+
Die 8000 Jahre alte Stadt gleicht einem Trümmerfeld.

Bewegende Geschichte eines Flüchtlings aus Syrien

Von Aleppo nach Frankfurt

  • schließen

Andere in seinem Alter machen ein Auslandssemester. Ein 25-jähriger Student aus Aleppo muss in Frankfurt ein neues Leben beginnen. Das Protokoll eines Kraftakts zwischen Erinnern und Verdrängen, Trauma und Aufbruch.

Mitte Juli 2012, Zitadelle von Aleppo, Syrien. Die Eclairs. An diesem besonderen Nachmittag müssen es seine Lieblings-Eclairs sein, die mit Vanillecreme innendrin und glasierter Schokolade obendrauf. Syrien war bis 1946 französische Kolonie, kleine Kuchen nach Pariser Vorbild gibt es an jeder Ecke. Die besten Eclairs der Stadt backen sie im kleinen Café oben in der Zitadelle.

Wael, 21 Jahre alt, groß, schlank, verträumter Blick, fester Schritt, hat seinen Bachelor bestanden. Bauingenieurwesen. Das muss gefeiert werden. Mit seiner Mutter und seiner Schwester steigt er hoch zur imposanten Burg aus dem 13. Jahrhundert. Die Sonne knallt auf die Steintreppen. Die Unesco hat die Zitadelle von Aleppo 1986 zum Weltkulturerbe erklärt. „Der beste Ausblick über eine märchenhafte Stadt die dem Buch 1000 & eine Nacht entsprungen sein könnte“ hat eine Userin mit Namen defjeffgitte ein Jahr zuvor auf dem Reiseportal Tripadvisor im Internet geschrieben. Die Kuppeln der Moscheen glitzern in der Sonne. Menschen mit lustigen Hüten und Reiseführern in den Händen sieht man im Sommer 2012 allerdings kaum noch. Die Zeiten sind unruhig in Syrien. Aus Homs und Damaskus fliehen Zehntausende. Die Bilder in den Abendnachrichten sind schlimm. Doch es sind nicht Waels Bilder, nicht in diesem Moment. Sein Bild des Tages ist die Bachelor-Urkunde. Der Dekan hat unterschrieben. Waels Vater ist erfolgreicher Unternehmer. Die Familie besitzt mehrere Geschäftshäuser in der Stadt. Wael hat eine französische Privatschule besucht. So beginnen bruchlose Lebensläufe überall auf der Welt.

Doch es ist ein Abschiedsspaziergang. Ohne dass sie es ahnen, nehmen die drei bei Kaffee und Kuchen Abschied von ihrer Stadt, von einem Stück Identität. Zwei Wochen später geht es nicht mehr um Waels Lebenslauf. Sondern um sein Leben.

29. Juli 2012, Aleppo. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, als ein Feuersturm über die 8000 Jahre alte Handelsstadt hereinbricht. Jagdbomber donnern über die Dächer, Kampfhubschrauber feuern auf Wohnhäuser. Von vier Uhr morgens an schießen die Regierungstruppen von Präsident Baschar al-Assad Raketen und Granaten auf die Viertel, in denen sich die Rebellen der Freien Syrischen Armee verschanzen. Bilder, die Wael nicht vergessen wird. „Ich war zu Hause, als die ersten Bomben fielen. Die Fensterscheiben klirrten, ungefähr eine Minute lang. Es ist unglaublich, wie lang eine Minute sein kann, wenn man Todesangst hat. Mein ganzer Körper wurde steif.“ Bei den Gefechten wird auch das Eingangstor der Zitadelle zerstört. Oben im Café haben sich Scharfschützen verbarrikadiert.

August 2012, Aleppo. 200.000 Männer, Frauen und Kinder fliehen innerhalb von zwei Tagen. Auch die Mitglieder von Waels Familie packen Pässe, Bargeld und Kleidung zusammen. Eben noch waren sie Studenten und Lehrerinnen, Unternehmer und Nachbarinnen, Konzertbesucher und Videothekenstammgäste, Gastgeber und Vermieterinnen, Hausbesitzer und Individuen. Jetzt sind sie Flüchtende, mit nichts als ein paar Taschen. Die Genfer Konvention ist für sie zuständig. Sie sind gemeint, wenn Nachrichtensprecher in Europa mit ernsten Gesichtern große Zahlen aufsagen. Im August überqueren sie die libanesische Grenze. Wael, die Eltern und zwei Schwestern reisen weiter in die Türkei. Zweieinhalb Jahre lang stehen sie in Behördenschlangen, jobben, bangen. Das Bargeld reicht nicht ewig. Eine Schwester geht nach Kanada, eine nach Dänemark. Zwei Brüder finden Arbeit in Abu Dhabi. Einer beantragt in England Asyl. Keiner weiß, ob sie einander wiedersehen werden. Eine Familie zerfällt.

Wael bekommt den Status eines Kontingentflüchtlings, das heißt, er darf im Rahmen eines internationalen Hilfsprogramms direkt nach Deutschland fliegen und muss kein Asylverfahren mehr durchlaufen. Er kennt auch die anderen Bilder. Die von Menschen in Booten auf dem Mittelmeer.

28. Februar 2015, Frankfurt am Main Flughafen. Es regnet, als Wael aus dem Flugzeug steigt, 2752 Kilometer von Aleppo entfernt. Zwei Tage später beginnt der Sprachkurs. Den hat ein Freund für ihn organisiert. Sein erstes WhatsApp-Profilbild ist ein Selfie auf dem Eisernen Steg. Schaut her, hier bin ich.

September 2015, Café Galeria Kaufhof, Frankfurt Innenstadt. Eine weiße Untertasse, darauf ein Cappuccino und ein abgepackter Mandelkeks. Kein Vergleich zu hausgemachten Eclairs, dafür gibt es immer freie Tische. Wael erobert sich Frankfurt, die hessische Metropole, die Bankenstadt mit den großen Kaufhäusern, auf seine Weise. Er unterdrückt ein Gähnen. „Ich schlafe schlecht, mein Mitbewohner im Zimmer ist so laut“, sagt er auf Englisch.

Auch deshalb erläuft er sich die Stadt, die neue Heimat, Stück für Stück. Hauptsache draußen sein. Er balanciert sein Kunststofftablett durch den Raum. „Wie in einer Mensa.“ An der Frankfurter Fachhochschule können Geflüchtete bei Vorlesungen zuhören. „Ich habe mir die Adresse rausgesucht.“ Wer sich organisiert, behält die Kontrolle. Vorlesung. Mensa. Mitbewohner. Normalität. Der Mitbewohner ist aus Algerien und Mitte 40, das Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft in Frankfurt-Preungesheim. Ein Tisch. Ein Stuhl. Ein Bett, 90 Zentimeter mal zwei Meter. Die Normalität ist drei Jahre her. Aleppo ist seit Mai komplett von der Außenwelt abgeriegelt, 300.000 Menschen haben keinen Zugang mehr zu Wasser, und Lebensmitteln.

Das Smartphone auf der Tischplatte: überlebenswichtig. Für die Seele. Wael telefoniert mehrmals im Monat mit seiner Mutter, mit den Schwestern, mit den Brüdern. Er schaut nach neuen Fotos auf den Facebookprofilen von Freunden, kein einziger lebt mehr in Syrien. Wael hat Bilder gespeichert, von einer Straße in Aleppo, vom Frankfurter Römer, Bilder aus dem Zimmer, aus dem Alltag, von einem Ausflug an den Rhein. Touristenbilder. Dann gibt es die Bilder von n-tv und Al-Dschasira, Bilder vom Krieg, wenn er W-Lan hat. „Ich möchte sehen, was zu Hause passiert. Es tut sehr weh.“

Nur ein Bild von sich möchte Wael nicht in der Zeitung sehen, genauso wenig wie seinen Nachnamen. Wer sein Bild hergibt, verliert womöglich die Kontrolle. Der syrische Geheimdienst hat ihn in mal in Aleppo auf dem Campus angehalten. Es ist besser, nicht im Internet auffindbar zu sein. Auf dem Smartphone ist auch Musik, Celine Dion zum Beispiel. „Celine Dion haben wir auf den Partys in Aleppo gehört.“ Damals, in einer anderen Galaxie.

Themenwechsel. Sprachenwechsel. Konversation. „Da, die Paulskirche. Wir waren mit dem Deutschkurs dort.“ Auch das ist Integration: Ein Kultururlaub unter bizarren Umständen.

3. Oktober 2015, Frankfurt-Seckbach. Weil Wael aber eben kein Austauschstudent und kein Tourist ist, gibt es viele Menschen, die ihm helfen möchten. Jemand hat ihm ein altes blaues Fahrrad geschenkt. Heute ist er trotzdem U-Bahn gefahren, mit der Linie U4, und dann weiter mit dem 43er Bus. Eine deutsche Familie hat ihn zum Abendessen eingeladen. Willkommenskultur im Wohnzimmer.

Er kommt mittlerweile schnell ins Gespräch mit Frankfurtern, hat von „dieser Frau Rauscher“ gehört und Handkäs gerochen, auch die Mitarbeiter der Diakonie, die in der Unterkunft helfen, kennt er gut. Einmal hat Wael vor Ehrenamtlichen einen Vortrag in einem Gemeindehaus gehalten. Er legt den Finger auf die Klingel seiner Gastgeber. Herr F. öffnet die Tür. „Hello Wael, do you like Beef?“ Ja, er mag Rindfleisch. Kalbsschnitzel gibt es. „With green sauce, a speciality of Frankfurt.“ Eine Stimmung wie beim Schüleraustausch. Am Tisch patscht der anderthalbjährige Sohn der Familie in die Frankfurter Spezialität. Dann wirft er sein Glas Apfelschorle um. Wael lächelt gequält. „Kinder sind sehr frei in Deutschland“, sagt er. Nach dem Essen Smalltalk vor dem Fernseher. Die Spitzen des deutschen Staates sind in Frankfurt zur zentralen Feier des 25. Jubiläums der Wiedervereinigung zusammengekommen. Angela Merkel spricht in der Alten Oper. „I like her“, sagt Wael.

17. Februar 2016, Handwerkskammer Rhein/Main, Frankfurt Innenstadt. Sich aufrappeln und ein neues Leben beginnen, wenn einen die Weltgeschichte an einen Punkt auf dem Erdball wirft, an dem alles fremd ist, und wo man am Anfang nicht mal „Guten Tag“ sagen kann: Wie geht so was? Alle sprechen von Integration, aber es ist ein Kraftakt. Für jeden Einzelnen. Rund 80.000 Geflüchtete, Männer, Frauen und Kinder, leben jetzt in hessischen Städten und Gemeinden. Jeden Tag kommen 300 bis 500 neu an.

Im Rhein-Main-Gebiet sollen 2016 rund 32.000 neue Stellen entstehen. „Die vielen mittelständischen Unternehmen und ihre Mitarbeiter sind innovativ und zukunftsorientiert. Somit ist die Wirtschaft bedeutender Bestandteil der Integration.“ So klingt es, wenn Handwerkstagspräsident Bernd Ehinger über die Situation spricht. Applaus im Saal.

Wael arbeitet neuerdings stundenweise als Portier in einem Frankfurter Hotel.

Mai 2016, Frankfurt. Nach 115 Tagen kann Wael aus der Unterkunft ausziehen „Kein nerviger Mitbewohner mehr!“ Er hat seine Sachen in einem Zimmer bei einer Frankfurter Familie ausgepackt. Der Sohn ist zum Studieren ausgezogen, Wael schläft in Jakobs Bett und freut sich über seine DVD-Sammlung. Er ist richtig gerührt. „Sie behandeln mich wie ein Familienmitglied. Unglaublich nette Menschen.“ Das rote Lehrbuch „Deutsch: B1 plus“ liegt aufgeschlagen auf dem Schreibtisch, Substantive mit „und“ und „keit“ sind dran: „Die Ungerechtigkeit. Die Höflichkeit. Die Umweltzerstörung.“

3. Juni 2016, Frankfurter Museumsufer, Städel. Noch mehr Bilder. „Also, solche Gewehre habe ich noch nie gesehen“, sagt Wael in fließendem Deutsch und lacht. Mit der „Fantasia Arabe“ von Eugène Delacroix kann er sich nicht so recht anfreunden. Eingehüllt von Staub und Pulverdampf reiten Beduinen in Öl durchs Gemälde und schwingen armlange Flinten. Fast scheint er peinlich berührt. „Syrien war übrigens Teil des Römischen Reichs“, doziert er, als er auf dem dunklen Fischgrätparkett an den französischen Romantikern vorbeiläuft. Die Sprache hat ihn selbstbewusst gemacht, es hat sich viel verändert in den vergangenen 15 Monaten. Das hier ist kein Schüleraustausch-Gespräch mehr. Wael kann jetzt richtig von sich erzählen. Er bleibt vor Erik Theodor Werenskiolds „Kleinen Mädchen am Klavier“ stehen. „Ich habe selbst Klavier gespielt, aber nur zwei Jahre. Ich bin so unmusikalisch.“

23. Juli 2016, REWE an der Miquelallee. Hier kauft Wael gern Lachs an der Frischetheke ein. „Lachs habe ich erst in Frankfurt entdeckt. In Aleppo haben wir fast immer Lamm und Hühnchen gegessen.“ Ein kleiner Luxus zwischendurch. Waels Pläne haben sich geändert. Er will nicht mehr studieren, sondern eine Ausbildung zum Bankkaufmann machen. „Ich bin 25 Jahre alt, möchte arbeiten und Geld verdienen.“ Wael, fühlst du dich in Frankfurt zu Hause? „Nein. Aber gerade ist es gut.“ Er sagt, dass er keine Nachrichten aus Syrien mehr liest. Es gibt Bilder, die ihn im Moment überfordern.

24. Juli 2016, Aleppo. Die humanitäre Lage spitzt sich weiter zu. Bei Luftangriffen werden vier Krankenhäuser getroffen. 

Wael bekommt an diesem Tag die Zusage für ein Praktikum bei einer hessischen Sparkasse.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion