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Stilisierte Collage von mehreren älteren Damen, die an einem Tisch Gesellschaftsspiele spielen.
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Für viele Ältere ist der Verlust von Freundschaften schmerzhafter, als das Auftreten körperlicher Schwächen.

Bundestagswahl

Alt werden in Deutschland: „Zuallererst geht’s ums Wohnen“

  • Bascha Mika
    VonBascha Mika
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Ein sicheres Dach über dem Kopf hat für alte Menschen höchste Priorität. Doch in der Politik spiegelt sich das nicht. Christa Lippmann, Vorsitzende eines Vereins für Frauen im Alter, spricht im Interview über Verlustängste, Diskriminierung in Behörden und ungerechte Mieterhöhungen.

Frau Lippmann, was bedeutet es, in Deutschland alt zu werden?

Schöne Frage. Wenn sie keine gute existentielle Grundlage haben, also keine günstige Wohnung und keine auskömmliche Rente ist es scheußlich, ganz schrecklich. Dann ist Altwerden gar nicht erstrebenswert.

Die materiellen Voraussetzungen sind wichtiger als die sozialen Kontakte?

Zuallererst geht es ums Wohnen und finanzielles Auskommen. Doch die sozialen Kontakte sind der dritte entscheidende Faktor, um angenehm alt zu werden. Gerade für ältere Leute sind Kontakte ganz, ganz wichtig, sie leiden sehr, wenn das soziale Umfeld fehlt. Wir haben eine Umfrage in unserem Verein gemacht. Dabei kam heraus, dass die Angst vor Einsamkeit eine sehr große Rolle spielt. Wenn frau ganz allein ist, schaffen auch eine günstige Wohnung und gute Rente keine ausreichende Lebensqualität.

Altern wird gesellschaftlich meist als Verlust betrachtet, als Nachlassen von Gesundheit und Fähigkeiten...

Aber das ist es eigentlich nicht. Klar ist frau eingeschränkt, wenn sie nicht mehr schnell laufen kann oder nicht mehr so beweglich ist. Aber als Verlust betrachten die Frauen bei uns das Alter keineswegs. Teilweise sehen sie es sogar als Errungenschaft, weil sie jetzt von vielem frei sind. Freiheit heißt ungebunden zu sein, keine Termine und Verpflichtungen zu haben, keinem Mann mehr das Essen kochen zu müssen, keine Kinder zu versorgen, ohne Druck und Belastung zu leben – das sehen unsere Frauen als großen Vorteil.

Dr. Christa Lippmann ist promovierte Wirtschaftspsychologin, jetzt Rentnerin und Vorsitzende des Fördervereins Nachbarschaftlich leben für Frauen im Alter. Für ihr Engagement für die Elternzeit wurde Lippmann 2017 das Bundesverdienstkreuz und der Bayerischen Verdienstorden verliehen.

Verändert das öffentliche Gerede von der Defizitstruktur des Alterns denn nicht das Selbstbild?

Nein, das verfängt nicht. Ganz anders ist es, wenn die alten Freundinnen sterben. Wenn frau nicht mehr weiß, mit wem sie reden und wen sie besuchen kann, weil alle schon tot sind. Das ist schlimm und wird als großer Verlust empfunden. Während man viele körperlich auftretende Schwächen durchaus kompensieren kann. Menschen im Alter leiden nicht unter Verlustangst, weil sie die Treppe nicht mehr hochkommen. Und ein Rollator ist zwar nicht schön, aber mit ihm kann man immerhin laufen.

In welchen Bereichen werden alte Menschen am stärksten diskriminiert?

Beim Umgang mit Ämtern, bei der Bank oder in Geschäften. Auch, wenn es um den Führerschein geht. Unsere Frauen haben große Angst, dass eine Regelung eingeführt wird, die Autofahren nur bis zu einem bestimmten Alter erlaubt. Oder dass sie in einen Unfall verwickelt werden und ihnen der Führerschein weggenommen wird. Denn einen neuen bekommen sie nicht mehr – oder fürchten zumindest, dass sie den Test nicht bestehen. Auch bei Wohnungsvermietungen gibt es massive Vorurteile. Das bekomme ich mit, wenn ich für unseren Verein in München Wohnungen suche. Da heißt es dann, alte Menschen riechen schlecht und ihre Hausflure stinken.

Lesen Sie auch: Warum die „Omas gegen Rechts“ auch im Alter noch gegen Rechtsextremismus und die AfD demonstrieren.

Gibt es auch übertrieben positive Altersbilder?

Oh ja. Im Altersbericht der Bundesregierung können Frauen immer alles. Können alles lernen, kommen mit dem Computer gut klar und so weiter. Da wird alles schöngeredet und nirgendwo gibt’s Probleme. Aber so ist es ja keineswegs, die Realität sieht schon anders aus.

Wo liegen die größten Unterschiede zwischen Frauen und Männern im Alter?

Beim Geld, bei der wirtschaftlichen Lage. Auch heutzutage sind Frauen da noch erheblich diskriminiert. Sie bekommen die Hälfte der Rente von Männern oder noch weniger. Dadurch sind sie bei der Wohnungssuche, der Mietzahlung, beim Konsum insgesamt sehr benachteiligt.

Die Serie

Zur Bundestagswahl am 26. September will die FR denjenigen Gehör verschaffen, die sich auch jenseits der Parteien engagieren: für neue Formen des Wirtschaftens, die den Planeten nicht zerstören. Für wohnliche Städte, gesunde Ernährung, umweltfreundliche Mobilität. Für mehr politische Teilhabe und Gleichberechtigung.

Diese Menschen haben den Mut , auch das zu wählen, was nicht zur Wahl steht. Oft sind es nachdenklich-leise Töne, die von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft arrogant ignoriert und von rechtspopulistischen Lautsprechern übertönt werden.Die FR-Serie „Wir können auch anders“ soll ein Verstärker für diese inspirierenden Stimmen sein.

Auch Sie, die Leserinnen und Leser, können sich an unserer Serie beteiligen. Was wäre das erste, das die nächste Bundesregierung tun sollte? Schreiben Sie Ihre Antwort in einem bis drei Sätzen auf und schicken Sie sie an bundestagswahl21@fr.de Eine Auswahl veröffentlichen wir im Rahmen der Serie.

In der nächsten Folge geht es um die Sicherheitsbehörden. Sie erscheint am Dienstag, 14. September.

Zuletzt erschienen: eine Folge zum Thema Religion am Dienstag, 7. September.

Alle Teile zum Nachlesen unter fr.de/bundestagswahl

Haben Sie deshalb nur Frauen in Ihrem Verein?

Ja, das hat wirtschaftliche Gründe. Zudem wollen Männer gar nicht in der Gruppe leben. Sie wollen eins zu eins betreut werden – von der Ehefrau, der zweiten, der dritten Frau oder Freundin. Sie finden ja durchaus auch jüngere Frauen als Partnerinnen, weil ihre wirtschaftliche Potenz mit sexueller Potenz verwechselt wird. Hinzu kommt: Männer wollen bedient werden und Frauen sind sofort bereit, das auch zu tun. Frauen rutschen sehr schnell in die Helferinnenrolle.

Im eigenen Zuhause zu leben steht auf der Wunschliste für das Leben im Alter sehr weit oben. Es ist den meisten Menschen sogar wichtiger, als keine materielle Not zu leiden...

...weil man materielle Not ein bisschen regulieren kann. Sie hängt ja davon ab, wieviel ich mir leiste und konsumiere. Wir haben Frauen in unserem Verein, die mit 300 Euro im Monat für ihre Bedürfnisse auskommen müssen, und die schaffen das. Aber die Sicherheit der eigenen Wohnung und die Identifikation mit der Straße oder dem Bezirk, in dem ich lebe – das ist eine ganz entscheidende Lebensqualität.

Der Verein „Nachbarschaftliche leben für Frauen im Alter e.V.“

Den gemeinnützigen Frauenverein gibt es seit 30 Jahren. Es war der bundesweit erste Zusammenschluss von Frauen, die gemeinsam alt werden wollen. Der Verein hat 80 Mitfrauen und beschäftigt eine Psychologin, die die Gruppen betreut. Weitere Infos auf der Webseite.

Und die Grundlage für Ihren Verein.

Genau. Wohnen ist gerade für Leute, die nicht viel Rente haben, das Wichtigste. Sie müssen wenigstens in einem Bereich Sicherheit haben. Darum kämpfe ich ja so vehement gegen die Eigenbedarfskündigung, da muss sich gesetzlich unbedingt etwas ändern. Es kann nicht sein, dass eine alte Frau nach 65 Jahren wegen Eigenbedarf aus der Wohnung geschmissen wird. Solche Fälle habe ich im Verein.

Was hat Sie zur Gründung motiviert?

Der Anstoß kam durch eine evangelische Frauengruppe. Es ging um die Frage, wie wir im Alter leben und wohnen wollen. So entstand die Idee, dass die Frauen aus diesem Kreis doch zusammen in einem Haus, aber in ihren eigenen Wohnungen leben könnten. Dann kann man die Tür hinter sich zumachen, wenn man seine Ruhe haben will, aber auch bei der Nachbarin klingeln und ihr Essen bringen, weil man noch was übrig hat.

Wo sehen Sie derzeit die größten Versäumnisse der Politik für alte Menschen?

Ganz klar in der Wohnungspolitik, sie ist das A und O. Die Mieten werden immer teurer, Vermieter haben die Möglichkeit, sie um fünf Prozent pro Jahr zu erhöhen und die Renten steigen ja keineswegs in der selben Höhe. Dann sind gerade die Frauen arm dran.

Und was müsste sich nach der Wahl ändern, um die Verhältnisse zu verbessern?

Es braucht einen bundesweiten Mietendeckel. Diese Form der kapitalistischen Wohnungswirtschaft darf so nicht weitergehen. Außerdem müssen die Bindungsfristen für öffentlich geförderten Wohnraum verlängert werden, weil ja sofort eine heftige Mieterhöhung folgt, sobald die Bindung ausläuft. Das macht den Mieterinnen große Angst. Die geringen Frauenrenten sind natürlich auch ein großes Problem, aber damit will ich gar nicht erst anfangen. Immerhin kommt jetzt ja die Grundrente, das ist schön und ein Fortschritt.

Hätte es denn einen Einfluss auf Ihre Arbeit, wenn wir eine rot-grün-rote oder grün-rot-rote Regierung hätten?

Nein, solange die Regierung sich nicht endlich mal intensiv um die Baupolitik kümmert, damit es mehr Wohnraum und bezahlbare Mieten gibt. Bei den Linken ist das immerhin im Programm, die sind auch gegen die Eigenbedarfskündigung. Die Grünen zwar auch, doch etwas zahmer in ihren Forderungen.

Was sollte die künftige Bundesregierung als Erstes anpacken?

Mehr Gleichheit schaffen. Die ökonomische Ungleichheit wird immer größer und ist eine derartige Ungerechtigkeit... das muss sich unbedingt ändern!

Interview: Bascha Mika

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