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Irgendwo hinter Alexej Nawalny (M.) marschieren hier im Februar 2020 wohl auch FSB-Agenten.
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Irgendwo hinter Alexej Nawalny (M.) marschieren hier im Februar 2020 wohl auch FSB-Agenten.

Alexei Nawalny

Alexei Nawalny - verfolgt auf Schritt und Tritt

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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Die mutmaßlichen Täter des Giftanschlags auf Alexei Nawalny sind erfahrene Geheimdienstagenten.

Der Fall sei gelöst, er wisse, wer ihn ermorden wollte, jubelte Alexei Nawalny auf Youtube. „Ich weiß, wo sie wohnen, wo sie arbeiten. Ich kenne ihre wirklichen und falschen Namen. Ich habe ihre Fotografien.“

Der russische Oppositionspolitiker sprach über eine Gruppe russischer Inlandsgeheimdienstlern. Nach am Montag veröffentlichten Berichten des britischen Ermittlungsportals Bellingcat und der russischen Internetzeitung „The Insider“ haben sie den Tomsker Giftmordanschlag auf Nawalny im August vorbereitet und ausgeführt. „Anfangs haben wir gesehen, wen Artur Schirow, der Leiter des Forschungszentrums ,Signal‘, angerufen hat“, erklärt Roman Dobrochotow, der Chefredakteur von „The Insider“, der FR. „Signal“ produziert laut Bellingcat den verbotenen Nervenkampfstoff Nowitschok im Geheimen weiter.

Alexei Nawalny hatte mindestens acht auf ihn angesetzte FSB-Agenten

Schon 2018 soll es damit die russischen Militärgeheimdienstler versorgt haben, die sehr wahrscheinlich in England den früheren Doppelagenten Sergei Skripal vergifteten. „Wir haben geprüft, wer von den Angerufenen dem FSB angehörte“, so Dobrochotow. Dann habe man festgestellt, dass sich Anrufe der Beamten des Staatssicherheitsdienstes FSB bei dem Kampfstoffchemiker Schirow in den Tagen häuften, als Nawalny vergiftet wurde. „Wenn wir eine Telefonnummer haben, ist es leicht festzustellen, welcher Person sie gehört.“ Auch die Nutzer von Nummern, die auf falsche Namen eingetragen seien, könne man mit Apps wie Numbuster oder Truecaller zurückverfolgen.

Die Recherchen enthüllten eine Unzahl von Telefonaten, Textbotschaften und Inlandsflügen, die die mindestens acht auf Nawalny angesetzten FSB-Agenten tätigten. Sie sollen alle dem „Zentrum für Spezialtechnik des FSB“ unterstehen, das von Generalmajor Wladimir Bogdanow kommandiert wird. Und tatsächlich liegen ihre Namen, Lebensläufe und Fotos vor. Etwa die von Oberst Stanislaw Makschakow, 54, Kampfstoffchemiker.

Alexei Nawalny: Auf Inlandsreisen verfolgt

Oder des ehemaligen Notarztes Alexei Aleksandrow, 39. Er verriet unvorsichtigerweise mit Anrufen unter seiner echten Nummer mehrfach seinen Standort. Unter anderem in der Tatnacht, als er fünf Autominuten vom Hotel Xander in Tomsk entfernt telefonierte, wo Nawalny vergiftet wurde. Da gibt es auch noch den FSB-Kriminalisten Wladimir Panajew, 40, der bis zu dem gescheiterten Attentat im selben Moskauer Haus wie das Opfer Nawalny wohnte. Seitdem ist er im FSB-Hauptquartier an der Lubjanka gemeldet.

Mehrere Jahre lang verfolgten die kampfstofferfahrenen FSBler Nawalny auf seinen Inlandsreisen, so 2016/17, als er für seine geplante Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen 2018 warb. Als ihm dann ein Gericht die Teilnahme untersagte, zogen sie sich zurück, nahmen seine Spur aber 2019 wieder auf.

Laut Nawalny kam es schon im Juli 2020 in der Region Kaliningrad zu einem Giftanschlag, als er mit seiner Frau Julija einen Ostseeurlaub machte. Zwei Hotelangestellte berichteten „The Insider“ von mehreren „Männern in Zivil“, die sich Zugang zum Zimmer des Paars verschafft hätten, danach erlitt Nawalnys Gattin einen heftigen Schwächeanfall. Gleichzeitig telefonierten die FSBler hektisch, Generalmajor Bogdanow flog persönlich nach Kaliningrad, vielleicht um die Gründe für die Schlappe zu klären.

Alexei Nawalny: Die Täterschaft der FSBler ist offensichtlich

Mindestens drei Agenten folgten Nawalny auch nach Tomsk, wo er am 20. August vergiftet wurde. Wieder hagelte es Anrufe und SMS, aber wieder erwies sich die Kampfstoffdosierung als zu gering. „Nowitschok hat mehrfach versagt“, sagt Dobrochotow. „Aber es gab viele rätselhafte Todesfälle, wie die angeblichen Herzinfarkte von zwei russischen Dopingkontrollfunktionären 2016. Auch dabei könnte das Gift im Spiel gewesen sein.“ Dobrochotow betrachtet die Täterschaft der FSBler als offensichtlich. „Wenn es unabhängiges russisches Gerichte gäbe, würde der Prozess nicht lange dauern. Jedes Gericht könnte anhand all dieser mobilen Daten sehr schnell ihre Bewegungen rekonstruieren und ihre Alibis widerlegen.“

Der FSB wirkt bloßgestellt wie noch nie in seiner 25-jährigen Geschichte. Der kremlnahe Politologe Sergei Markow bezeichnet auf Facebook die Vorwürfe einerseits als fantastisch. „Andererseits gibt es sehr konkrete Einzelheiten, die den Staat Russland anklagen, die Konzeption ist straff. Und es ist sehr schwer zu beweisen, dass diese Einzelheiten nicht der Wahrheit entsprechen.“ Der Kreml selbst schwieg gestern, Putin-Sprecher Dmitri Peskow sagte das übliche Presse-Briefing ab.

Nawalny fühlte sich gestern als moralischer Sieger. „Für mich besteht kein Zweifel, dass Putin diese Angelegenheit gesteuert hat.“ Er warf dem Präsidenten „Staatsterrorismus“ vor. Der Oppositionelle will, sobald es seine Genesung erlaubt, nach Russland zurückkehren.

Der liberale Politologe Dmitri Trawin schließt nicht aus, dass Nawalny dort neue Attentate drohen. Aber die Giftaffäre würde seine Position als politischer Hauptgegner Putins nur stärken.

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