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MUSIK

Allendes starke Stimme

Jedes Land hat seine Stimme. In der sich der Protest und die Hoffnung, der Widerspruch und der Traum nach Gerechtigkeit artikulieren. Die Stimme Chiles

Von Tim Gorbauch

Jedes Land hat seine Stimme. In der sich der Protest und die Hoffnung, der Widerspruch und der Traum nach Gerechtigkeit artikulieren. Die Stimme Chiles gehörte Victor Jara. Sie war mächtig, obwohl sie nie forcierte, nie scharf, nie laut wurde. Im Gegenteil: Jaras Stimme klang ganz weich, sanft und schlicht. Sie war zu mächtig, um den Putsch des Militärs überleben zu dürfen.

"Es gibt keine Revolution ohne Lieder", sagte Jara, den man den Che Guevara der Gitarre nannte: "Ich singe nicht, um zu singen, oder weil ich eine schöne Stimme habe", heißt es in Manifiesto, einem späten Lied Jaras. "Ich singe, weil die Gitarre Seele und Verstand hat. Sie ist nicht die Gitarre der Reichen, dafür gibt sie sich nicht her."

Wie Pablo Neruda stand auch Jara auf der Seite der einfachen Menschen, der Bauern, der Arbeiter. Er selbst wuchs, 1932 geboren, in Lonquen auf, einer kleinen Stadt etwas abseits von Santiago de Chile. Sein Vater trank, die Kindheit war nicht unbeschwert. Er hielt sich an seine Mutter, eine starke, kraftvolle, optimistische Frau, so Jara. Sie starb, als er 15 war. Einer seiner Töchter gab er ihren Namen, Amanda.

Jara studierte, wurde Schauspieler, arbeitete als Theater-Regisseur mit einer Vorliebe für Brecht, Weill, Garcia Lorca. In den frühen 60er Jahren traf er Violeta Parra, eine der chilenischen Leitfiguren des Nueva Canción, des Neuen Lieds, das von Argentinien aus ganz Lateinamerika erfasste. Jara war fasziniert. Der Rückgriff auf die Wurzeln der eigenen Tradition, die klare, einfache Aussage, das war der musikalische Ausdruck des Lebens, nach dem er sich sehnte. Mit einer Gitarre in der Hand besang er die Schönheit seines Vaterlandes und die Schönheit der arbeitenden Menschen, die darin lebten: "Mein Lied ist wie ein Gerüst, von dem aus man nach den Sternen greifen kann."

Bald aber begriff er das Unrecht, das diese Menschen erlitten. Er erhob Einspruch gegen die Politik der regierenden Rechten, hinter der er Kapitalismus und Ausbeutung erkannte. Wie selbstverständlich verquickte er Musik und Politik, ein paar Gitarrenakkorde und die Utopie. Jara klagte an, schuf Öffentlichkeit, bezog Position - in zahllosen Konzerten, und auf seinen Schallplatten. Jara wusste, dass seine kommunikative Kraft eine wirkungsvolle, revolutionäre Waffe war, ein unschätzbares Bindeglied der Bürgerrechtsbewegung. Seinen Lieder gab er programmatische Titel, sie hießen Canto libre (Freies Lied) oder El derecho de vivir en paz (Das Recht in Frieden zu leben).

In Chile hatte die Hoffnung einen Namen: Salvador Allende. Jara sang für ihn, für seine Sache: "Mit ihm, für immer". Als Allende 1970 zum Präsidenten Chiles gewählt wurde, empfand das Jara auch als seinen größten Erfolg. Die Sterne waren zum Greifen nah. Für einen Augenblick schien es, als bräuchten die Chilenen nicht länger das Gerüst von Jaras Liedern, um sie zu berühren.

Jäh beendete der Militärputsch den Traum einer Republik der Arbeiterklasse. Am 11. September 1973 wurde Jara gefangen genommen und mit 5000 Genossen ins Estadio Santiago de Chile verschleppt, wo man ihn, vermutlich am Morgen des 16. September, erschoss. Es heißt, er sang weiter, aufrecht und ungerührt, bis man ihm die Hände brach. Dort, im Angesicht des Horrors, der den Tod bedeutete, schrieb er sein letztes Gedicht: "Unsere Faust wird wieder kämpfen", heißt es darin trotzig, zuversichtlich, "was ich gefühlt habe und was ich fühle, wird den Augenblick erschaffen."

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