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Von: Peter Rutkowski

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Ein requirierter LKW mit ukrainischen Soldaten fährt im Donbass an einer verminten Panzersperre mit dem Graffiti „Ruhm sei der Ukraine“ vorbei.
Ein requirierter LKW mit ukrainischen Soldaten fährt im Donbass an einer verminten Panzersperre mit dem Graffiti „Ruhm sei der Ukraine“ vorbei. © AFP

Russische Truppen verbeißen sich im Kampf um Sjewjerodonezk.

Das hätte nie geschehen dürfen. Das darf auch nie wieder geschehen.“ Frankreichs Außenministerin Catherine Colonna fand wenig profunde, aber dafür umso eindringlichere Worte für das, was sie am Montag in der Ukraine sah. Colonna ist die bislang höchste Repräsentantin Frankreichs, die dem um sein Überleben kämpfenden Land ihre Aufwartung macht. Wahrscheinlich war der Besuch Colonnas dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj hochwillkommen. Jedes Zeichen internationaler Solidarität wird derzeit gebraucht. Überhaupt sind Zeichen wichtig – zumindest positive. Negative gibt es genug.

Am 96. Tag des Krieges riefen diverse Medien den Beginn einer „Entscheidungsschlacht“ um Sjewjerodonezk an der östlichsten Ausbuchtung der Donbass-Front aus. Der Besuch des ukrainischen Präsidenten am Sonntag weiter nördlich im Raum Charkiw – wohin die russische Artillerie kontinuierlich weiterschießt – sollte den kämpfenden Truppen symbolisch den Rücken stärken wie auch verdeutlichen, dass dort im Osten das wirklich Wichtige gerade geschieht; quasi eine Fortsetzung der Fototermine Selenskyjs während der Kämpfe um Kiew.

Wenigsten den Rücken moralisch gestärkt zu bekommen, war für die ukrainischen Truppen dort wichtig. In den vergangenen Tagen haben sich Panik- und Hoffnungsmeldungen aus Kiew fast schon stündlich abgewechselt: Mal sollte Russland praktisch am Verlieren sein, mal war die Lage in der Ostukraine „außerordentlich ernst“. Mal war Sjewjerodonezk eingekesselt, mal war es noch frei zugänglich. Mal kämpften die Verteidiger der letzten ukrainischen Großstadt in der Oblast Luhansk mit dem Mut der Verzweiflung, mal erwartete man, dass die russischen Angreifer sich eine weitere blutige Nase holen würden... der oft berufene „Nebel des Krieges“ (ein Anglizismus), in dem alles auch Widersprüchliche gleichzeitig möglich und unmöglich erscheint.

Sicher war am Montag nur das: Ziele vom Nordosten bis in den Südwesten der Ukraine, von der Oblast Sumy bis in den Raum Odessa wurden von den Russen beschossen oder bombardiert. Denn ihre Bodentruppen kommen tatsächlich kaum voran. Das US-amerikanische Institute for The Study of War konstatierte in seinem jüngsten Briefing, dass ukrainische Gegenangriffe gegen die weniger kampfstarken russischen Verbände im Raum Odessa und Mikolajiw erfolgreich seien. Und bei Sjewjerodonzek, wo anscheinend die stärksten Einheiten Moskaus eine Entscheidung zu erzwingen suchen, geraten sie immer mehr in einen Kampfschauplatz, in dem weder personelle Masse noch technische Klasse zählt: in den Kampf Straße und Straße, Haus um Haus.

Der US-Thinktank sieht in dem Ringen um Sjewjerodonzek Ansätze dafür, dass die russische Führung ihre Ziele noch einmal mehr reduziert hat: von der gesamten Ukraine auf den Osten und Süden auf den Donbass und nun nur noch auf eine Stadt. Ein Zeichen der Hoffnung? Vielleicht.

Selenskyj (l.) und Soldaten während seines Frontbesuchs im Raum Charkiw am Sonntag.
Selenskyj (l.) und Soldaten während seines Frontbesuchs im Raum Charkiw am Sonntag. © AFP

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