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Reis´ Parteitag im Dezember

Alle Jahre wieder

Einst hatten die Schweizer die Möglichkeit, sich für das legale Kiffen zu entscheiden, aber da sah die Volksseele keinen Handlungsbedarf. Ein Minarettverbot, ja, das musste aber schon sein

Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind, sondern auch der Schweizer auf die Erde nieder, wo wir nicht nur Menschen sind, sondern eben auch Schweizer und Nichtschweizer. Hatte Obelix recht? Spinnen die Schweizer? Nein, die meinen sich durchaus ernst mit ihrer allzu direkten Demokratie.

Mit schöner Regelmäßigkeit verblüfft uns das skurrile Bergvolk mit der Infamie des freien Bürgerwillens, der die weniger demokratischen Demokratien oft ein wenig entsetzt, manchmal aber auch positiv überrascht, etwa als sich eine Mehrheit der Appenzeller Kantonesen für das Frauenwahlrecht entschied. Ein schockierend aufgeklärtes Wahlverhalten, fand die geschlagene Minderheit der Schweizeristen.

Der fundamentalistische Eidgenosse fürchtete um seine gesunde Volksbewaffnung, über die nun auch Frauen abzustimmen berechtigt waren. Aber siehe, als der Tag gekommen war, da das helvetische Schießgewehr zur pluralistischen Disposition stand, blieb die Abrüstung der Wohnzimmer aus, die Damen entmannten ihre Mannen nicht. Das Tell´sche Rüstzeug männlich helvetischer Selbstbestimmung, der Karabiner, durfte bleiben, eine weise Entscheidung, jede andere hätte zu Mord, Totschlag und Amoklauf geführt.

Einst hatten die Schweizer die Möglichkeit, sich für das legale Kiffen zu entscheiden, aber auch da sah die Volksseele keinen Handlungsbedarf. Recht so. Auf jedem Peace eine Steuerbanderole und Kiffen auf Rezept, das ist wie Freiheit ohne Kampf. Freiheit ohne Kampf ist wie Poppen im Puff oder Ferien auf dem Bauernhof, also stinklangweilig. Auch Süchtige haben ihren Stolz, den ganzen Tag ziellos rumhängen, ganz ohne Beschaffungskriminalität, da fehlt der Lebensinhalt, da hören die am Ende auf. Keine schummrigen Hinterhöfe, keine schrillen Szeneclubs, da geht die Ästhetik der Gosse verloren. Am Ende stirbt eine schillernde Subkultur und mit ihr eine florierende Volkswirtschaft.

Welcher Tourist fährt nach Amsterdam wegen der Grachten oder nach Sankt Moritz wegen des Eispolos? Die Legalisierung der Droge ist volkswirtschaftlich so wenig zu rechtfertigen wie die Einbindung der Banken in das Rechtssystem. Einer muss doch die Preise für Kaffee stabil halten, China-Restaurants betreiben, afghanische Bauern ernähren, angemessene Schmiergelder zahlen oder in erneuerbare Energien investieren. Würde kein Geld mehr gewaschen, Klimakonferenzen würden noch viel dramatischer scheitern.

Was mit all den Dealern? Aus konsumfreudigen Topverdienern, aus Stützen des Binnenmarkts würden Hartz-IV-Empfänger. Legale Drogen, das ist nichts, denn Freiheit ist eine Sehnsucht, kein Zustand, wahre Freiheit musst Du Dir nehmen. Da hat sich die Schweiz klug entschieden, wie schon oft.

Als in der Schweiz Europas Geographie zur Abstimmung stand, entschieden sich die Schweizer dafür, keine Europäer zu sein, sondern Schweizer, Bewohner eines von Europa umzingelten Binnenkontinents. Dafür wurde der Schweizer bei Grenzgängen mit langen Wartezeiten bestraft, die er mit Schengener Stoizismus absaß, um heuer wieder auf die Erde niederzukommen, wo wir Menschen sind, sollte man annehmen. Sicher, Menschen sind wir auch, aber darüber hinaus sind wir auch Buddhisten oder Katholiken oder Drusen, Juden, Moslems, Atheisten, Adventisten, Voodoopriester oder Esoteriker.

Jeder Mensch hat seine ganz eigenen irrationalen Präferenzen oder wie der Kölner sagt: Jeder Jeck ist anders. In puncto Religion haben wir alle einen an der Waffel. Waren Sie schon mal in einer Kirche? Weihnachten gehe ich gern mal in die Kirche, sonst habe ich zu viel Angst. Alleine in so einem großen Gebäude. Was habe ich mich als Kind gefürchtet vor dem opulenten Schauer fratzenhafter Fresken und morbider Malereien. Leiber starren flehend, aber immer tiefer treiben sie die Pfeile in diesem sadomasochistischen Skulpturenpark, dem Durstenden wird das Schwämmchen ins Gesicht gedrückt, Essig, Reiniger, Frosch.

Was hat das mit Nächstenliebe zu tun? Das hat mich auch im Hinblick auf das Comeback des Religionskriegs interessiert. Ich versuchte, mich schlau zu machen, und besuchte die Interfromm, Europas größte religiöse Leistungsschau. Das war unterhaltsam. Eine Hindugruppe aus der Steiermark sang unablässig: Ich fühl mich wohl, ich bin der Hindu aus Tirol, Shiva ist das Leibertste. Eine Gruppe kölscher Baptisten sang klebrige Lieder, was von: Verdamm lang her. Das kannte ich vom Karneval und bin in die Heiliggeisterbahn, da spukte ein Lama, quakende Quäker quälten mürrische Mormonen.

Eine Laienspielgruppe der Satanisten gab den Faust, und die Katholiken gaben eine aus, nichts zu trinken, was zu essen, eine Hostie, wobei der Prälat insistierte, dass es sich dabei nicht um das Trägermaterial von Weihnachtsgebäck und schon gar nicht um ein Symbol für den Heiland, sondern um das Christkind höchst persönlich handle. Demnach wäre die Hostie ein belebtes Brötchen, ein Heilandsschnittchen, da habe ich zu viel Phantasie, ich hab schon bei Austern Bedenken. Ich esse nix, was noch lebt, ich bin doch nicht Desiree Nick.

Anschließend war ich bei den Taliban, die hatten einen netten Stand, drei Wurf 50 Cent. Die Steine waren aus Schaumstoff, eher Bällebad denn Steinigung. Es ging nur ums Prinzip, sonst werfen die gern Steine, weshalb wir Bomben schmeißen, das geht schneller und ist effizienter, weshalb Bebombung humaner ist als Steinigung.

Danach war ich bei den Zeugen Jehovas, den Notenständern der Apokalypse. Die präsentierten stolz ihren neuen Sponsor: Apollinaris, die Sintflut ist diesmal mit Kohlensäure! Auch zum Klimawandel hat jeder seine Meinung, und für die systematische Zerstörung eines Planeten gibt es bestimmt ebenso viel gute Gründe wie für das Minarettverbot. Architektonisch etwa fügen sich Minarette nicht in Schweizer Stadtbilder ein, dafür sind sie einfach zu hübsch. Auch aus Gründen des Lärmschutzes ließe sich gegen Minarette argumentieren, aber machen Kirchtürme nicht genauso einen Krach? Ich empfinde sowohl das gutturale Grunzen des Muezzins als auch das metallische Scheppern von Kirchenglocken als akustische Penetration. So hört sich religiöser Terror an.

Mir geht das Minarettverbot nicht weit genug, wenn schon säkularer Feminismus, muss die Parole ,Schwanz ab für die Phallussymbole aller Gotteshäuser gelten und für Berlusconi, der endlich mal eins aufs Maul gekriegt hat, von einem psychisch Labilen, wie es hieß. Seltsam, meines Erachtens ist jeder psychisch labil, der nicht das Bedürfnis verspürt, Berlusconi die Fresse zu polieren. Wissen Sie mit welchem Gegenstand Massimo Tartaglia, der Psychopolier, unseren mopsgesichtigen Faschingsduce traf? Es war ein Dömli, eine kleine Nachbildung des Mailänder Doms. Eigentlich schade, dass er kein Minarett benutzt hat.

Was mich verwunderte, war das Blut, das aus Silvios wächserner Kopfattrappe sickerte. Berlusconi, das Vorzeigepräparat der Beauty-Industrie hat geblutet, nicht gebotoxt oder geleckt. Blut ist ein ganz besonderer Saft und Berlusconi ein ganz besonderer Saftsack, aber leider ist er nicht für sich selbst verantwortlich zu machen, er ist fremdbestimmt, denn bei ihm ist der Silicon- höher als der Eigenanteil. Da gewinnt das Wort Herrenausstatter eine neue Dimension. Schönheit kommt von innen, aber wie kommt sie rein?

Immer mehr Menschen lassen sich ausstopfen, zu Lebzeiten, darüber sollten die Schweizer mal abstimmen oder besser doch nicht. Freiheit gilt für alle oder keinen und endet da, wo sie andere unfrei macht, denn, wie sagte Rosa Luxemburg: Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden, auch wenn sie ganz anders denken. Was denken Sie? Ist auch egal, solange sie es nur denken und deshalb keinem die Fresse polieren, es sei denn, es handelt sich dabei um Berlusconi.

Apropos Berlusconi, kämen Sie auf die Idee, den Bau von Pizzerien zu verbieten? Ich wünsche Ihnen einen guten Rutsch. Wer weiß, vielleicht wird das neue Jahr wirklich ein wenig froher.

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