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Interview aus Straflager Pokrow

Alexej Nawalny klagt aus Straflager über „psychologische Gewalt“

  • Lukas Rogalla
    VonLukas Rogalla
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In einem Interview mit der New York Times spricht der Oppositionelle Alexej Nawalny über die Haftbedingungen und eine Zukunft Russlands ohne Putin.

Moskau – Vor etwas mehr als einem Jahr war Alexej Nawalny auf einem Flug vom sibirischen Tomsk nach Moskau zusammengebrochen. Zwei Tage später wurde der Oppositionspolitiker, noch im Koma liegend, zur Behandlung in die Berliner Charité gebracht. Nach Analysen westlicher Labore wurde Nawalny mit einem chemischen Nervenkampfstoff aus der in der Sowjetunion entwickelten Nowitschok-Gruppe vergiftet.

Nach der Behandlung in Deutschland wurde er bei der Rückkehr nach Russland festgenommen und darauf wegen angeblichen Verstößen gegen Bewährungsauflagen zu mehr als zwei Jahren Lagerhaft verurteilt. Nun meldet sich Alexej Nawalny aus der Strafkolonie in Pokrow, 100 Kilometer östlich von Moskau. Von dort spricht er im am Mittwoch (25.08.2021) veröffentlichten Interview mit der New York Times – und macht sowohl den russischen Behörden als auch Europa und den USA Vorwürfe.

Alexej Nawalny in Haft (Juni 2021). Per Videoschalte verfolgt er seine eigene Anhörung.

Alexej Nawalny meldet sich aus der Haft: Interview mit der New York Times

Die Zeit von körperlich auszehrender Arbeit in sowjetischen Gulags sei vorbei, schrieb Nawalny der Zeitung demnach. Stattdessen übe man nun „psychologische Gewalt“ gegen die Häftlinge aus. Er werde gezwungen, acht Stunden am Tag Kreml-treues Staatsfernsehen zu schauen, dürfe aber weder lesen noch schreiben. Außerdem weckten die Aufseher Häftlinge, wenn sie einschliefen. „Nicht schlafen, zuschauen“, zitiert er die Wächter.

Auch Filme über den Zweiten Weltkrieg, in Russland Großer Vaterländischer Krieg genannt, gehören zum Programm. Ebenso Filme, die zeigen, „wie unsere Athleten eines Tages vor 40 Jahren Amerikaner oder Kanadier besiegt haben“. Ab und zu spiele er Backgammon oder Schach. Seine Mithäftlingen piesackten ihn hingegen nicht, sagte Nawalny. Er habe sogar „Spaß“ mit ihnen.

„Sie stellen sich vielleicht tätowierte Muskelprotze mit Stahl-überkronten Zähnen vor, die Messerkämpfe austragen, um das beste Bett am Fenster zu ergattern“, berichtet Nawalny. Allerdings sehe es in der Realität anders aus. „Sie müssen sich so etwas wie ein chinesisches Arbeitslager vorstellen, wo jeder in Reih und Glied läuft und überall Videokameras hängen. Es gibt konstante Kontrolle und eine Kultur der Spitzelei.“ 24 Stunden am Tag werde er überwacht. Zu Beginn seiner Haft trat Alexej Nawalny in einen Hungerstreik. Sein Gesundheitszustand soll sich damals dramatisch verschlechtert haben.

Russland: Alexej Nawalny stellt sich Zukunft ohne Putin vor

Nawalny verstehe mittlerweile die „Essenz der Ideologie des Putin-Regimes“, behauptet er. „Die Gegenwart und die Zukunft werden mit der Vergangenheit getauscht – der wahrlich heroischen, ausgeschmückten oder völlig fiktiven Vergangenheit. Alles, was mit der Vergangenheit zu tun hat, muss immer im Fokus sein, um Gedanken an die Zukunft und Fragen zur Gegenwart zu verdrängen.“

Nicht zum ersten Mal meldet sich Alexej Nawalny aus der Haft. Über seine Anwälte hat der Oppositionelle gelegentlich Beiträge in den sozialen Medien posten lassen. Russlands Präsident Wladimir Putin ließ durch seinen Sprecher erklären, dass es nicht die Angelegenheit der Regierung sei, wenn sich Nawalny öffentlich äußert. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International stuft ihn als politischen Gefangenen ein.

Der Oppositionelle zeigte sich im Interview zuversichtlich, dass Russland in eine Zukunft ohne Staatschef Wladimir Putin gehe. Das „Putin-Regime“ sei ein historischer Unfall und nichts Unvermeidbares, meint Nawalny. Es sei die Wahl der „korrupten Jeltsin-Familie“ gewesen. „Früher oder später wird dieser Fehler korrigiert und Russland einen demokratischen, europäischen Pfad der Entwicklung einschlagen“, sagte Nawalny. „Einfach, weil das das ist, was die Menschen wollen.“ Europa und die USA kritisierte Nawalny für die gegen Russland verhängten wirtschaftlichen Sanktionen. Sie würden nur der Bevölkerung schaden und nicht die Machthaber treffen. (lrg/afp)

Rubriklistenbild: © Preobrazhensky District Court/Imago

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