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Bewohner von Gaza bekommen Zement ausgehändigt, um ihre durch den jüngsten Krieg beschädigten Häuser  wieder notdürftig zu flicken.
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Bewohner von Gaza bekommen Zement ausgehändigt, um ihre durch den jüngsten Krieg beschädigten Häuser wieder notdürftig zu flicken.

Gaza

Alles für einen Sack Zement

  • Inge Günther
    VonInge Günther
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Die Menschen im Gaza leben noch immer in Trümmern. Der Wiederaufbau stockt. Die Preise für einige Baumaterialien sind für die meisten Einwohner nicht bezahlbar.

Rundum ist Trümmerwüste. Im Vergleich dazu hat Abdel Latif Schamali Glück gehabt. Sein Haus in Schadschaija, dem östlichen Viertel von Gaza-City, ist während der israelischen Bodenoffensive stehen geblieben. Einige Wände sind mit Einschussnarben übersät, im Eckzimmer klafft ein Bombenloch. Auch in dem Raum gegenüber hat eine Explosion Steine aus der Fensterfassung gerissen. „Aber das lässt sich alles reparieren“, sagt Schamali mit prüfendem Blick. Er kennt sich aus, denn bevor er zuckerkrank wurde, war er selbst Bauarbeiter. Nur nützt ihm das jetzt wenig. Mehr als alte Latten und Blechteile haben er und seine Söhne nicht auftreiben können, um wenigstens die ärgsten Löcher provisorisch abzudichten.

Zement ist auf dem freien Markt in Gaza derzeit nicht zu haben. Der 54 Jahre alte Schamali und seine Frau Fatima haben überall schon gefragt. Allenfalls zum Schwarzmarktpreis von umgerechnet vierzig Euro, der zehn Mal höher als der reguläre liegt, ist ein Sack Zement zu haben. Das ist unerschwinglich für die Schamalis und Hunderttausende Palästinenser.

Auch der Baustoffhändler Abdel Rahim Safi kann sich darüber nur aufregen. „Zement ist heutzutage in Gaza wichtiger als Brot und Mehl“, sagt er. Bislang profitiert er nicht davon. Dabei gehört Safi zu den zwanzig Importeuren, die nach eingehender Prüfung, abgestimmt zwischen UN, Israel und den palästinensischen Autonomiebehörden, mit sogenannter „dual use“-Ware handeln dürfen. Dazu zählen Zement und Stahl, die bis zum Krieg im Sommer von Hamas-Militanten in rauen Mengen für Tunnelbauten abgezweigt wurden.

Damit sich das nicht wiederholt, hat man sich unter Vermittlung von UNSCO-Direktor Robert Serry den „Gaza-Wiederaufbau-Mechanismus“ ausgedacht: Lockerung der Blockade gegen strikte Kontrolle. Safi, der aus einer armen Flüchtlingsfamilie stammt, aber als Unternehmer früher gut verdiente, wurde als genügend vertrauenswürdig eingestuft. Sein Lager gähnt dennoch vor Leere. Von den 640 Tonnen Zement, die Israel am 14. Oktober anlieferte, just als UN-Generalsekretär Ban Ki Moon Gaza besuchte, hat Safi nichts gesehen. „Und davor und danach auch nichts“, klagt er bitter.

Seinen Unternehmerkollegen Hatem Schamali plagt ebenfalls der Frust. Sein Baustoffgeschäft hat zwar 220 Tonnen Zement am Tag des Ban Ki Moon-Besuchs bekommen. Aber die Lieferung stapelt sich seitdem in der Lagerhalle – überwacht von acht Kameras. Fast täglich schauen auch UN-Inspektoren vorbei, ob ja keiner etwas angerührt hat. „Dabei rennen uns die Leute, die Zement wollen, die Türe ein“, berichtet Schamali.

Immerhin will das palästinensische Wohnungsbauministerium jetzt damit beginnen, Berechtigungsscheine für Zement auszugeben. Wessen Kriegsschaden auf einer Internet-Liste registriert und geschätzt ist, soll eine entsprechend bemessene Menge bewilligt bekommen, sozusagen die persönliche Wiederaufbau-Ration. Ob das funktioniert, muss sich zeigen. Viele der 1,8 Millionen Einwohner in Gaza haben kaum Strom, geschweige denn einen Computer. Und längst nicht alle Schäden sind erfasst.

Derweil geht es bei Hamas-Projekten unbürokratischer zu. Am bombardierten Gebäude ihres Satellitenkanals Al-Aksa laufen Ausbesserungsarbeiten auf Hochtouren. Woher das Material stammt, verrät der Manager nicht. Er sagt nur soviel: Finanziert werde es über private Spenden. Die Hamas scheint nicht nur ein Restarsenal an Raketen zu horten sondern auch Reserven an Zement.

Baustellen ganz anderer Art finden sich ebenso. Im Nasser-Viertel in Gaza-City etwa entsteht gerade eine ambulante Mutter-Kind-Klinik, finanziert von der Kreditanstalt für Wiederaufbau in Kooperation mit einem UN-Beschäftigungsprogramm.

Solche Organisationen und Unternehmen haben kein Problem, die in Israel bestellten Baustoffe nach Gaza zu bringen. „Baubeginn war vor dem Krieg und eine Woche nach dem Krieg haben wir weitergemacht“, berichtet Ingenieur Abdel Mohsen Moheissen stolz. Ebenso gibt es von Hilfsorganisationen finanzierte Notfallreparaturen an Wasserrohren, in Schulen oder sonstigen sozialen Einrichtungen.

Aber von dem erhofften Wiederaufbau im großen Stil ist zwei Monate nach dem Waffenstillstand genauso wenig zu sehen wie von den 5,4 Milliarden Euro, die kürzlich bei der Konferenz der Geberländer in Kairo zugesagt wurden.

Auf dem Trümmerfeld in Schadschaija hockt Farid Arir auf einem Gebetsteppich, wo einst sein Haus stand. „Hier ist noch nicht ein Stein weggeräumt worden“, klagt der 65-Jährige. Das wird noch dauern. Fünf Jahre veranschlagen Experten, um aufzubauen, was in 50 Kriegstagen zerstört wurde.

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