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Eine Ukrainerin hält ein Mädchen außerhalb eines Hauses, das in Dnipropetrovsk durch Trümmer beschädigt wurde.
Eine Ukrainerin hält ein Mädchen außerhalb eines Hauses, das in Dnipropetrovsk durch Trümmer beschädigt wurde. © Mykola Miakshykov/Imago

Vertraute Selenskys äußern sich besorgt über die Gesamtsituation. Doch die Bevölkerung ist entschlossen.

Am meisten ängstige ihn, wie man sich in den USA und Europa an den Krieg in der Ukraine gewöhnt habe, sagte Selenskyj. „Sobald sie ein wenig müde geworden sind, wird er für sie zur TV-Show: ,Ich kann mir die Wiederholung nicht zum zehnten Mal ansehen.‘“

Das US-Journal Time hat eine Titelstory über die schlechte Stimmung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyjs und seiner Umgebung veröffentlicht: Angesichts der schrumpfenden Unterstützung der Welt für die Ukraine in ihrem Kampf gegen Russland habe Selenskyj seinen Humor verloren, seine Mitstreiter aber ihre Hoffnung: „Er macht sich etwas vor“, zitiert Time einen engen Mitstreiter Selenskyjs anonym. „Wir haben keine Optionen. Wir gewinnen nicht. Aber versuche mal, ihm das zu sagen.“

Das Journal malt ein düsteres Bild der Lage: Die Sommeroffensive der Ukrainer ist weitgehend gescheitert, ein geplanter Angriff auf die Stadt Hirliwka bei Donezk musste mangels Waffen, Munition und Soldaten abgeblasen werden. In den Rekrutierungsbehörden und der Regierung herrscht Korruption. Und nun drohen der Winter und neue massive Raketenangriffe Russlands auf ukrainische Wärmekraftwerke. Vergangenen Winter hätten die Leute den Russen die Schuld für die Blackouts gegeben, verrieten anonyme Spitzenbeamte Time. „Diesmal werden sie uns verantwortlich machen.“

Die tatsächliche Stimmung in der Ukraine ist allerdings deutlich besser. Nach einer kürzlich veröffentlichten Umfrage der Soziologengruppe „Rejting“ vom September stimmen 82 Prozent der Ukrainer:innen Selenskyjs Politik zu. „Und in allen Umfragen stimmt die Masse der Bürger:innen dafür, den Krieg bis zu dem Sieg fortzusetzen, den Selenskyj vorgeschlagen hat, also mindestens bis zur Rückgewinnung aller besetzten Gebiete“, sagt der Politologe Ihor Rejterowitsch. „Nur zehn Prozent der Gesellschaft sind zu Verhandlungen bereit.“

Auch die Frontlage ist nicht hoffnungslos. Nach Meldungen aus Moskau wurde erst am Sonntag der Kommandeur der russischen Truppen in der südukrainischen Region Cherson ausgetauscht. Die Entscheidung bestätigt, dass die ukrainischen Landungstruppen am südöstlichen Ufer des Dnjeprs die feindliche Streitmacht dort zusehends in Bedrängnis bringen.

Selenskyj äußert in seinen Zitaten durchaus Besorgnis. Aber Pessimismus oder gar Panik verbreiten durchweg anonyme Mitarbeitende. Namentlich zitiert Time nur seinen Bürochef Andrij Jermak, dessen „Wir sind täglich damit beschäftigt, diesen Krieg auszufechten“, durchaus kämpferisch klingt. Und Selenskyjs Wirtschaftsberater Rostislaw Schurma äußert sich optimistisch zur Entwicklung erneuerbarer Energien. Aber das relativiert das Journal durch eine Passage darüber, dass Schurma der Korruption verdächtigt wird.

„Time redet viel über die Psychologie Selenskyjs, die Probleme unserer Armee und über Korruption“, schreibt die ukrainische Journalistin Tatjana Danilenko auf Facebook. „Aber nicht darüber, was mit den USA geschieht, wenn sie die Ukraine in die Niederlage drängen.“

Politologe Rejterowitsch findet es naiv, wie heftig jetzt die Presse im Westen und auch in der Ukraine über die Müdigkeit im Westen staune. Und Selenskyjs Büro arbeite seit zwei Monaten an einem neuen Konzept, um angesichts der veränderten politischen Realität bei den Verbündeten deren Unterstützung weiter sicherzustellen. „Aber das Hauptproblem ist wohl, dass unsere westlichen Partner für sich selbst noch nicht formuliert haben, was sie vom Ende dieses Krieges erwarten.“

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