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Klimawandel in den Alpen: Wenn Gletscher zu Seen werden

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Die Schweizer Gletscher, hier der Steingletscher, büßen 2022 mehr als sechs Prozent ihres Volumens ein. Foto: Imago Images.
Die Schweizer Gletscher, hier der Steingletscher, büßen 2022 mehr als sechs Prozent ihres Volumens ein. Foto: Imago Images. © IMAGO/Geisser

Der Sommer hat den Alpengletschern zugesetzt wie nie – der Großteil ist für immer verloren. Die Gefahr in den Bergen wächst, Eisabbrüche und Steinschläge werden wahrscheinlicher. Von David Zauner.

Dieses Jahr war wirklich extrem“, sagte der Glaziologe Wilfried Haeberli. Noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen haben die Alpen so viel Gletschereis verloren wie im vergangenen Sommer. Haeberli, emeritierter Professor der Universität Zürich, konstatiert: „Wir können jetzt schon sagen, dass der Masseverlust der Gletscher deutlich höher war als im bisherigen Rekordjahr 2003.“

Die Schweizer Gletscher, die größten der Alpen, büßten mehr als sechs Prozent ihres Volumens ein. Die Gletscher in Österreich schmolzen zwei- bis viermal so schnell wie im langjährigen Durchschnitt. Auch die deutschen Alpen mussten dieses Jahr einen Verlust verkraften. Der Südliche Schneeferner hat den Sommer nicht überstanden. Damit beheimatet Deutschland jetzt nur noch vier Gletscher.

Saharastaub setzt den Alpengletschern zu

Der starke Schwund in den Alpen lag nicht allein an den hohen Temperaturen. Geringe Schneemengen aus dem vergangenen Winter und fehlende Sommerschneefälle führten zu einer ungewöhnlich langen Schmelzperiode.

Dazu setzten sich große Mengen an Saharastaub auf dem Eis ab. Der Staub ist dunkler als Eis oder Schnee und absorbiert dadurch mehr Sonnenstrahlung.

Die jährlich erhobenen Daten des World Glacier Monitoring Service zeigen: Die globale Gletschermasse nimmt seit 1990 jedes Jahr ab. Die Alpengletscher verloren laut dem zweiten Bayerischen Gletscherbericht zwischen 2000 und 2011 durchschnittlich über einen Meter Eisdicke pro Jahr.

Mit dem Klimawandel wächst die Gefahr in den Alpen

Bei einer mittleren Gletscherdicke von 45 Metern heißt das, dass selbst bei der konservativen Annahme eines gleichbleibenden Abschmelzens bis Mitte dieses Jahrhunderts drei Viertel des verbleibenden Eises verschwunden sein werden.

Mit dem Klimawandel wächst die Gefahr in den Bergen. Zwar zeigt die Bergunfallstatistik des Deutschen Alpenvereins (DAV) noch keine Zunahme an klimabedingten Unfällen. Doch Thomas Bucher vom DAV geht davon aus, dass sich das bald ändern wird. Das Kollabieren von Gletschertürmen, sogenannten Séracs, sowie offene Gletscherspalten und Steinschläge würden in den kommenden Jahren wahrscheinlicher werden, so Bucher. Felsflanken verlieren durch tauenden Permafrost ihre Stabilität.

Alpen: Wahrscheinlichkeit für Gletscher-Abbrüche steigt

Glaziologe Haeberli untersucht die Folgen des Gletscherschmelzens seit vielen Jahrzehnten. Er geht davon aus, dass Felsstürze, wie 2017 am Piz Cengalo an der Grenze von Italien und der Schweiz, in Zukunft häufiger und größer werden.

Dort waren riesige Gesteinsmassen abgestürzt und hatten das vier Kilometer entfernte Schweizer Bergdorf Bondo erreicht. Acht Menschen kamen ums Leben, mehrere Hundert mussten gerettet werden und Teile des Dorfes wurden unter dem Schutt begraben.

Bis zum Ende des Jahrhunderts sollen sich Hunderte Seen bilden

Ebenso steigt die Wahrscheinlichkeit für Gletscherabbrüche, wie dieses Jahr an der Marmolata in den Dolomiten.

Eine Gefahrenquelle, die in den nächsten Jahren hinzukommt, sind entstehende Gletscherseen. Bis zum Ende des Jahrhunderts sollen sich allein in der Schweiz 683 solcher Seen bilden.

Klimawandel im Hochgebirge

Für das Hochgebirge nahmen Wissenschaftler:innen lange eine überdurchschnittliche Erwärmung an. Neuere Studien zeigen allerdings, dass diese Unterschiede zwischen Hoch- und Tieflagen kein globales Phänomen sind. Auch in den Alpen sind die Unterschiede zwischen den Höhenlagen nicht eindeutig. „In manchen Gebirgen kann man eine etwas schnellere Erwärmung als im Flachland feststellen. Allgemein haben wir bei Hochgebirgen aber das Problem einer äußerst schlechten Datenlage“, erklärt Glaziologe Wilfried Haeberli.

Eine mögliche Erklärung für die regional schnellere Erwärmung in Hochgebirgen ist der Gletscherrückgang. Denn während Eis und Schnee den Großteil der einfallenden Sonnenstrahlung reflektieren, absorbiert der darunterliegende Gesteinsuntergrund die Strahlung. Der Gletscherrückgang wirkt also selbst als Beschleuniger für den Klimawandel. (David Zauner)

Jeder dieser Seen soll größer als 500 Quadratmeter und tiefer als fünf Meter sein. Im Gebiet des Aletschgletschers, des größten Gletschers der Alpen, soll der größte See entstehen. Laut Modellen könnte er einmal etwa 1,5 Quadratkilometer Fläche bedecken und bis zu 330 Metern tief werden.

„Gletscherseen nicht einfach sich selbst überlassen“

Fels- und Eisstürze, die aus großen Höhen in einen See fallen, können gefährliche Prozessketten in Gang setzen. In einer 2020 erschienenen Studie schreibt Haeberli, dass ein „Hoch-Energie-Sturz“ wie am Piz Cengalo, sollte er in einen größeren See einschlagen, schlagartig Wassermassen freisetzen kann, die das Volumen der Gesteinsmassen mehrfach übertreffen.

Weil das Abschmelzen eines Großteils der Gletscher nicht mehr zu vermeiden ist, müsse sich die Alpenregion anpassen, sagen Fachleute. Dazu gehörten Frühwarnsysteme, aber das allein reiche nicht: „Gefährliche Gletscherseen kann man nicht einfach sich selbst überlassen“, fordert Wilfried Haeberli in seiner Studie. Und ist auch der Meinung: Der Ausbau von Stauseekapazitäten könne eine Möglichkeit sein, um mehrere Ziele miteinander zu verbinden. Stauseen könnten Hochwasserschutz bieten, für Wasserkraft genutzt werden und Wasser für Dürremonate speichern, so Haeberli.

Alpen: Ein Großteil der Gletscher wird verschwinden

Ganz aufgeben muss man die Alpengletscher allerdings noch nicht. In den nächsten 30 bis 40 Jahren wird zwar ein Großteil von ihnen verschwinden. Das ist nicht mehr aufzuhalten. Die Gletscher sind zu groß für das gegenwärtige Klima.

Was aber bis zum Ende des Jahrhunderts passiert, ist noch nicht vorgezeichnet. Das hängt von dem Klimapfad ab, den die Weltgemeinschaft einschlägt. Mit anderen Worten – wie viel Treibhausgase wir noch in die Atmosphäre pusten. (Von David Zauner)

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