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Alice Schwarzer: Eine Patriarchin wird 80

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Von: Tatjana Coerschulte

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Alice Schwarzer wird 80 Jahre alt. Auch heute ist Deutschlands bekannteste Feministin laut und streitbar, bis nahe am Krawall.

Frankfurt – Jetzt, wo sie 80 wird, sind einige plötzlich nett zu ihr. Stellen höfliche Fragen, lassen sie ausreden, tauchen ihr Leben in das warme Licht eines Spielfilms. Respekt und Rücksicht legen sie an den Tag, wenn es um den 80. Geburtstag von Alice Schwarzer an diesem 3. Dezember geht. Eins dürfte dabei klar sein: Sie selbst würde das nicht tun.

Alice Schwarzer – Deutschlands bekannteste Feministin

Auch mit 80 Jahren ist Deutschlands bekannteste Feministin so, wie sie immer war: laut, streitbar bis nahe an den Krawall, offensiv und schneidend scharf in ihren Repliken. Eben noch charmant und eloquent, schaltet sie sofort um auf Attacke, wenn ihr Positionen, Argumente und Einwände zuwider laufen. Fällt ihr nicht augenblicklich eine Entgegnung ein, bezichtigt sie ihr Gegenüber gern, „polemisch“ zu sein und überzieht es mit Salven aus Sätzen.

Fünf von sechs Deutschen wissen, wer sie ist: Alice Schwarzer, Deutschlands bekannteste Feministin.
Fünf von sechs Deutschen wissen, wer sie ist: Alice Schwarzer, Deutschlands bekannteste Feministin. © Oliver Berg/dpa

Fünf von sechs Deutschen wissen, wer Alice Schwarzer ist. Viele mögen sie nicht – aber selbst die wissen meist, welche Positionen sie gerade vertritt. Alice Schwarzer erzielte Reichweite, als es dieses Wort noch nicht gab, und sie hielt Shitstorms stand, bevor das Internet erfunden war.

Alice Schwarzer war die Avantgarde der deutschen Frauenbewegung

Wenige wurden angegangen wie sie, oft persönlich-verletzend. Ihr Eintreten für Gleichberechtigung wurde in den 70ern und 80ern als penetrant, provokativ und hochgradig störend empfunden, stieß aber breite Debatten an. Es ist ihr Verdienst, dass Gleichberechtigung als Thema selbstverständlich wurde auf der politischen Agenda der Bundesrepublik, wenn auch bis heute in der Gesellschaft nicht vollständig verwirklicht.

Sie stritt lautstark gegen Sexismus in einer Zeit, als Werbung für Autoreifen ohne Weiteres mit halbnackten Frauen daher kam, und sie kämpfte für die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau, als diese ohne einen Mann nicht einmal ein Konto eröffnen konnte. Sie erreichte mit ihrer Botschaft zudem Frauen, die sich in links-akademischen Frauengruppen nicht aufgehoben fühlten. Die von ihr initiierte Stern-Ausgabe von 1971, in der hunderte Frauen gestanden „Ich habe abgetrieben“, gilt als Meilenstein.

Schwarzer war nicht bei allen Frauen beliebt

Diese Frau, für die das Wort „Aktivistin“ hätte erfunden werden können, ist lange die prägende Stimme des deutschen Feminismus – und die einzige, denn so richtig kommt keine neben ihr hoch. Schwarzer habe bei ihrem Kampf leider die Frauen verloren, wirft ihr zu ihrem 70. Geburtstag die Historikerin und Autorin Miriam Gebhardt („Alice im Niemandsland“) vor. Die Galionsfigur der Frauenbewegung sei ideologisch unbeweglich und schrecke junge Frauen ab.

Schwarzer kann volle Kanne austeilen; es gibt Autorinnen, die wollen nicht mehr über sie sprechen, geschweige denn schreiben. Junge Feministinnen, die im Netz aktiv sind, verunglimpft sie als „Hetzfeministinnen“. Bekannt ist, dass sie bei ihrer Frauenzeitschrift Emma die Fäden straff in der Hand hält. Die Journalistin Lisa Ortgies ging nach wenigen Monaten als Chefredakteurin wieder. Die Journalistin Teresa Bücker beklagt öffentlich, dass Emma nicht einer Vielzahl von feministischen Stimmen und Aspekten eine Plattform biete.

Schwarzers feministische Grenze war in Ostdeutschland

An Grenzen stieß Schwarzer bei ostdeutschen Frauen. „Der Stern-Titel hätte in der DDR kein Aufsehen erregt“, sagt die in Leipzig aufgewachsene Journalistin Jana Hensel („Zonenkinder“). In der DDR waren Frauen nahezu ausnahmslos berufstätig und ökonomisch unabhängig, es gab ein breites System der Kinderbetreuung, das Abtreibungsrecht war liberal. „Bei der Wiedervereinigung hatten die ostdeutschen Frauen einen Emanzipationsvorsprung“, sagt Hensel, dann jedoch die Erfahrung gemacht, „wie rückschrittlich die westdeutsche Gesellschaft war“.

Feministinnen im Westen seien akademisch ausgerichtet gewesen, während die Frauen im Osten aus der Arbeitswelt kamen. Altkanzlerin Angela Merkel sei ein Beispiel für diese Frauen, die wenig Wissen über feministische Theorie mitbrachten, Gleichberechtigung aber als normal annahmen.

An diesen unterschiedlichen Erfahrungen sei auch eine Annäherung der Frauenbewegungen gescheitert, sagt Jana Hensel. In Gesamtdeutschland gleiche sich der Westen dem Osten übrigens an: inzwischen gebe es im Westen mehr arbeitende Frauen und Kinderbetreuung.

„Zu einseitig“: Schwarzer unter Migrantinnen wenig beliebt

Unter Migrantinnen hat sich Schwarzer ebenfalls wenige Freundinnen gemacht. „Ich habe sie am Anfang bewundert, weil sie gegen Sexismus und Unterdrückung richtig gekämpft hat. Sie war ein Vorbild“, sagt Behshid Najafi. Die Pädagogin hat 1993 in Köln „Agisra“ mitbegründet, eine Beratungsstelle für Migrantinnen und geflüchtete Frauen, und Jahrzehnte lang dort gearbeitet. Sie hat in Teheran und in den USA studiert, 1988 verließ sie mit Mann und Sohn den Iran.

Ihr Blick auf Alice Schwarzer hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. „Sie sieht die Dinge zu einseitig“, findet sie heute. „Ich habe den Eindruck, sie sieht die Hintergründe nicht.“ Schwarzers rigorose Ablehnung des Kopftuchs kann sie nicht nachvollziehen. Ein Kopftuch zu tragen, könne unter Zwang geschehen, aber auch freiwillig, sagt sie: „Das kann Alice Schwarzer nicht voneinander trennen, sie wirft alles in einen Topf“.

Najafi stört, dass Schwarzers Fokus allein auf Sexismus als Unterdrückungsmechanismus gerichtet bleibe, dabei spielten auch Rassismus und Klassismus eine Rolle. „Diese Intersektionalität hat sie nie thematisiert.“ Das sei aber entscheidend, um die Situation von Migrantinnen und geflüchteten Frauen zu erfassen. Eine weiße, alte Frau mit gut bezahltem Job sei anders mit Sexismus konfrontiert als eine geflüchtete, alleinerziehende Frau mit zwei Kindern, die keinen Aufenthaltsstatus habe und deren Abschlüsse nicht anerkannt würden: Schwarzer spreche für privilegierte Frauen.

Schwarzer ebnete den Weg für die deutsche Frauenbewegung

Möglicherweise sind ein gewisser Starrsinn und große Unerschrockenheit zwei Seiten einer Medaille. Heute heben Frauen wie Annalena Baerbock (Grüne) und Luisa Neubauer selbstverständlich ihre Stimme, und Deutschland hatte für 16 Jahre eine Kanzlerin. Wer wissen will, in welcher gesellschaftlichen Atmosphäre Alice Schwarzer Ende der 60er und in den 70er-Jahren für Frauenrechte kämpfte, welch bräsiger Gegenwind bis hin zur offenen Verachtung ihr entgegenschlug, der muss heute Dokumentarfilme schauen. Es ist ein Verdienst auch von Schwarzer, dass es heute den Griff zur Geschichte braucht, um sich das zu vergegenwärtigen. (Tatjana Coerschulte)

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