Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Interview mit Meinungsforscher

„Die Angst ist groß“: Kreml-Kritiker Alexej Nawalny kehrt nach Russland zurück

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
    schließen

Der russische Soziologe Gudkow über Alexej Nawalnys geplante Rückkehr, dessen mögliche Verhaftung und die politische Passivität der Jugend Russlands.

Herr Gudkow, an diesem Sonntag will Alexej Nawalny nach Russland heimkehren. Würden Sie als Soziologe den Behörden raten, den Regimekritiker zu verhaften? Oder wäre es klüger, abzuwarten und ihn zu beobachten?

Würde Nawalny nicht zurückkehren, wäre das sein Tod als Politiker. Aber auch die Behörden können nicht mehr zurück. Putins Version, Nawalny wäre schon tot, wenn man ihn wirklich hätte umbringen wollen, bedeutet die Verneinung jeder Mitverantwortung. Für den Kreml ist es nur logisch, Nawalny zu verhaften, ein neues Strafverfahren gegen ihn zu eröffnen …

Was ja schon geschehen ist …

… und ihn aus der öffentlichen Arena zu entfernen. Wie, ist zweitrangig. Er wird eher nicht sofort am Flughafen, sondern ein paar Tage später verhaftet. Das macht weniger Aufsehen.

Russland: 78 Prozent wissen von der Vergiftung Alexej Nawalnys

Im September glaubten 33 Prozent der von Ihrem Institut Lewada Befragten, Nawalny sei vorsätzlich vergiftet worden, 55 Prozent glaubten es nicht. Haben seine Enthüllungen über die Beteiligung des Geheimdienstes FSB das nicht geändert?

Immerhin, 78 Prozent wissen von seiner Vergiftung. Aber Nawalnys Bekanntheit hier ist eher negativ. Nur 20 Prozent unterstützen seine Tätigkeit, die Mehrheit begegnet ihm ablehnend oder gleichgültig. Weil sie ihre Informationen über Nawalny aus dem Fernsehen bekommt. Und das berichtet nur Schlechtes über ihn.

Masken in einem russischen Souvenirshop: Kreml-Kritiker Alexej Nawalny (l.) und Präsident Putin. Nawalny kehrt nach seiner Vergiftung in sein Heimatland zurück.

Laut Lewada haben 17 Prozent nie etwas von ihm gehört, 50 Prozent mögen seine Politik nicht.

Sie übernehmen die Erklärungen, die die Propaganda ihnen anbietet, unterstellen Nawalny Handlungsunfähigkeit, bezeichnen ihn als Abenteurer, Politclown oder Betrüger. So rechtfertigen sie den eigenen Opportunismus und ihre politische Passivität.

Nach Nawalnys veröffentlichtem Telefonat mit einem der mutmaßlichen Täter vom FSB steht der russische Geheimdienst regelrecht in Unterwäsche dar. Hat das Nawalny nicht populärer gemacht?

Das Video dazu haben 22 Millionen gesehen, aber die sympathisierten meist schon vorher mit ihm. Die Mehrheit, die ihn ablehnt, will diese Informationen gar nicht erst hören. 39 Prozent der Jugend glaubt an die Version, er sei aus politischen Motiven vergiftet worden, ebenso ein Großteil der gebildeten Schicht. Ganz anders das ältere TV-Publikum, vor allem, wenn es in der Provinz lebt, wo Armut herrscht und nur wenige das Internet nutzen. Es favorisiert die Version, dass es keine Vergiftung gab, sondern eine Provokation westlicher Geheimdienste oder eine Inszenierung, die Nawalny sich selbst ausgedacht hat.

Fall Alexej Nawalny: Junge Menschen in Russland sind unpolitisch

Die Jugend für Nawalny, die Alten gegen ihn. Erwartet Russland ein neuer politischer Generationskonflikt?

Leider nicht. Die jungen Leute von 16 bis 25 Jahren sind die unpolitischsten Menschen in Russland. Sie sympathisieren mit demokratischen Werte, mit dem Westen, aber ihr Wahlspruch lautet: Besorgt uns eine Demokratie und wir erkennen sie an! Aber sie lehnt es kategorisch ab, sich selbst zu engagieren. Sie ist hedonistisch, in gewisser Weise infantil, strebt nach Konsum und Unterhaltung. Nawalnys Kampf betrachten sie im Internet wie Fernsehzuschauer ein Fußballspiel. Aktiver, ernsthafter sind die Russ:innen zwischen 25 bis 40. Erwachsene, die verstehen, was im Land passiert und dass es notwendig ist, seine Interessen zu verteidigen. Aber auch sie stehen so unter Druck, dass sie sich konformistisch verhalten.

Also keine Hoffnung auf die Jungen, die die Sowjetunion nicht mehr erlebt haben?

Die Jungen verändern sich, werden konformistischer und zynischer, übernehmen Stereotype der älteren Generation, verinnerlichen sogar sowjetische Mythen … Noch ist die Generation, die die Lage gründlich ändern würde, nicht in Sicht.

Gleb Gudkow, 74, leitet das Moskauer Meinungsforschungsinstitut Lewada. 

Rückkehr von Alexej Nawalny: „Sie werden die Proteste unterdrücken, den Ball dabei aber flach halten“

Aber im Sommer gab es in Chabarowsk monatelange Massenproteste, nachdem der populäre Gouverneur Sergej Furgal verhaftet worden war. Kann nicht das Gleiche passieren, wenn Nawalny hinter Gittern landet, zumindest in Moskau?

Es wird Proteste geben, aber auf die Straße gehen 10.000 bis 20.000 Menschen, das sind nur Promille der Moskauer Bevölkerung. Und als im Sommer in Chabarowsk die Demonstrationen für Furgal begannen, sympathisierten 43 Prozent der Russen damit; im Dezember, als die Proteste sich als wirkungslos gezeigt hatten, fiel diese Rate auf drei Prozent. Die Behörden kalkulieren völlig zynisch, sie werden die Proteste unterdrücken, den Ball dabei aber flach halten.

Nawalny ist intelligent, rational und erklärter Patriot. Gibt es denn wirklich niemanden in der politischen Elite, der bereit wäre, sich mit ihm zu verständigen?

Ich denke, in Putins Umgebung gibt es pragmatisch denkende Leute, die gerne das Gespräch mit Nawalny suchen würden. Aber die Angst dort ist groß. Nach einer Untersuchung Nikolai Petrows, Politologe an der Moskauer Hochschule für Wirtschaft, tragen die Repressalien in der Topelite systematischen Charakter. Jährlich werden etwa zwei Prozent von ihr festgenommen, in fünf Jahren also zehn Prozent. Sie wissen alle, dass jede Information über unerwünschte Kontakte oder Eigenmächtigkeiten extrem gefährlich werden kann. (Interview: Stefan Scholl)

Rubriklistenbild: © OLGA MALTSEVA / AFP

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare