“, schließt Birthler, „egal, wie alt wir sind und woher wir kommen – dann können wir uns alle Neunundachtziger nennen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion