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Wladimir Putin finanziert persönlich die Hauptikone der neuen Kathedrale.

Russland

Altarstufen aus deutschen Beutewaffen

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Russlands Verteidigungsministerium baut sich eine Kathedrale, in der Kult und Krieg siegreich verschmelzen sollen.

Es wird der dritthöchste orthodoxe Kirchturm der Welt, 95 Meter hoch. Das Bauwerk mit fünf goldenen Kuppeln im neobyzantinischen Stil ist auch sonst monumental: Die Grundfläche des Gotteshauses wird 11 000 Quadratmeter betragen und damit groß genug sein für 6000 Leute. Die vier Seitenflügel aber sollen Alexander Newski, dem Propheten Elias, dem Apostel Andreas und der Märtyrerin Barbara geweiht werden – also den Schutzheiligen der russischen Landstreitkräfte, der Luftwaffe, der Kriegsflotte und nicht zuletzt der strategischen, also atomaren, Raketentruppen.

„Wir hätten gerne, dass jeder Quadratmeter der Kirche symbolhaft ist“, erklärte Verteidigungsminister Sergei Schoigu vor Journalisten. „Dafür gießen wir die Stufen des Altars aus deutschen Beutewaffen.“

Das russische Verteidigungsministerium baut bei Kubinka westlich von Moskau eine „Hauptkathedrale der Streitkräfte“. Der Tempelkomplex, heißt es auf der Website des Projekts, „wird die Seelentiefe der russischen Heere symbolisieren, die das Schwert nur zum Schutz ihres Vaterlands erhoben haben“. Die Militärzeitung „Krasnaja Swesda“ titelt: „Eine Kathedrale als Symbol der Vereinigung Russlands und seiner Armee“. Es könnte ein Gotteshaus mit Zügen eines Kriegsmuseums werden.

„Dort werden unsere russischen Feldherren ebenso Platz finden wie unsere Märtyrer der Gegenwart und jene, die ihr Haupt auf die biblische syrische Erde gelegt haben“, erläutert Generaloberst Andrei Kartapolow dem Rüstungsfachblatt „Woenno-Promyschlenny Kurjer“. Kartapolow ist als Leiter der vor einem halben Jahr neu gegründeten politischen Hauptverwaltung der Streitkräfte Chefideologe des russischen Militärs. Er hat Russlands Militäreinsatz in Syrien auch schon als Kampf um die Wiege Jesu bezeichnet.

Die Kirchgänger mit und ohne Uniformen werden auf jeden Fall an den „Großen Vaterländischen Krieg“ gegen Hitlerdeutschland erinnert. So ist ein „Weg des Gedächtnis“ geplant, wo in interaktiver Form Fotos und Namen aller 33 Millionen Rotarmisten von damals gesammelt werden sollen. Der Weg soll 1418 Schritte zählen – für jeden Kriegstag einen. Laut Verteidigungsministerium ist es eine Volkskirche, deren Bau ausschließlich aus Spendengeldern finanziert wird. Bisher sollen über 33 Millionen Euro zusammengekommen sein, einen Großteil davon haben scheinbar Soldaten beigesteuert. Allerdings nicht ganz freiwillig, wie mehrere oppositionelle russische Medien behaupten. Das inzwischen blockierte Rechercheportal „MBCh-Info“ veröffentlichte bittere Kommentare von Offizieren der Pskowsker Garnison und ihren Frauen in sozialen Netzen. Daraus ist zu schließen, dass man einen Großteil ihrer Jahresprämien von manchmal mehr als umgerechnet 1000 Euro für den Kathedralenbau abgezweigt hatte. Das Verteidigungsministerium bezeichnete diese Veröffentlichung als ukrainische Propaganda.

„Prahlerei um der Prahlerei willen“, kritisiert „Radio Swoboda“ den Bau. „Die Armee und die obskure Orthodoxe Kirche haben sich auf der Suche nach einer neuen Staatsideologie zusammengetan“, sagt der Militärexperte Alexander Golz der FR. Dabei sei ein plattes Remake des deutschen Wehrmachtkoppelspruchs „Gott mit uns“ herausgekommen.

Der liberale orthodoxe Diakon Andrei Kurajew zweifelt am Sinn der Großkathedrale in der Datschenlandschaft westlich Moskaus. Der gigantomanische Bau werde meistens leer stehen. „Und an diesem Ort werden keine christlichen Ideen verwirklicht, das ist ein Ort des Hasses und des Hochmuts“, so Kurajew .

Wladimir Putin sieht das anders. Er finanziert persönlich die Hauptikone der Kathedrale, die aus dem Fahrwerk einer Kanone des 18. Jahrhunderts gezimmert werden soll. Am sieghaftesten aber verschmelzen Kult und Krieg auf den Altarstufen. Vertreter des Verteidigungsministeriums beruhigen aufgebrachte Militärhistoriker, man wolle für den Stahl der Stufen keine deutschen Beutewaffen aus Museumsbeständen eingießen, sondern nur Beuteschrott aus Armeemagazinen. „In diese Stufen werden stellenweise Fragmente zerstörter feindlicher Kriegstechnik montiert“, erklärt Oberpriester Leonid Kalinin vom Moskauer Patriarchat der Zeitung „Argumenty i Fakty“. „Sie sollen als Erinnerung daran dienen, welch einen starken Feind die Soldaten jenes Krieges unter die Füße unseres Volks gezwungen haben.“ Die „Hauptkathedrale der Streitkräfte“ soll am 9. Mai 2020, zum 75. Jahrestag des Siegs über Nazideutschland, eröffnet werden.

Zur Sache: Putin und Erdogan wollen sich treffen

Die Präsidenten Russlands und der Türkei wollen sich am 8. April erneut in Moskau treffen. Das sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Samstag der russischen Agentur Interfax zufolge. Es wäre in diesem Jahr die mittlerweile dritte Unterredung von Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan in Russland. Über Inhalte der Gespräche wurde zunächst nichts bekannt. Geplant sei, das russisch-türkische Kulturjahr zu eröffnen.

Russland gehört zu den wichtigsten Unterstützern des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Die Türkei unterstützt dagegen die Opposition. Putin und Erdogan hatten bereits vor zwei Monaten in Moskau über die Lage in Syrien beraten.

Einig sind sich Putin und Erdogan, wenn es um die von US-Präsident Donald Trump ins Spiel gebrachte Anerkennung der israelischen Souveränität über die Golanhöhen geht. Beide lehnen den Vorstoß ab.

Israel hatte die Golanhöhen, ein strategisch wichtiges Felsplateau oberhalb des Sees Genezareth, 1967 erobert und 1981 annektiert. Das wurde international aber nicht anerkannt. Nach internationalem Recht gelten die Gebiete als von Israel besetztes Territorium Syriens.

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