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Gemeinsam mit den Freunden einen Wein trinken - das geht auch digital.

Corona

Alle sind online

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Die Corona-Pandemie zwingt die Menschen in die digitale Welt.Für viele funktioniert das unerwartet gut.

Als „Neuland“ hat Angela Merkel das Internet einmal bezeichnet – das ist fast genau sieben Jahre her. Damals lachten viele darüber, jetzt muss Deutschland sich in genau diesem „Neuland“ zurechtfinden. Corona zwingt alle in die Digitalisierungs-Schule hinein. In den Schultüten der Bürgerinnen und Bürger: Kabelsalat, Chipkarte, Software und Zugangsdaten.

49 Prozent, also fast jeder zweite Berufstätige, arbeitet momentan von zu Hause, wie eine repräsentative Befragung im Auftrag des Digitalverbands Bitkom ergab. 17 Prozent davon erledigen so den vollen Arbeitsumfang. Für ein Drittel sei das „ortsunabhängige Arbeiten“ neu. Persönliche Treffen wurden bei 45 Prozent durch Telefon- und Webkonferenzen ersetzt. Die digitale Infrastruktur von Firmen mitsamt deren Benutzern sind ins kalte Wasser gefallen. Aber sie schwimmen.

„Die Corona-Pandemie und die drastischen Beeinträchtigungen des öffentlichen Lebens erzwingen ein radikales Umdenken in der Kultur vieler Unternehmen“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. Vor allem für öffentliche Einrichtungen und Ämter sei „Homeoffice“ bisher ein Fremdwort gewesen. Nun ersetzen Rathäuser, Arbeitsagentur und Finanzamt Vor-Ort-Termine durch Hotlines und E-Mail-Korrespondenz, viele Anträge können digital eingereicht werden.

Didaktische Konzepte müssen geändert werden

„Wir sind gerade dabei, uns neue Routinen anzugewöhnen“, sagt Sascha Dickel, Juniorprofessor für Gesellschafts- und Medientheorie an der Universität Mainz. Für die Soziologie sei Corona auch ein Realexperiment der Krise, in der sich zeige, wie gut Gesellschaft auch auf Distanz funktionieren kann. „Plötzlich merkt man, dass Homeoffice doch klappt, dass sich Bildung auch digital organisieren lässt.“ Gerade im Bildungsbereich zeigt sich aber auch, dass zwischen Wirklichkeit und Möglichem eine Lücke klafft.

Weil es an digitaler Infrastruktur fehlt, können die 34 000 geschlossenen Schulen ihren Bildungsauftrag kaum erfüllen. Meistens wird analog improvisiert, mit Arbeitsblättern und Seitenzahlen im Buch. „Learning by doing“ gilt auch für Lehrkräfte. Um den Kontakt zu den Kindern aufrechtzuerhalten, behelfen sich manche mit Whatsapp-Gruppen, geben per E-Mail Rückmeldung zu abfotografierten Aufgaben oder wagen sich an Live-Youtube-Videos, um einzelne Unterrichtsstunden zu halten. Dabei sein kann nur, wer ein internetfähiges Gerät besitzt, auf das nicht zu viele Familienmitglieder auf einmal angewiesen sind. Wo es geht, übernehmen die Eltern. Sie googeln nach den Nachhilfeseiten, streamen Erklärvideos und tauschen sich in Elternforen aus.

Weil das Studium mehr Eigenverantwortung verlangt, hatten dagegen die Universitäten ihre ersten Schritte in Richtung digitaler Lehre schon vor der Corona-Krise stolperfrei hinter sich gebracht. Das bestätigt auch Olaf Kaltenborn, Sprecher der Frankfurter Goethe-Universität. Schon vor Ausbruch der Pandemie hätten Studierende für bestimmte Veranstaltungen das Haus nicht verlassen, sondern nur den PC anschalten müssen.

Das anstehende Semester ist organisatorisch dennoch eine Prüfung. Es werde experimentiert, verhandelt und erprobt. „Die Umstellung auf Distanzangebote verlangt meist auch eine Anpassung der didaktischen Konzepte“, sagt Kaltenborn. Weil das stark vom Fach abhänge, könne es nicht die eine Lösung geben, die für alles passt.

„Die Dinge sind nicht eins zu eins übertragbar. Sie funktionieren digital nicht genauso wie analog“, sagt auch der Soziologe Sascha Dickel. Bei der Lehre gelte: „Man kann Vorlesungen aufzeichnen und Sprechstunden virtualisieren, aber eine Diskussion in einem Seminar mit 30 Personen bei Skype abhalten, das geht nicht. Die körperliche Co-Präsenz kann man nicht einfach ins Digitale reinkopieren.“

Aber zur Zeit besteht kaum eine Wahl, das spürt auch der Handel. So wünschen sich Ladenbetreiber Nachhilfe im „Verkaufen ohne Ladenlokal“, für die Händler ist spätestens jetzt die Option Onlineshop zum existenzerhaltenden Muss geworden. Viele Warenanbieter sind kreativ geworden und haben sich schnell umstrukturiert: virtuelle Ladenrundgänge und Beratungen per Videochat. Der Lieferdienst Amazon hat das gleich erkannt und mehrere Hundert Stellen ausgeschrieben. Auch in Gaststätten wird weitergekocht. Statt zu servieren, liefern viele selbst aus, werben dafür in den sozialen Medien. Lebensmittel-Lieferdienste hatten noch nie so gut zu tun.

Wo gekauft wird, fließt Geld – bei größeren Beträgen sowieso oft als Überweisung oder über Online-Bezahlsysteme. Um den körperlichen Kontakt so gering wie möglich zu halten, rufen auch einige Geschäfte dazu auf, bargeldlos zu bezahlen. Ob das Ende von Münzen und Scheinen eingeläutet ist? Besonders Firmen, die das Bezahlen per Smartphone oder Smartwatch ermöglichen, singen jetzt den Abgesang des Bargeldes laut.

„Manches funktioniert natürlich nicht digital“, sagt Sascha Dickel. „Müll muss abgeholt werden, Ärzte müssen operieren.“ Das sieht der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes auch so. Dort erlebt die Digitalisierung momentan keinen großen Aufschwung. „Ein Maurer kann nicht ins Homeoffice wechseln“, sagt ein Sprecher.

Aber auch beim Homeoffice zeigt sich, dass das Digitale nicht alles überwinden kann. „Es ist ja nicht so, als sei Home dann plötzlich tatsächlich ein Office“ sagt Dickel. Flüchtige Sozialkontakte am Arbeitsplatz fallen weg, gleichzeitig befinden sich die Arbeitenden in einem Raum, der ihr Zuhause ist – mitsamt den Bewohnern. „Das ist ja für viele gerade die Herausforderung, dass zum Beispiel Kinder da sind, die dann Aufmerksamkeit einfordern.“

Man kann auch auf Distanz gesellig sein

Er verfolge fasziniert, wie Organisationen und Familien online gehen, sagt der Soziologe Dirk Baecker, der an der Universität Witten/Herdecke Kulturtheorie lehrt und forscht. „Aber ich kann mir vorstellen, dass währenddessen die Erwartung immer stärker wird, sich möglichst bald auch wieder offline begegnen zu können.“

Das ergibt auch eine Umfrage der Meinungsforscher von YouGov: Das uneingeschränkte Treffen mit Freunden und Familie vermissen 47 Prozent der Menschen in Deutschland. Doch bei Treffen im Privaten werde auch experimentiert, sagt Dickel. Der Begriff „social distancing“, also soziales Distanzieren, sei daher unpassend für das Kontaktverbot. „Distance socializing“, also gesellig sein auf Distanz, sei der Prozess, der aktuell erlernt werde. Dass auch digital ein Glas Wein zusammen getrunken werden kann, würden viele das erste Mal testen.

Weil sich so viele im Digitalen aufhalten, ist die Gefahr, Opfer eines Cyberangriffs zu werden, nun größer. Davor warnen Internet-Experten und das europäische Polizeiamt Europol. Arbeitnehmer besprechen sich in virtuellen Konferenzen, betriebsinterne Daten werden über private Zugänge aufgerufen. Auch Geheimdienste, Hacker und Betrüger sind dem Zeitgeist unterworfen.

So langsam aber leben sich alle ein in der Digitalisierungs-Schule. Strebsame motivieren die Nachzügler, Gruppenarbeit schweißt manch eine Klasse zusammen. Und mit etwas Verzögerung wird auch der Lehrplan überarbeitet.

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