Die österreichische Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl sieht sich Anfeindungen ausgesetzt.
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Die österreichische Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl sieht sich Anfeindungen ausgesetzt.

Hass von rechts

Natascha Strobl über „Welt“-Kolumnist: „Immer wieder Frauen, die in seine Schusslinie kommen“

  • Viktor Funk
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Die österreichische Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl spricht über massiven Drohungen, die Gefahr rechten Terrors und einen „Welt“-Chefredakteur mit falschen Motiven.

  • Natascha Strobl wird nach einer Kolumne für das ARD-Magazin für „Panorama“ angefeindet
  • Die Politikwissenschaftlerin wird unter anderem von Rainer Meyer alias Don Alphonso von Rechten gemobbt
  • Im FR-Interview spricht Natascha Strobl über den Hass der Rechten gegen Frauen

Ein „Panorama“-Beitrag, eine „Welt“-Kolumne, dann Hetze: Seit Tagen erlebt die Österreicherin Natascha Strobl eine massive digitale Hetzwelle gegen sich und ihre Familie durch Rechte. Strobl ist vielen politisch interessierten Internetnutzern durch die sprachlichen Analysen der österreichischen Politik bekannt, sie seziert regelmäßig Reden diverser Politiker, und zeigt, wie scheinbar sachliche Aussagen eine oft ausländerfeindliche, aggressive Politik verdecken. Für die FR schrieb Strobl am 22. Februar einen mehrseitigen Essay über die Vereinnahmung der Politik durch rechte Begriffe und wie sie konkret wirken.

Natascha Strobl: Artikel im ARD-Magazin Panorama über Bundeswehr und Identitäre

Natascha Strobl selbst ist politisch klar links verortet und macht entsprechend deutlich, wo und bei wem sie rechtes Gedankengut sieht. So geschah das auch für zwei Artikel auf der Online-Seite des TV-Magazins „Panorama“ in der ARD, in denen es um die mögliche Nähe eines Oberstleutnants der Bundeswehr zur rechten „Identitären“-Bewegung ging. Diese Beiträge wiederum waren Vorlage für eine „Welt“-Kolumne des Autors Rainer Meyer, der unter dem Pseudonym Don Alphonso schreibt.

Seit sein Text am vergangenen Samstag zuerst in der gedruckten und dann ein zweiter, nur gegen Strobl gerichteter, Text online erschienen ist, erlebt die Autorin Hass-Angriffe, „wie noch nie“, sagt sie. Ein Gespräch über die Wirkung von Sprache, die Verantwortung von Medien und Hass gegen Frauen.

Natascha Strobl erlebt nach einer Don-Alphonso-Kolumne eine neue Intensität der Hetze

Frau Strobl, seit einer knappen Woche erleben Sie Hetze in Form von E-Mails und Postings. Sie bekommen aber auch viele Solidaritätsbekundungen – helfen die überhaupt?

Das ist vielleicht der größte Unterschied zu vor ein paar Jahren, dass die Solidaritätsnachrichten überwiegen. Das ist wirklich schön zu sehen, dass man nicht fallen gelassen wird. Aber die Intensität der Hetze ist trotzdem neu, das ist eine Qualität, wie ich sie noch nie erlebt habe. Das hat mit dem Beitrag von Rainer Meyer, also Don Alphonso, begonnen, seitdem läuft diese Welle.

In der Sache des „Panorama“-Beitrags geht es um die Frage, ob ein Bundeswehrangehöriger, der die sozialen Medien-Kanäle der Truppe betreut, mit Beiträgen von rechten Nutzern sympathisieren sollte. In den „Welt“-Texten geht es aber weniger darum, sondern um Sie bzw. die „zwangsfinanzierte“ ARD.

Ich bin von „Panorama“ als Expertin angefragt worden, ich habe mir nur die Inhalte angeschaut. Jetzt aber entwickelt es sich das weg vom eigentlichen Thema, es geht jetzt nicht um die Sache.

In Deutschland fällt das in eine Zeit, in der mehrere Frauen von Rechten Drohschreiben erhalten, in der auch über rechte Strukturen in der Bundeswehr oder mögliche rechte Netzwerke innerhalb der Polizei diskutiert wird. Es gibt auch starke Abwehr aus den jeweiligen Institutionen. Rechnen Sie eigentlich mit Widerspruch oder Angriffen, wenn Sie sich zu den Themen äußern?

Ich rechne schon damit, ja, mit Widerspruch habe ich aber auch kein Problem. Das, was jetzt passiert, das ist neu, das habe ich selbst noch nie erlebt.

Natascha Strobl: „Das ist purer Hass“

Was ist denn dieses Mal neu?

Das ist einfach eine konstante Anfachung von Hass, der so losgelöst ist von realen Sachen. Das ist nur purer Hass, als würde ich permanent in den Abgrund schauen. Da ist so viel Niedertracht dabei, das ist selten so was.

Wie zeigt sich das? Sie haben auf Twitter berichtet, dass auch die digitale Kondolenz-Seite Ihres kürzlich verstorbenen Vaters missbraucht wird, um Sie anzugreifen.

(Das Gespräch muss unterbrochen werden. Natascha Strobl bittet um eine Pause.)

Wir können das Interview abbrechen …

Nein. Es ist okay, ich will das nur nicht aussprechen. Diese Kondolenz-Seite ist nicht einfach zu finden, aber wenn man sucht und sucht und sucht, dann findet man die. Und diese Leute posten dann grause Dinge, und es sieht die ganze Familie meines Vaters, seine Kinder, seine Geschwister. Es ist sehr schmerzhaft. Aber ich möchte auch, dass man sieht, wie diese Leute agieren. Das ist ungerecht. Ich kann das aber nicht maskieren, es tut sehr, sehr weh.

Wie gehen Sie, Ihre Familie damit um?

Es belastet uns sehr, ich habe aber viele Menschen, die mich stützen, die mir helfen. Aber das alles wirkt dann auch bis ins persönliche Umfeld.

Immer wieder geraten Frauen in die Schusslinie von Don Alphonso

Man könnte Ihre Arbeit als eine Analyse der politischen Sprache beschreiben, Sie machen deutlich, wie rechte Sprache verklausuliert wirkt. Sie demaskieren eigentlich die Wirkungsmechanismen von Rechten, kann es sein, dass das wiederum solche rechten Kolumnisten wie Don Alphonso anstachelt?

Don Alphonso hat mehrere Probleme mit mir und nicht nur mit mir. Er hat ganz offensichtlich ein Problem mit Frauen, es sind immer wieder Frauen, die in seine Schusslinie kommen. Ein anderes Beispiel ist Sibel Schick. Und weitere Journalistinnen haben auch berichtet, dass sie im Ausnahmezustand waren, nachdem Don Alphonso sie in seinen Artikeln erwähnt hatte. Es zeigt sich einfach ein Muster. Ich bin da nicht die erste und werde nicht die letzte Frau sein, die er so angeht. Und das zweite ist, dass er ein sehr großes Problem mit eher links stehenden Menschen hat. Da geht es nicht um Meinungsaustausch, er will sie einfach persönlich zerstören. Das ist alles ganz offensichtlich durch persönliche Motivation getrieben, aber es ist auch ein Geschäftsmodell.

In welcher Art?

All diese Sachen, diese Texte, bringen Klicks für die „Welt“ und Klicks sind alles. Hier muss man sich fragen, ob eine Zeitung wie die „Welt“ so ein Geschäftsmodell haben will.

Es wirkt ein wenig, als schaukele sich das Problem hoch. Ist ein Kolumnist wirklich so mächtig?

Es gibt hier verschiedene Ebenen, ich finde es wichtig, zu schauen, ob und wie Rechte kommunizieren; zumal im Schutz einer gewissen Institution; welche Themen für sie wichtig sind, wie sie agieren. Die andere Ebene ist dann, dass diese Akteure einen Skandal inszenieren, wie nach dem „Panorama“-Beitrag. Wenn dann Bedrohungen kommen, dann muss man agieren. Sie haben dann den Fokus vom Thema Bundeswehr und Rechtsextremismus weggelenkt, über das man normal reden könnte. Dann haben wir jetzt eine Situation, die völlig überzogen ist.

Wie äußert sich diese Überzogenheit?

Solche Empörungen sind dazu da, um Personen zu markieren, die sind dann quasi für den Abschuss freigegeben.

Natascha Strobl über den globalen Rechtsterrorismus

Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl

Sehen Sie zwischen solchen Empörungskolumnen und auch den Bedrohung von „NSU 2.0“ oder den Anschlägen von Halle und dem Attentat auf Walter Lübcke Verbindungen?

Auf jeden Fall. Wenn man öffentlich kommuniziert, dass man Menschen wie mich noch nicht einmal mehr als Menschen ansieht, dann kann jeder seinen Frust, seinen Hass, seine Hetze einfach auf uns abladen. Und das wird von denjenigen, die das anfachen, akzeptiert. Wir sind dann nur noch Objekte, auf denen alles abgeladen wird, was einen im Leben stört. Und das wird gefährlich.

Welche Gefahr sehen Sie da?

Im globalen Rechtsterrorismus sehen wir, dass solche Stimmungen zu Radikalisierung führen. In irgendwelchen Foren im Internet schießen sich dann die Nutzer auf einzelne Personen ein, diese Person bekommt dann quasi ein Fadenkreuz auf den Kopf. Die Idee in solchen Gruppen ist, dass man sich gegenseitig anstachelt. Und dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert.

Natascha Strobl über den „NSU 2.0“

Wir haben in Deutschland gerade zwei Prozesse laufen, den gegen den mutmaßlichen Halle-Attentäter und den gegen den mutmaßlichen Lübcke-Attentäter.

Ja, und es gibt „NSU 2.0“, da ist schon eine weitere Tat, da hat jemand sich Zeit genommen, sich hingesetzt, Briefe geschrieben. Wenn jemand schon so obsessiv ist, so viel Zeit in seinem Leben in Hass verbringt, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man Resultate sehen will. Das ist das, was als stochastischer Terrorismus bezeichnet wird.

Das müssen Sie bitte erklären.

Stochastischer Terrorismus ist ein Phänomen, das vor allem in angloamerikanischen Raum diskutiert wird, in Deutschland diskutiert das vor allem Marina Weisband sehr gut. Es besagt, dass keine hierarchischen Organisationsformen nötig sind, in denen man sich über Jahre radikalisiert. Es genügen wenige Tage, in denen man sich in den Online-Hetz-Mobs radikalisiert. Da ist dann auch niemand, der sagt: ,Stopp, du überschreitest eine Grenze‘.

Einzeltäter fanden sich unter anderem in Halle oder in Christchurch oder in München.

Das sind dann die Konsequenzen. Diese Personen sind nie organisiert in einer Partei oder einer Kameradschaft, oder wo auch immer, aber sie haben Verbindungen in diese Online-Gruppen.

Natascha Strobl ist zu einem Gespräch mit „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt bereit

Noch einmal zur Solidarität mit Ihnen. Wer sich mit Ihnen solidarisiert, wirft zum Beispiel auf Twitter auch dem „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt vor, diese Hetze zu befördern. Welche Verantwortung sehen Sie bei ihm?

Er findet das Geschäftsmodell gut, er steht dahinter, er trägt die Hauptverantwortung für seine Zeitung. Er adelt das auch mit dem Prädikat Journalismus, obwohl das seinen eigenen Ansprüchen nicht genügt, und obwohl er natürlich schlau genug ist zu verstehen, was hier passiert. Er entzieht sich der gesellschaftlichen Verantwortung, er verweist auf Klicks, während die gedruckte Auflage sinkt.

Haben Sie versucht, mit ihm ins Gespräch zu kommen oder er mit Ihnen?

Nein.

Würden Sie mit ihm reden?

Ja, natürlich. Wenn er anruft oder ein Gespräch vorschlägt, sehe ich nicht, warum ich mit Herrn Poschardt nicht reden sollte.

Natascha Strobl , 35, hat sich in Österreich mit Analysen der politischen Sprache der Rechten einen Namen gemacht, inzwischen ist sie auch in Deutschland bekannt. Sie lebt und arbeitet in Wien. Das Gespräch führte Viktor Funk.

Umdeuten, verzerren, entmenschlichen: Sprache ist die wichtigste Waffe im Kampf für einen völkischen Umsturz. Extremismus-Forscherin Natascha Strobl seziert die Strategien der Rechten.

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