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Alexander Van der Bellen: Ein spröder Mann gegen die Spaltung in Österreich

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Von: Patrick Guyton

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„Vernunft statt Extreme“: Damit will Alexander Van der Bellen bei der Österreich-Wahl punkten. Der Bundespräsident will gegen die Spaltung im Land vorgehen.

Graz/Frankfurt – Der Jakominiplatz in Graz wirkt unübersichtlich bis leicht chaotisch. Hier am Rande der Altstadt kreuzen sich fast alle Straßenbahnlinien der Steiermark-Metropole, Passant:innen gehen schnurstracks über das Schienengewirr ohne Begrenzungen oder Ampeln. An diesem Vormittag hat ein Unterstützungsteam von Alexander Van der Bellen einen kleinen Stand auf dem Jakominiplatz aufgebaut. Um 10.10 Uhr kommt der österreichische Bundespräsident unvermittelt selbst. Schnell bildet sich eine Menschentraube um ihn. Händeschütteln, wechselseitiges „Grüß Gott“.

In Österreich steht an diesem Sonntag, 9. Oktober, die Wahl des Staatsoberhaupts, des Bundespräsidenten, an, Amtsinhaber Van der Bellen, 78 Jahre alt, Grüner mit ruhender Parteimitgliedschaft, kandidiert nach 2016 zum zweiten Mal. Alles andere als eine Wiederwahl mit absoluter Mehrheit wäre eine Überraschung. Der schlanke, grauhaarige Mann mit dem vornehmen, etwas behäbigen Auftreten scheint zur einzigen Konstanten der österreichischen Politik geworden zu sein, in der eine Affäre die nächste jagt. Van der Bellen – auch „VDB“ genannt – wirkt da wie der Repräsentant eines redlichen Österreichs.

Österreich-Wahl: Aus Alexander Van der Bellens erster Amtszeit bleibt vor allem ein Satz in Erinnerung

Der Wahlkampf in der Alpenrepublik hält sich in engen Grenzen, auch wenn sieben Kandidaten auf dem Stimmzettel stehen. Neben Van der Bellen geht die rechtspopulistische FPÖ mit dem in seiner Partei als gemäßigt geltenden Walter Rosenkranz ins Rennen. Weiter kandidieren fünf Männer von der rechten und der linken Seite, auch Spaßkandidaten wie der Mediziner und Musiker Dominik Wlazny mit seiner „Bier-Partei“. Die beiden großen Volksparteien – die konservative ÖVP und die sozialdemokratische SPÖ – verzichten hingegen auf Kandidat:innen.

Wahlplakat für Alexander Van der Bellen in Wien
„Vernunft statt Extreme“: Damit will Alexander Van der Bellen bei der Österreich-Wahl punkten. (Symbolbild) © afp

Im Vergleich zum deutschen Bundespräsidenten hat der österreichische etwas mehr zu sagen. Aus seiner ersten Amtszeit blieb vor allem ein Satz in Erinnerung: „So ist Österreich einfach nicht“, sagte er in einer Ansprache im Mai 2019, nachdem das Ibiza-Video veröffentlicht worden war, das den FPÖ-Vizekanzler und Parteivorsitzende Heinz-Christian Strache zum Rückzug zwang. Van der Bellen sprach von „beschämenden Bildern“ und einer „dreisten Respektlosigkeit“. Es kam zu Neuwahlen.

Alexander Van der Bellen ist das Kind eines deutschstämmigen Paares aus Estland, das 1941 emigrierte. Drei Jahre darauf wurde er in Wien geboren, wo er studierte, eine akademische Laufbahn einschlug und eine Professur für Volkswirtschaft erlangte. Van der Bellen arbeitete bei den Grünen mit, wurde deren Vorsitzender und stand lange Jahre an der Spitze der Fraktion im Parlament, dem Nationalrat.

Österreich-Wahl: Bundespräsident Alexander Van der Bellen ist ein spröder Typ

Er ist ein spröder Typ. Volkstümliche Nähe liegt ihm nicht. Das sieht man beim Besuch in Graz: Geduldig schüttelt er die Hände der Menschen, die zufällig am Jakominiplatz sind und auf ihn zukommen. „Ich wähle Sie“, sagt ein Mann. „Sie sind wichtig für Österreich“, versichert ihm eine Frau. Viele Dutzende Male lässt er sich mit den Leuten per Handy fotografieren. Zum Lachen bringt ihn ein kleiner weißer Hund, mit dem er eine Weile spielt. In Wien ist Van der Bellen regelmäßig mit seiner Hündin Juli unterwegs.

Bundespräsidentenwahl in Österreich

Am 9. Oktober entscheiden die Österreicher:innen, wer künftig Bundespräsident ist. Was Sie zu Ablauf und Kandidierenden der Österreich-Wahl wissen müssen.

„Größere Wahlkampfveranstaltungen machen wir nicht“, sagt sein Sprecher Stephan Götz-Bruha der FR. Die Aktionen wie in Graz erfolgten spontan. Denn wenn Van der Bellen angekündigt wird, so der Sprecher, „kommen 100 Nazis mit Trillerpfeifen, die das sprengen wollen“. Man habe das „aber nicht nötig“, fügt er hinzu.

Österreich-Wahl: Der Name Sebastian Kurz dürfte Van der Bellen noch lange im Ohr klingen

Österreichische Medien berichten gerne, dass diese Amtszeit turbulent war für den Bundespräsidenten. Van der Bellen hatte die Minister:innen und Mitglieder von vier Regierungen anzugeloben – so heißt in Österreich die Vereidigung. Das waren – je nach Zählweise – 50 oder auch 125 Personen, die den roten Teppich in der Wiener Hofburg zum Präsidenten beschritten.

Sebastian Kurz – der Name des früheren Stars der ÖVP – dürfte Van der Bellen noch lange im Ohr klingen. Kurz hatte eine Zeitung mit Anzeigen für genehme Berichterstattung bezahlt, hatte seine Partei und die Regierung ganz auf sich zugeschnitten. Aus dem Kurz-Desaster hat sich Van der Bellen rausgehalten. Nachfragen, etwa in einem Interview mit dem Österreichischen Rundfunk (ORF), blockte er ab, mit dem Hinweis, die Staatsanwaltschaft ermittle, die Institutionen funktionierten. Kommt Russland zur Sprache, sagt er: „Wir waren zu lange auf einem Auge blind“ und wirkt auf einmal schlecht gelaunt.

Van der Bellen vor der Österreich-Wahl: „Wer unsere Heimat liebt, spaltet sie nicht“

Van der Bellens Wahlkampf ist vor allem staatstragend und gegen radikale Kräfte gerichtet. „Vernunft statt Extreme“ lautet der Slogan auf einem Plakat. Oder: „Wer unsere Heimat liebt, spaltet sie nicht“. Und: „Aus ganzem Herzen Österreich“.

In Graz kommt eine zierliche, alte Frau auf ihn zu. Sie habe Probleme mit der Rente, sie verstehe das alles nicht. Van der Bellen sagt: „Schreiben Sie mir das und schicken es mir“. „Wohin?“ „An den Bundespräsidenten, Hofburg, Wien. Sie bekommen garantiert eine Antwort.“ (Patrick Guyton)

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