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Lächelt vom Plakat, ist aber sonst ziemlich abwesend: Abdelaziz Bouteflika will trotzdem zum fünften Mal wiedergewählt werden.

Algerien

Der alte Mann und die Macht

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Algeriens greiser Präsident Bouteflika kandidiert erneut – viele Wähler reagieren auf die Ankündigung mit Zynismus

Bei dem Motiv für das Plakat zögern wir noch“, prustet der fette General, der mit seinem breiten Hintern auf einem Topf sitzt, auf dem das Wort Volk geschrieben steht. „Bouteflika kandidiert für ein fünftes Mandat“, steht über der Karikatur der algerischen Zeitung „Liberté“. Zwei Wahlkampfmotive zur Auswahl hängen an der Wand – ein weißes Gespenst mit schwarzen Hohlaugen oder ein von Kopf bis Fuß bandagierter Todkranker. Wie der Zeichner reagieren dieser Tage viele Algerier – mit Zynismus, aber auch mit Beunruhigung auf die weitschweifige Proklamation aus dem Präsidentenpalast, mit der der 81-jährige Abdelaziz Bouteflika jetzt seine Kandidatur für eine fünfte Amtszeit ausrufen ließ. Er habe ein unstillbares Verlangen, seinem Volk zu dienen, hieß es in dem Text, den seine Entourage aufgesetzt hatte. „Russisches Roulette“ titelte die Zeitung „El-Watan“ und nannte die Ankündigung „erschreckend“. Sie werde die vorhandenen Probleme des Landes nur weiter vergrößern. 

Der Generationswechsel lässt weiter auf sich warten

Denn niemand weiß, ob der Greis an der Spitze überhaupt noch mitbekommt, was im eigenen Land vorgeht. Seit sechs Jahren sitzt Bouteflika im Rollstuhl, gezeichnet von einem Schlaganfall, ein Gelähmter, der meist mit offenem Mund und glasigen Augen vor sich hinstarrt. Seine letzte Rede an die Landsleute, von denen 70 Prozent jünger als 30 Jahre alt sind, hielt er 2012 in der Stadt Setif im Osten. „Meine Generation hat ihre Aufgabe erfüllt“, rief er damals. „Ihr Jungen müsst die Fackel übernehmen“ – einen Satz, den er drei Mal wiederholte. Die Generation, die das Land 1962 von den Franzosen befreit habe, habe nicht mehr die Kraft weiterzumachen. „Algerien liegt nun in euren Händen, kümmert euch darum“, beschwor er den Nachwuchs. 

Dabei blieb es – und der Generationswechsel lässt weiter auf sich warten. Denn das politische Leben Algeriens ist völlig erstarrt. Seit der Unabhängigkeit dominiert die Nationale Befreiungsfront FLN, hervorgegangen aus der einstigen Befreiungsbewegung gegen die Kolonialherrschaft. Die betagten Helden aber, deren Aushängeschild Bouteflika ist, weigern sich, ihr Land in jüngere Hände zu geben. Und so stehen sich in Algerien zwei Narrative unversöhnlich gegenüber. Die Veteranen brüsten sich, ihre von Frankreich ruinierte Heimat zu einem modernen Staat gemacht haben. Die Nachfahren dagegen fühlen sich ausgeschlossen und an die Seite geschoben. 

Ein Viertel der 42 Millionen Einwohner lebt in Armut. 30 Prozent wollen nur eines – weg aus ihrer Heimat, wo sie für sich keine Perspektive mehr sehen. Arbeitslosigkeit, Wohnungsmangel und Behördenwillkür prägen den Alltag. Verschärft hat die Misere auch der Verfall des Ölpreises. Zu 95 Prozent hängt das größte Land auf dem afrikanischen Kontinent vom Export seiner fossilen Rohstoffe ab. Zwischen 2014 und 2018 musste die Regierung den Staatshaushalt nahezu halbieren. Verprasst werden die Bodenschätze von einer namenlosen Nomenklatura aus Generälen, Politikern und Geschäftsleuten, zu der etwa 500.000 Personen zählen. Korruption, Staatsmafia und autoritäre Bürokratie bilden seit Jahrzehnten einen undurchdringlichen Filz. Angesichts dieser tief eingefressenen Missstände ließ Bouteflika jetzt verkünden, er wolle „die Verfassung anreichern“ und eine „Konferenz der Nationalen Einheit“ einberufen, ohne genau zu sagen, was damit gemeint ist. 

Trotzdem muss „Boutef“, wie ihn viele Landsleute nennen, am Wahltag keine ernsthafte Konkurrenz fürchten. Beim letzten Mal 2014 wurde er mit 81,5 Prozent gewählt, in zwei Monaten dürfte das Ergebnis ähnlich sein.

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