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Weiblicher Widerstand kann militant sein, kann laut sein, aggressiv und kämpferisch. Oft muss er das sogar. Dass feministischer Protest aber auch friedlich geht, bewies die Frauenrechtlerin, die 1912 im Londoner Hyde Park festgenommen wurde. Schwach und hilflos jedenfalls schauen hier nur die Bobbys aus der Wäsche.

Jahr der Frau

Alle auf Angriff!

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Einer männerdominierten Welt ist der Mythos von der immerzu sanften Frau sehr nützlich. Mehr noch: Er redet auch den Frauen ein,nicht zur Streiterin geboren zu sein. Dabei zeigt die Geschichte ebenso wie die Gegenwart, wozu gerade die laute Kämpferin imstande ist. Ein Essay von Bascha Mika.

Warum war Hildegard von Bingen für die Kirchenfürsten kein Gottesgeschenk? Und weshalb wurde Grace O’Malley zur legendären Piratin? Wieso kam die Revolutionärin Olympe de Gouges aufs Schafott, und was macht Hedwig Dohm bis heute zur Heldin?

Vier berühmte Frauen, fast willkürlich ausgewählt. Offenbar gibt es nicht viel, was sie verbindet – weder die Zeit noch der Ort noch Ähnlichkeiten in der Biografie. Aber doch eines: Die vier sind Streiterinnen. Angriffslustige Frauen, die öffentlich eintraten für ihre Überzeugung, religiöse, politische, feministische. Sie provozierten den Klerus, die Militärs, die Obrigkeiten. Traten an gegen männliche Übermacht und trotzten der weiblichen Rolle. Das war hart und ging keineswegs immer gut aus.

Nehmen wir die französische Schriftstellerin Olympe de Gouges. Sie landete in der Bastille, weil sie ein Theaterstück über die Sklaverei in den Kolonien geschrieben hatte. Zudem besaß sie später die Chuzpe, mit einer feministisch-revolutionären „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ gegen die männlich geprägte Verfassung zu protestieren. Ein System, das Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nur den Männern verhieß, nannte sie „Tyrannei“. Dafür landete sie dann nicht nur hinter Gittern, sondern sicherheitshalber gleich unter der Guillotine.

Es gab sie immer, die widerständigen Frauen – und gibt sie selbstverständlich auch heute. Kleine und große Streiterinnen, getrieben von einer Idee, die sie vom Objekt zum Subjekt der Geschichte machten. Die ihre Ziele mit Mut und beharrlich verfolgten, egal wie stark der Gegenwind war. Die sich nicht kümmerten um das, was von ihnen erwartet wurde, nur weil sie weiblich waren.

Zweifellos sind viele Frauen fasziniert vom Bild der mutigen Streiterin, umso mehr, wenn sie prominent ist. Aber möchten sie selbst auch eine sein?

Hildegard von Bingen war eine Streiterin

Nehmen wir Hildegard von Bingen. Sie war keineswegs nur die mittelalterliche Kräuter-
nonne, als die man sie heute gern sieht und erfolgreich vermarktet. Zu ihren Lebzeiten musste sie sich mit Äbten, Erzbischöfen, sogar dem Papst her-umschlagen, bevor sie als Frau mit ihrer Gemeinschaft ein eigenes Kloster gründen und als erste Nonne öffentlich predigen durfte. Frauen hatten damals keine eigene theologische Meinung zu haben. Hildegard war schlau genug, ihre Lehre mit einem Trick durchzusetzen: Sie berief sich auf ihre religiöse Visionen.

Den Namen der Hildegard von Bingen kennen selbst jene, die nichts mit Kräuterheilkunde anfangen können. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn weibliches Wirken wird kulturhistorisch gern unterschlagen. Häufig muss man herausragenden Frauen erst fleißig nachspüren, die feministischen Wissenschaften und die Frauenbewegung haben viel Arbeit in diese Spurensuche gesteckt. Und selbst dann wird den Protagonistinnen oft nur widerwillig ein Platz in der Geschichte eingeräumt.

Da gibt es zum Beispiel das Lexikon „Große Frauen der Weltgeschichte“. Es enthält tausend weibliche Biografien. Wie viele Bibliotheken würde so ein Nachschlagewerk wohl füllen, wenn es all die angeblich großen Männer der Geschichte auflisten würde?

Zu einem großen Namen gehören große Taten. Wer sie vollbringen will, muss sich durchsetzen, dafür streiten. Auch darum geht es, wenn widerständigen Frauen die Anerkennung versagt wird. Streitbare Frauen sind ungeliebt. Es ist ein verdammtes Klischee, dass Streiten eine männliche Domäne ist und Frauen von Natur aus friedlicher sind. Doch dieses Klischee beeinflusst das gesellschaftliche Bild von Männlich- und Weiblichkeit bis ins digitale Zeitalter.

Da scheint es kaum eine Rolle zu spielen, wie stark sich Frauen aktiv oder passiv an Kriegen beteiligt haben. Dass sie als Guerilleras kämpfen und bei den Peschmerga. Dass es Terroristinnen gibt von der RAF über den „IS“ bis zum NSU. Der Mythos lebt. Und er ist in einer männerbeherrschten Welt sehr nützlich. Er hilft, Frauen ein Identifikationsangebot zu machen und sie ruhig zu halten – statt dass sie massenhaft den Aufstand proben, was angesichts der weltweit extrem ungerechten Verteilung von Macht, Einfluss und Gütern durchaus angebracht wäre.

Wer Marketingexperten fragt, ob der Begriff der Streiterin wohl werbewirksam eingesetzt werden könne, stößt auf spontane Abwehr. Eine streitbare Frau sei schwer zu vermitteln, das reine Gift: abschreckend statt verkaufsfördernd. Die „starke Frau“ – kein Problem. Aber eine, die mit einer erklecklichen Portion Aggressivität ausgestattet ist, wie es zum Streiten gehört? Geht angeblich gar nicht. Höchstens bei fiktiven Figuren, die aussehen wie Uma Thurman oder Alicia Vikander und ihre Kämpfe stereotyp männlich austragen: mit großem Körpereinsatz und Waffengewalt.

Dann wird im Alltagsleben doch lieber die sanfte Weiblichkeit beschworen, wie ein kurzer Blick auf Foren im Netz zeigt: „Wir Frauen sind anders als Männer. Authentisch, sanft und genau darum so stark. Frau sein bedeutet, nicht rebellisch über Männer zu triumphieren.“ Oder: „Was Männer an Frauen lieben? Eine sanfte, ruhige, sexy Stimme … was gibt es Heißeres? Die schrillen Schreie aus der Zalando-Werbung mögen wir hingegen gar nicht.“

Streiterinnen sind selten sanft

Aufschlussreich ist auch die Untersuchung eines amerikanisch-kanadischen Forscherteams von der Tufts University in Medford. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass stereotype Vorstellungen bis hin zu unserem Tastsinn wirken. Denn ob ein geschlechtsneutrales Gesicht eher als männlich oder als weiblich empfunden wird, hängt am Fingerspitzengefühl: Berührt ein Mensch etwas Weiches, neigt er dazu, dem Antlitz weibliche Züge zuzuschreiben; fühlt er dagegen Härte, assoziiert er männliche Attribute. Das Klischee vom starken Mann und der sanften Frau sei offenbar so grundlegend im Gehirn verankert, dass es sogar über den Tastsinn die Wahrnehmung beeinflusse, schreiben die Forscher. Doch Streiterinnen sind selten sanft.

Nehmen wir Grace O’Malley, die irische Seeräuberin. Piraterie gab es im 16. Jahrhundert häufig, aber es war ein Männergeschäft. Dennoch übernahm Grace O’Malley die Führung ihres Clans, verteidigte ihre Burg gegen die anrückenden Engländer und wurde zur Rebellin mit großer Anhängerschaft. Mit ihren Kaperfahrten störte sie die Engländer sehr unangenehm bei der Kolonisierung Irlands und schaffte es dennoch, einen Deal mit ihnen zu machen, statt wie geplant umgebracht zu werden.

Schaut man sich diese Leben an, wird das Bild von der sanften, aggressionslosen Frau gründlich irritiert. Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich – selbst eine berühmte, feministische Streiterin – hat sich intensiv mit der These von der friedfertigen Frau auseinandergesetzt und kam zu dem Schluss, „dass ich in keiner Weise der Meinung bin, dass Frauen friedfertiger als Männer sind, von der Grundausstattung her und von den Grundmöglichkeiten her“.

Margarete Mitscherlich lehnte es entschieden ab, „dem Bild des aggressiven, unfriedfertigen Mannes ein Bild der nicht-aggressiven, friedfertigen Frau entgegenzusetzen“. Selbst wenn Männer nach außen deutlich aggressiver aufträten, Kriege anzettelten und Gewalt säten, Frauen hingegen beziehungsorientierter und friedfertiger erschienen, habe dies mit den Prägungen in einer „von Männern beherrschten Gesellschaft“ zu tun.

Ein Punkt war der Tiefenpsychologin dabei besonders wichtig: „Im tieferen Grund ihrer Seele sind Frauen nicht friedfertiger als Männer“, schrieb sie. Aber sie hätten „eine allzu große Neigung, Frieden deswegen zu bewahren, weil sie den Verlust von Liebe vermeiden wollen“.
Zweifellos ist hier ein entscheidender Anhaltspunkt, warum der Gemeinplatz von der friedfertigen Frau wie untot weiterlebt: weil auch Frauen noch immer daran glauben, nicht zur Streiterin geboren zu sein. Weil sie allzu oft vor dieser angeblich unweiblichen Rolle zurückschrecken, da Aufbegehren mit Verlustängsten verbunden ist.

Dabei ist völlig klar: Wer für weibliche Selbstbestimmung eintritt, im Politischen und Privaten, kommt ums Streiten nicht herum. Das zeigen nicht nur die historischen Beispiele, das zeigen auch aktuelle feministische Kämpfe. Hätte es die #MeToo-Debatte mit ihren weltweiten Ausläufern je gegeben, wenn die betroffenen Frauen nicht zur Auseinandersetzung und Dissonanz bereit gewesen wären? Als sie die Komplizenschaft mit dem Vertuschungssystem aufkündigten, konnten sie sich die Konsequenzen schließlich ausmalen.

Kompromisslos bis zum Hungerstreik

Hätte es vor hundert Jahren das Wahlrecht für Frauen gegeben, wenn sie nicht massenhaft auf den Straßen dafür demonstriert hätten? Sicher nicht. Diesen Aktivistinnen waren viele Mittel und unterschiedliche Strategien recht, um ihrem Ziel näherzukommen. Mal waren sie diplomatisch, mal lautstark, mal militant. Sie sammelten Unterschriften und übten sich im Lobbyismus; sie organisierten Straßenproteste und Demonstrationen; riefen zum Steuerboykott auf, vermöbelten Abgeordnete und warfen Schaufenster ein.

Viele dieser Frauen waren sehr mutig, einige kompromisslos bis zum Hungerstreik. Und wie zu erwarten, wurden sie unendlich angefeindet: als unweiblich verhöhnt und immer wieder körperlich attackiert. Dass sie das in Kauf nahmen – davon profitieren wir bis heute.

Denn noch nie wurden Frauen Rechte freiwillig eingeräumt, wenn sie diese nicht forderten. Noch nie wurden ihnen Freiheiten geschenkt, höchstens zugestanden. Und stets haben sie nur bekommen, was sie mit aller Macht wollten. Denn um Machtfragen geht es hier schließlich.
Mit anderen Worten: Frauen sind in ihrem emanzipatorischen Bestreben noch keinen Schritt vorankommen, wenn sie nicht bereit waren, dafür zu streiten. Und sich damit im Zweifel ziemlich unbeliebt zu machen. Im gesellschaftlichen wie im persönlichen Umfeld.

Dabei geht es keineswegs nur ums Große, um wegweisendes Engagement und Eingriffe in das Weltgeschehen. Es geht auch ums Kleine und Alltägliche. Im westlichen Europa scheinen Frauen inzwischen ohne offensichtlich brutale Unterdrückung leben zu können. Aber auch hier müssen sie ihre Ansprüche immer wieder neu vertreten und durchsetzen. Das beginnt beim Kampf um gleichen Lohn und endet bei gleicher Verantwortung für die Haus- und Kinderarbeit noch lange nicht. Die Streiterin ist fast täglich gefragt.

Nehmen wir Hedwig Dohm. Sie war eine Frauenrechtlerin des 19. Jahrhunderts, wie man sie sich mutiger und streitbarer kaum hätte wünschen können. Radikal, gewitzt, hintersinnig und abgründig. Greift man sich nur ein Zitat von ihr heraus, wird der Horizont deutlich, in dem sie gedacht hat: „Glaube nicht, es muss so sein, weil es nie anders war. Unmöglichkeiten sind Ausflüchte für sterile Gehirne. Schaffe Möglichkeiten!“

Schaffe Möglichkeiten! Halte dich nicht beim Jammern darüber auf, was alles nicht geht und woran du gehindert wirst. Suche nach Wegen, wie Ideen und Überzeugungen zu Wirklichkeit werden. Streite!

Wenn Frauen dies nicht seit Jahrhunderten getan hätten, säßen wir noch heute im finstersten Patriarchat.

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