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Panik und Repression

Algerien: Regime treibt das Land unbeirrbar in den Ruin

  • Martin Gehlen
    vonMartin Gehlen
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Das größte Land des Maghreb trudelt immer tiefer in die Katastrophe. Das Coronavirus bremst die Demokratiebewegung aus, die alten Eliten haben wieder Oberwasser.

  • Hunderttausende Algerier gingen gegen ihre Regierung auf die Straße.
  • Im Februar 2020 wurde das Coronavirus erstmals in Algerien nachgewiesen.
  • Die Regierung verbot Versammlungen von Menschen und die Proteste verstummten.

Algier – „Revolution des Lächelns“ nannten sie ihr Aufbegehren – der bisher längste friedliche Volksaufstand in der Arabischen Welt. 13 Monate lang – von Februar 2019 bis März 2020 – trotzten Hunderttausende jeden Freitag dem algerischen Regime und forderten eine Fundamentalreform des Staatssystems, als der Präsident Abdelaziz Bouteflika für eine fünfte Amtszeit kandidieren wollte.

Gut 60 Jahre nach der Unabhängigkeit hat Algerien die Nase voll von seiner korrupten Nomenklatura, von gefälschten Wahlen und Repression, von lähmender Bürokratie und staatlicher Inkompetenz. Nichts konnte die entnervte Bevölkerung aufhalten, weder Regen noch Hitze, weder Polizeiknüppel, Diffamierungskampagnen noch Behördenschikanen. Bis das Corona-Virus auftauchte.

Coronavirus sorgt für Ende der Proteste in Algerien

Am 25. Februar 2020 wurde der erste Infizierte in Algerien gemeldet, am 13. März war die Hirak-Bewegung das letzte Mal auf den Straßen, an ihrem Protestfreitag Nummer 56. Seitdem sind öffentliche Versammlungen verboten. Das Aufbegehren ist weitgehend verstummt, auch weil es der Opposition nicht gelang, sich auf eine gemeinsame Führung und auf eine konkrete Reformagenda zu einigen. „Wir haben es nicht geschafft zu definieren, wofür wir stehen“, kritisierte der regimekritische Abgeordnete Mohcine Belabbas. „Wir bewegen uns rückwärts – und zwar in schnellem Tempo.“

Proteste in Algerien: Alte Eliten haben wieder die Oberhand

Die alten Eliten dagegen haben wieder Oberwasser, auch wenn Präsident Abdelmadjid Tebboune wegen einer Covid-19-Erkrankung zuletzt für zwei Monate von der Bildfläche verschwand. Der 75-Jährige ist Risikopatient, da Kettenraucher. Erst Ende Dezember kehrte er aus Köln zurück, wo er sich im Uniklinikum hatte behandeln lassen. Das von ihm durchgepaukte Verfassungsreferendum am 1. November verfolgte er vom Krankenbett aus. Und wieder verweigerte sich das Volk: Selbst nach den Angaben in den notorisch geschönten Wahlstatistiken Algeriens blieben drei Viertel der Wahlberechtigten zuhause.

Trotzdem setzte Tebboune, der im Dezember 2019 mit einem ähnlich dubiosen Ergebnis an die Staatsspitze gekommen war, das novellierte Grundgesetz gleich in Kraft. Er scheint mehr denn je entschlossen, das aufmüpfige Volk endgültig zum Schweigen bringen zu wollen.

Proteste in Algerien: Aktivist:innen vor Gericht

Zu diesem Behufe hat die Regierung jüngst ein Dekret veröffentlicht, wodurch die sozialen Medien an die Kandare genommen werden und deren angebliche „Verbreitung von Gerüchten, falschen Nachrichten und falschen Videos“ geahndet werden kann. Seit Monaten werden Aktivist:innen und Journalist:innen reihenweise vor Gericht gezerrt. Nach Angaben des „Nationalen Komitees zur Befreiung von Gefangenen“ sitzen derzeit profilierte 90 Hirak-Beteiligte hinter Gittern. Einer der bekanntesten ist Khaled Drareni, Mitbegründer der blockierten Internetzeitung „Casbah Tribune“ – verurteilt zu zwei Jahren Haft wegen „Anstiftung zu einer unbewaffneten Versammlung“ und „Gefährdung der nationalen Einheit“. Gerade erhielt der 25-Jähriger nochmal drei Jahre wegen „Beleidigung des Präsidenten“.

Die Dauerkrise Algeriens dagegen bleibt ungelöst. Seit Jahrzehnten teilen Seilschaften aus Geschäftsleuten, Politikern, Geheimdienstlern und Generälen den Rohstoffreichtum ihrer Heimat untereinander auf. Viele besitzen Import-Monopole und verhindern wegen der lukrativen Gewinnspannen, dass Algerien eigene Produktionsstätten aufbaut und damit Arbeitsplätze für die perspektivlose Jugend schafft. Überhöhte Rechnungen für ausländische Produkte sind eine weitere beliebte Strategie, um die kostbaren Devisen der Zentralbank fürs eigene Konto abzuschöpfen.

Proteste in Algerien: Rezession und niedriger Ölpreis belasten Währung

Durch Corona-Rezession und Ölpreisverfall könnten die Dollar-Rücklagen aus Öl- und Gasexporten bereits Ende 2021 aufgebraucht sein, was den Schwarzmarktkurs des heimischen Dinars bereits durch die Decke gehen lässt. In Panik schlug Präsident Tebboune vor, die Staatsausgaben zu halbieren. Da sich der total überdimensionierte Bürokratenapparat jedoch so schnell nicht reduzieren lässt, treffen die Kürzungen vor allem die dringend nötigen staatlichen Investitionen für Wohnungsbau und Infrastruktur. Lediglich das Militär unter dem Oberbefehl des 75-jährigen Generals Saïd Chengriha bleibt wohl wie immer ungeschoren.

Solidaritätsdemo für Khaled Drareni in Algier (Oktober).

Proteste in Algerien: Stimmung im Volk bleibt schlecht

Entsprechend ausgelaugt und hoffnungslos ist die Stimmung im Volk, was 2020 einen beispiellosen Ansturm auf Schlepperboote nach Europa auslöste. Mehr als 11 000 algerische Migrant:innen setzten sich in den vergangenen zwölf Monaten nach Spanien ab, dreimal so viele wie 2019 und mehr als jemals zuvor. Mindestens 230 ertranken auf hoher See, 8000 wurden nach Angaben des algerischen Verteidigungsministeriums von der Küstenwache abgefangen und verhaftet. „Wir Bürger haben die Nase voll von den ganzen Versprechungen“, klagte der Besitzer eines kleinen Bekleidungsgeschäfts in Algiers Stadtteil Belouizdad, in dem der Literaturnobelpreisträger Albert Camus aufwuchs. „Von der alten Garde können wir keine Reformen erwarten. Und so sucht Algerien weiter nach Demokratie.“ (Martin Gehlen)

Algerien verstehen

So nah und doch so fern: Algerien ist nicht islamisch, nicht afrikanisch, sondern eher mediterran – und also könnte Europa es doch verstehen. Aber ob nun Kolonie des Islam oder Frankreichs oder Selbstbedienungsladen alter kaltherziger Männer – das eigentlich so nahe Algerien ist uns fremd geblieben. Gut, dass gerade in Frankreich heute am meisten dafür getan wird, Algerien der Welt anzunähern.

Komplexität vermittelt sich in Frankreich am sprechendsten durch den Comic – „la bande dessinée“. Die gültige feinfühlige Illustration der „französischen Periode“ hat der in Algier geborene Jacques Ferrandez mit seinen zehn „Carnets d’Orient“ (Tagebücher des Orients) vorgelegt. Wer vor so viel Bildern zurückschreckt – dann eben sein „Alger La Noire“, ein irrlichternder Krimi in der Nichtzeit zwischen Kolonialregime und Unabhängigkeit 1962.

Wie anders als die „Algerier“ allein schon ihre kabylischen Nachbarn sind, lässt sich am besten erahnen in dem Comic „Azrayen“ des Duos Lax und Giroud: eine kleine Episode aus dem Befreiungskrieg in der herben wie magischen Bergwelt der Kabylei avanciert zu einem melancholischen Epos, ohne die Brutalität beschönigen.

Noch schonungsloser geht der franco-algerische Filmemacher Rachid Bouchareb aus Paris zur Sache in „Indigènes“ (Deutsch: „Tage des Ruhms“) und „Hors-La-Loi“, wo er Politisierung, Widerstand und Tod junger Algerier zwischen 1943 und 1961 entwickelt. Gillo Pontecorvos semi-dokumentarischer Klassiker „Die Schlacht um Algiers“ gehört eh in jeden Haushalt.

Ach, Camus? Den tragischen Helden der algerischen Tragödie darf man ja nicht vergessen. Lesen? Nein, besser schauen: Viggo Mortensen in David Delhoffens „Den Menschen so fern“.

Nie war Mortensen größer als in diesem Film nach Camus’ „Der Gast“.

Und nicht zu vergessen: Yasmina Khadra, der emigrierte algerische Ex-Offizier, der die Tragödie des modernen Algerien zwischen Kleptokratie und Islamismus in hoch literarischen Krimis offenlegt. Er schreibt immer noch über Europa und Islam und alles. rut

Rubriklistenbild: © AFP

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