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Dobrindt vertritt die Belange der Bayernpartei in der Hauptstadt - gerne lautstark.

CSU

Alexander Dobrindt, der pampige Einzelkämpfer

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Die CSU trifft sich zur jährlichen Klausurtagung im Kloster Seeon. Gastgeber Alexander Dobrindt tut sich durch seine Antihaltung hervor.

Es ist ziemlich genau elf Jahre her, da hat Alexander Dobrindt einen dunklen Anorak angezogen und ist auf die Zugspitze gefahren. Eine Zahnradbahn hat ihn auf den Gipfel gebracht, ihn und vier andere junge CSU-Politiker. Oben war es neblig und verschneit, kein gutes Bergwetter.

Auf der Aussichtsplattform entrollten die fünf ein Plakat für einen, der in Bedrängnis geraten war. „Bayerns Spitze – Edmund Stoiber“ stand darauf. Im Hintergrund blickte das Gipfelkreuz gerade noch so aus den Wolken. Wenige Wochen später war die Karriere des bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Chefs vorbei, die CSU hatte ihn zum Rücktritt gedrängt. Die Zugspitz-Aktion, der erste bundesweit beachtete Auftritt Dobrindts, war nicht gerade erfolgreich gewesen. Es ist seitdem einiges passiert in der CSU. Rücktritte am laufenden Band, erst ging Stoiber, dann seine Nachfolger Erwin Huber und Günther Beckstein. Deren Nachfolger Horst Seehofer ist auch bald wieder weg. Michael Glos hat als Bundeswirtschaftsminister hingeschmissen, Karl-Theodor zu Guttenberg musste zurücktreten, genauso wie Hans-Peter Friedrich als Innenminister.

Dobrindt zieht die Fäden

Dobrindt ist noch da. Auf CSU-Parteitagen sitzt der 47-Jährige inzwischen in der ersten Reihe, fast ganz in der Mitte. In dieser Woche zieht er bei dem Auftritt die Fäden, mit dem die CSU jeden Januar die politische Weihnachtsruhe beendet: Die CSU-Bundestagsabgeordneten kommen von Donnerstag bis Samstag zu ihrer Klausurtagung im Kloster Seeon zusammen, zum traditionellen Jahresanfangsgepolter in der bayerischen Voralpenlandschaft.

Dobrindt ist seit der Bundestagswahl der Chef der CSU-Bundestagsabgeordneten und damit Gastgeber der Veranstaltung, die mindestens so viel Show wie Positionsbestimmung ist. Es geht darum, wahrgenommen zu werden, und dafür gibt es Papiere mit möglichst rabiaten Forderungen und Gäste mit Spektakelwert. Dobrindt hat dieses Mal den ungarischen Ministerpräsident Victor Orban geladen, die Anti-Merkel-Figur der EU, und einen Investor, der regelmäßig in einer Fernsehshow auftritt.

Von den fünf jungen Abgeordneten, die vor zehn Jahren auf der Zugspitze standen und einem Chef im Untergang zujubelten, ist Dobrindt am weitesten gekommen. Er ist jetzt einer der mächtigsten Männer in der CSU und gleichzeitig einer der lautesten und der rätselhaftesten.

Die Macht kommt aus der Position. Es ist zwar nur eine kleine Truppe von nur 46 Personen, der er vorsitzt, und der Titel CSU-Landesgruppenchef klingt auch eher nach Stammtisch in der Dorfgaststätte. Aber dieser Chef ist der oberste Repräsentant der CSU in Berlin; wenn die Union regiert, sitzt er in allen Koalitionsrunden. Auf der Internetseite hat Dobrindt die Landesgruppe durch „CSU im Bundestag“ ersetzt. Dobrindts Lautstärke ist nicht unbedingt in Dezibel zu messen, außer er trifft auf politische Gegner wie den Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter. Mit dem hat er sich in den Sondierungsrunden dem Vernehmen nach auch schon mal angeschrien. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Dobrindt sich öffentlich stets Mühe gibt, die Contenance zu wahren, zumindest im Ton.

Er hat eine weiche Aussprache, er macht kurze Pausen, bevor er antwortet, sein Gesicht bleibt ungerührt, manchmal lässt er ein kleines Lächeln stehen, während er redet. Von Zurückhaltung allerdings lässt sich dann nicht sprechen. Die gab es nur während seiner vier Jahre als Verkehrsminister. Da hatte er sich – außer beim Thema Pkw-Maut – ziemlich rar gemacht. Davor und danach, als CSU-Generalsekretär und jetzt als Landesgruppenchef, war und ist keine Lupe mehr nötig, um Dobrindt zu finden.

Vier Wochen lang verhandelten CDU, CSU, FDP und Grüne über eine gemeinsame Regierung. Vier Wochen lang ging die Kanzlerin wortlos vorbei an den Kameras. Vier Wochen lang sagte FDP-Chef Christian Lindner, man müsse mal sehen. Der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer lächelte sphinxartig und behauptete, er sei zuversichtlich.

Vier Wochen lang stellte sich Alexander Dobrindt vor die Kameras und verbreitete Missmut und Kompromissunwillen, die Arme fest und wie abwehrbereit vor dem Körper verschränkt. Eigentlich hätte er gar keine Worte mehr gebraucht. Die CSU-Position zur Flüchtlingspolitik: nicht verhandelbar. Kompromissbereitschaft? „Nein. Nein!“ Zu einem Vorschlag der Grünen: „So kann man heute nicht mehr argumentieren.“ So ging es weiter. Dobrindt kam und mit ihm die schlechte Laune: Mondforderungen, Schwachsinnstermine, Idee aus der Uraltmottenkiste, rhetorischer Neandertaler, tönte es hinter den verschränkten Armen hervor. Zuweilen war es so, dass Seehofer in die eine Kamera Zuversicht verbreitete: Ein Treffen mit den Grünen sei gut verlaufen.

Asterix als Vorbild

Wenige Meter weiter verkündete Dobrindt: „Es hat ordentlich gekracht.“ Geradlinig sei dieses Auftreten gewesen, sagt Dobrindt selber. Als Vorbild hat er einmal den Comichelden Asterix angegeben, ein Sinnbild für Widerspenstigkeit und Raffinesse. Aber selbst in der CSU war so manchem diese sogenannte Geradlinigkeit etwas zu holzschnittartig. Eine harte Position sei zwar gut, befindet ein führender Parteistratege. „Aber etwas eleganter könnte man das schon machen.“ Dobrindt sei ein „Söder für Arme“, lästerte ein anderer – Markus Söder, der Seehofer vom Sockel gestoßen hat, gilt als Spezialist für Zuspitzung und Polemik.

In der CDU beschwerte man sich, Dobrindt sei „dauerpampig“ und begann daran zu zweifeln, dass die CSU die Verhandlungen ernsthaft führte. Es sah aus, als könnte eine Jamaika-Koalition an Dobrindt scheitern. Es war dann aber doch Lindner, der die Verhandlungen platzen ließ.

Wer in den vergangenen Jahren in der CSU nach Dobrindt fragte, erntete meist ein Achselzucken. Der Mann mit den verschränkten Armen hat auch in seiner Partei viele auf Distanz gehalten. Die Debatte um die Nachfolge von CSU-Chef und Ministerpräsident Horst Seehofer waberte vor sich hin. Dobrindts Name tauchte auf, wurde aber schnell wieder verworfen. „Der Alexander“ habe keine wirklichen Unterstützer in der Partei, hieß es. Er komme zwar aus dem mächtigsten CSU-Bezirk Oberbayern, aber die würden sich für ihn nicht krummlegen. Keine Allianzen geschmiedet, keine Abhängigkeiten geschaffen und auch „keinen Sympathiebonus“, war zu hören. Auf allen Seiten.

Generalsekretär der CSU wurde er, nachdem Guttenberg zum Minister aufstieg, als zweite Wahl. Bei seinem ersten Versuch, Landesgruppenvorsitzender zu werden, scheiterte Dobrindt. Es gab einige Konkurrenten und die Oberbayern-CSU blieb ruhig. Als er in der letzten Wahlperiode versuchte, der damaligen Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt die Position als wichtigste CSU-Vertreterin in Berlin streitig zu machen, fand er keine Unterstützer und scheiterte.

Einzelgänger Seehofer und Einzelgänger Dobrindt

Aber ein mächtiger Unterstützer wie Seehofer macht vieles wett. Dobrindt ersetzte die Zugspitz-Loyalität zu Stoiber durch die zu einem neuen Chef. Gut möglich, dass es Seehofer ganz recht war, da einen zu haben, der nicht noch einen ganzen Gutshof an Bindungen mitbrachte, einer, der sich nur ihm verpflichtet fühlte und nicht noch allen möglichen anderen. Aus dem Einzelgänger Seehofer und dem Einzelgänger Dobrindt wurde ein Team. Im Frühjahr aber gibt Seehofer nun den Ministerpräsidentenposten ab an Söder, den Mann mit den Allianzen und Abhängigkeiten. Der Parteivorsitz wird irgendwann auch neu vergeben.

Dobrindts wuchtiger Auftritt am Rande der Jamaika-Sondierungen fiel in die Zeit, in der noch nicht klar war, wie es weitergehen würde. Es war die Zeit, um sich in Position zu bringen, sich sichtbar zu machen. „Klar, direkt und konservativ“, werde er auftreten, verkündete Dobrindt, als er seinen neuen Job übernommen hatte. Seine Vorgängerin Hasselfeldt war ruhig und kompromissorientiert, ganz anders als die CSU sonst auftritt.

Dobrindt hat sich für das alte Modell entschlossen. Es ist gar nicht so weit weg vom Modell Generalsekretär. Den Posten hatte er als eher Unbekannter übernommen. Zuvor hatte sich Dobrindt in der Bundestagsfraktion eher unauffällig um Wirtschaftspolitik gekümmert. Weil er bei seiner Vorstellung stolz erzählte, in seinem oberbayerischen Heimatort Peißenberg südlich des Starnberger Sees zum dritten Mal Schützenkönig geworden zu sein, klebte sofort das Label Provinz an ihm.

Dobrindt pflegt seine Feindbilder

Dobrindt, studierter Soziologe, wird lauter und verlegt sich aufs Pflegen von Feindbildern. Er beschimpft den damaligen Koalitionspartner FDP als Gurkentruppe, fordert ein Verbot der Linkspartei. Er arbeitet sich an den Grünen ab, für die er das schon lange ad acta gelegte Bild der Steineschmeißer wieder hervorkramt. Für den Wahlkampf 2013, den er organisierte, setzt er auf das Ressentiment-Thema Ausländermaut.

Gleichzeitig erfindet er sich optisch neu. Er verzichtete auf Schokolade und Gummibärchen und nahm ab, von 96 auf 77 Kilo. Er legt sich neue Anzüge zu, schmal geschnitten mit großem Karo, ungewöhnlich modisch für einen Politiker, ein wenig dandyhaft wirkt er nun. Spitze Schuhe dazu, neue Brille. Mehr Werber und Manager als Schützenkönig, mehr Prenzlberg als Peißenberg. Es ist fast ein bisschen lustig, dass Dobrindt nun ständig davor warnt, der Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg mit seinen gutverdienenden Öko-Bürgerlichen dürfe nicht die Bundespolitik bestimmen.

Das Irritierende an Dobrindt ist, dass vieles an ihm wie übergestreift wirkt. Als sei er morgens in seine Politikerrolle geschlüpft wie in einen Anzug. Er kann Situationen differenziert analysieren, er unterlegt seine Thesen gerne mit Statistiken. Aber die öffentliche Rolle lässt von der Differenzierung wenig übrig. Arm über Arm gelegt, eingerastet, abgeschirmt. Blick geradeaus, fast erstarrt, Sätze, als lese er innerlich von einem Blatt ab. Es ist, als hätte einer eine feingeschnitzte Statue mit dem Beil nachbearbeitet.

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