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Russischer Oppositioneller

Verbleib von Nawalny geklärt: Was den Kreml-Kritiker im Straflager erwartet

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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Der russische Kreml-Kritiker Alexei Nawalny ist in einer Strafkolonie 100 Kilometer östlich von Moskau angekommen.

  • Der russische Oppositionspolitiker Alexei Nawalny wurde aus der Haft in Moskau abtransportiert.
  • Der Kreml-Kritiker wird in eine „Kolonie mit allgemeinen Bedingungen“ gebracht.
  • Diese sollen weniger hart sein als in anderen Einrichtungen.

Update vom Montag, 01.03.2021, 8.30 Uhr: Der in Russland inhaftierte Kreml-Kritiker Alexei Nawalny ist in die Region Wladimir, etwa 100 Kilometer östlich von Moskau, gebracht worden. „Er wird zunächst in Quarantäne bleiben und dann in seine Strafkolonie verlegt werden“, berichtete Alexej Melnikow von der „Kommission für die Rechte Inhaftierter“ am Sonntag (28.02.2021) der russischen Nachrichtenagentur „Interfax“. In der Kleinstadt Pokrow verbüßen laut der Nachrichtenagentur „afp“ derzeit etwa 800 Menschen ihre Strafe, die Bedingungen in dem Lager gelten als weniger hart als in anderen Einrichtungen. Am Freitag (26.02.2021) hatte der Leiter der russischen Gefängnisse, Alexander Kalaschnikow, zwar mitgeteilt, dass Nawalny verlegt worden sei, nannte dabei jedoch keine weitere Details.

Kreml-Kritiker Alexei Nawalny bei einer Anhörung vor Gericht in Moskau (Archivbild).

Das erwartet Alexei Nawalny im russischen Straflager

Erstmeldung vom Sonntag, 28.02.2021, 16.50 Uhr: Moskau – Der Empfang im Straflager ist oft brutal. „In den ersten eineinhalb Stunden prügelten sie auf mich ein, im ‚Zimmer für Erziehungsarbeiten‘, angeblich hatte ich es versäumt, mich in ein Brandschutzbuch einzuschreiben. Sie schlugen mich mit hölzernen Schreinerhämmern, damals benutzten sie noch keine Gummiknüppel.“ Neuankömmlinge würden geprügelt, um zu prüfen, ob sie dem Druck widerstehen wollen oder ob sie sofort nachgeben.

Der Busfahrer und frühere Unternehmer Ruslan Wachapow hat fünfeinhalb Jahre in der „Besserungskolonie IK Nr. 1“ in Jaroslawl abgesessen, ein Straflager „mit allgemeinen Haftbedingungen“. Auch der Oppositionelle Alexei Nawalny wurde am Donnerstag aus einer Moskauer U-Haftanstalt abtransportiert, in eine „Kolonie mit allgemeinen Bedingungen“. Ungewiss, was ihn hinter ihrem Stacheldraht erwartet. „Die Prügel in Jaroslawl sind keineswegs das Schrecklichste, was in russischen Gefängnissen passiert“, sagt Igor Kaljapin, Vorsitzender der Rechtsschutzgruppe „Komitee gegen Foltern“. „Und leider kein Einzelfall.“

Alexei Nawalny muss in russisches Straflager: „Korridor hinterher voller Blut und Exkremente“

Ruslan weiß nicht, wie oft er geprügelt wurde. Zweimal im Jahr rückte eine Sondereinheit der Polizei ein, um alle zusammenzuschlagen, die die Anstaltsleitung auf der Liste hatte. „Einmal, 2013, war der Korridor hinterher voller Blut und Exkremente.“

Von 692 russischen Strafanstalten sind nur acht Gefängnisse, die übrigen Lager; die Häftlinge leben nicht in Zellen, sondern in großen Holz- oder Ziegelbaracken. Ihre Einwohnerzahl hat sich seit 2000 auf etwa 480 000 halbiert. Expert:innen führen das unter anderem auf gesunkene Verbrechensraten zurück, auf alternative Strafen für Jugendliche oder leichte Vergehen.

Alexei Nawalny: Russlands Straflager als Orte der Vergeltung

Noch immer gelten Russlands Straflager als Orte der Vergeltung. Für offene Hemdknöpfe droht Karzer, für Beschwerden Schläge. Gleichzeitig verkaufen die Wärter den Gefangenen für 25 Euro streng verbotene Handys, um sie dann zu konfiszieren und neu zu verkaufen.

Der Alltag der Häftlinge sieht sehr unterschiedlich aus. Mancherorts drängen sich die Insassen zur Arbeit, weil ihnen sonst stundenlanger Drill auf dem Hauptplatz droht, anderswo schlagen vor allem Berufsverbrecher die Zeit mit Lesen oder Fußballspielen tot.

„Ob in einem Lager geprügelt wird, hängt davon ab, was im Kopf des Direktors vorgeht“, sagt Menschenrechtler Kaljapin. Vor allem in Lagern mit strengem Regime seien die Schläger sogenannte „Aktivisten“, Häftlinge mit oft langen Strafen, die mit den Vollzugsbeamten zusammenarbeiten. Allein 2018 gab es nach amtlichen Angaben 1881 Beschwerden wegen Folter in russischen Haftanstalten. Nur 3,2 Prozent wurden strafrechtlich verfolgt.

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Was Alexei Nawalny im russischen Straflager erwartet

„Es geht darum, Menschen zu erniedrigen, zu brechen“, erklärt der Schriftsteller Maxim Gromow, der drei Jahre gesessen hat. „Ständig fletschen dich Wachhunde an, vor jedem Offizier musst du die Mütze ziehen, vom Prügeln ganz zu schweigen.“ Nach seiner Entlassung habe er jahrelang um sein Selbstwertgefühl gerungen. „Dass ich krank bin, weiß ich“, sagt Ruslan Wachapow über seine Psyche. „Und meine Gelenke, die linke Schulter, die linke Hüfte, das Knie sind zerschlagen.“

Populäre politische Gefangene haben es leichter, die Knochenbrecher lassen sie in Ruhe, in der Regel. Sie werden von Menschenrechtler:innen besucht, über die Welt auf dem Laufenden gehalten. Alexei Nawalny dürfte ähnliche Vorteile genießen. Aber am Ende hängt sein Überleben von der Willkür derer ab, die ihn gefangen halten. (Stefan Scholl)

Nach dem Nawalny-Urteil hatte es in Russland Massen-Proteste gegeben, über 1.100 Personen wurden festgenommen.

Rubriklistenbild: © DIMITAR DILKOFF

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