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Alberto Acosta über die Rechte der Natur: „Wir müssen uns von den gedanklichen Fesseln des Fortschritts befreien“

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Von: Sabine Hamacher

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Der Mensch steht nicht außerhalb der Natur, sondern ist Teil von ihr, sagt Alberto Acosta Espinosa. Getty
Der Mensch steht nicht außerhalb der Natur, sondern ist Teil von ihr, sagt Alberto Acosta Espinosa. Getty © Marc Guitard/Getty Images

FR-Event Die Zeit ist reif für Utopien: Alberto Acosta Espinosa, ehemaliger Präsident der Verfassungsgebenden Versammlung Ecuadors, über die Natur als Wegweiserin für die Gesellschaft

Herr Acosta, Ecuador war 2008 das erste Land, das der Natur formal eigene Rechte zugestanden und etabliert hat. International spricht man von den „Rights of Nature“, in Ecuador nennen sie sich „die Rechte von Pachamama“ (Mutter Erde). Was genau verbirgt sich hinter diesem Konzept? Schließt es auch Tierrechte ein?

Man muss die Rechte der Natur von den Umweltrechten unterscheiden, die ihren Ursprung in den Menschenrechten haben. Die Rechte der Natur legen fest, dass die Regeneration ihrer Lebenszyklen sowie ihre Struktur, ihre Funktionen und ihre evolutionären Prozesse erhalten werden müssen. Um die Natur als Rechtssubjekt anzuerkennen, ist eine biozentrische Haltung nötig.

Sie sprechen von einem ethischen Modell, das das Leben und dessen Erhalt in den Mittelpunkt aller Überlegungen stellt.

Kein Lebewesen steht im Zentrum, aber das Leben steht immer an erster Stelle. Diese alternative Ethik achtet den ureigenen Wert all derer, die die Natur ausmachen. Alle Lebewesen, einschließlich der Tiere, haben einen besonderen Stellenwert, auch wenn sie für den Menschen nicht von Nutzen sind. Dies führt uns zu der Einsicht, dass die Natur als soziales Konstrukt, als ein von Menschen konzipierter Begriff, in ihrer Gesamtheit neu interpretiert und überdacht werden muss, wenn wir das menschliche Leben auf dem Planeten nicht gefährden wollen. Zu Beginn jeder Überlegung sollten wir akzeptieren, dass der Mensch nicht außerhalb der Natur steht und dass die Natur biophysikalische Grenzen hat. Der Mensch ist Natur.

Inzwischen sind die Rechte der Natur, zumindest auf lokalem Niveau, mehr oder weniger verbreitet. In fast 40 Ländern werden sie diskutiert oder gar in die Praxis umgesetzt. In Chile sollten sie wichtiger Bestandteil der – inzwischen abgelehnten – neuen Verfassung sein. Warum war Ihr Heimatland Ecuador ganz vorne mit dabei?

Die Stärke der indigenen Völker liegt in ihrer Achtung für Pachamama oder Mutter Erde, die für sie nicht nur eine Metapher, sondern unbestreitbare Realität ist. In der Weltanschauung der Indigenen sind alle Wesen in der Natur mit Energie ausgestattet. Folglich sind sie Wesen, denen Leben innewohnt: ein Stein, ein Fluss, ein Berg, die Sonne, die Pflanzen. So wie alle diese Wesen in Beziehung zueinander stehen, so stehen sie auch in Beziehung zu den Menschen. Wir sind alle Teil eines Ganzen.

In Ecuador spielen die Indigenen eine wichtige Rolle.

Ja, und dazu kommt, dass sich viele Bevölkerungsgruppen in langen und harten Kämpfen für den Schutz der Natur eingesetzt haben. All dies zusammen hat es ermöglicht, diese Rechte verfassungsmäßig zu definieren. Es gibt aber viele Wege, sich den Rechten der Natur zu nähern. Abgesehen von ähnlichen Erfahrungsansätzen bei anderen Naturvölkern gibt es wissenschaftliche, rechtliche, religiöse, literarische und natürlich auch philosophische Vorstellungen, die die Natur als ein lebendiges Wesen achten, als unsere Mutter. Hans-Carl von Carlowitz prägte mit seinem 1713 veröffentlichten Buch „Silvicultura oeconomica“ ( „Ökonomische Forstwirtschaft“, die Red. ) den Begriff „Nachhaltigkeit“ und entwarf Vorschläge von großer Aktualität, ausgehend von seiner Vision der „Mutter Natur“, der „Mater Natura“, wie er es nannte. Aus all diesen Ansätzen kann ein zivilisatorischer Wandel entstehen, der auf ein würdiges Leben aller Menschen auf dem Planeten ausgerichtet ist.

Was folgt daraus?

Die Rechte der Natur beruhen auf einer Lebensauffassung, in der alle Lebewesen, menschliche und nicht-menschliche, immer in einer Beziehung zwischen Subjekten, nicht zwischen Subjekt und Objekt, und keineswegs individuell existieren. Mutter Erde ist für uns Menschen die Grundlage unserer Existenz, sie gibt uns überhaupt erst das Recht, zu existieren. Ohne die Natur als Rechtssubjekt zu akzeptieren, wäre also auch unsere Freiheit und die der künftigen Generationen nur eine Illusion.

Drei Jahre nach der Einführung der Rechte der Natur in Ecuador, im Jahr 2011, gab es eine große Feuerprobe. Ein US-amerikanisches Ehepaar klagte gegen ein Bauunternehmen, das eine Straße über den ecuadorianischen Fluss Vilacabamba baute und Schutt in den Fluss entsorgte. Das Provinzgericht von Loja urteilte zugunsten des Flusses, doch das Bauunternehmen hielt sich nicht daran. Was nutzt ein Recht, wenn es nicht durchgesetzt werden kann?

Das war der erste Fall. Er hatte vor allem symbolischen Wert. Bis heute sind fast 60 Rechtsstreitigkeiten bekannt, von denen viele positiv entschieden wurden. Immer mehr Länder machen Fortschritte bei der Entwicklung und Anwendung dieser Rechte, und zwar auf administrativem, juristischem und verfassungsrechtlichem Weg. Ein Fall von wachsender Bedeutung ist das Bürgerbegehren im Freistaat Bayern.

Der Utopische Raum

Live erleben können Sie Alberto Acosta Espinosa im Rahmen des Symposiums „Kosmopolitismus von unten“, das vom 1. bis 3. Oktober in Frankfurt, sowohl in der Paulskirche als auch im Offenen Haus der Kulturen (Studierendenhaus Bockenheim) stattfindet.

Wie könnte Demokratie im globalen Maßstab aussehen? Wo wird Kosmopolitismus von unten bereits praktisch erprobt? Diesen Fragen ist die dreitägige Veranstaltung gewidmet.

Zur Eröffnung in der Paulskirche spricht die in den USA lebende Politikwissenschaftlerin Seyla Benhabib über die „Konterrevolution gegen den Kosmopolitismus in unserer Zeit“. An den folgenden Tagen debattieren Teilnehmende aus Wissenschaft und Praxis über philosophische oder rechtliche Aspekte sowie praktische Beispiele einer Demokratisierung über nationale Grenzen hinweg.

Forschende wie Regina Kreide, Ina Kerner, Daniel Loick, Ulrich Brand und der Direktor des Instituts für Sozialforschung, Stephan Lessenich werden vor Ort mitdiskutieren. Aus der politischen Praxis berichten neben Alberto Acosta Vertreterinnen und Vertreter sozialer Bewegungen, etwa zum Klimaschutz, den Menschenrechten oder den Weltsozialforen.

„Der universelle Kompass“ ist der Titel des Abends zum Thema Menschenrechte, den das Ensemble Modern und das Orchester „Bridges – Musik verbindet“ gemeinsam mit dem Schriftsteller Ilija Trojanow gestalten.

Das Symposium bildet den Auftakt zu der „Globalen Versammlung“, die 2023/24 Menschen aus aller Welt zusammenführt, um über Visionen und Chancen transnationaler Demokratie zu diskutieren. Der erste Teil der „Global Assembly“ findet im Mai 2023 statt, wenn sich der Beginn der Nationalversammlung in der Paulskirche zum 175. Mal jährt.

Die Frankfurter Rundschau ist mit der Stiftung Medico international und dem Institut für Sozialforschung Teil der Initiative „Der utopische Raum“, die das Symposium und die globale Versammlung initiiert hat. FR

Alle Interessierten sind zu dem Symposium herzlich eingeladen. Anmeldung online. Dort findet sich auch das vollständige Programm. Weitere Informationen und Texte zum Thema finden Sie online unter www.fr.de/utopischer-raum

Sie meinen das dortige Volksbegehren mit dem Ziel, die Rechte der Natur in den Verfassungen der deutschen Bundesländer zu verankern.

Genau. Recht ist immer anfechtbar. Dies gilt umso mehr, wenn das Gesetz mit konservativen Ansichten bricht und Privilegien beeinträchtigt. Wir müssen uns vor Augen halten, wie schwierig es schon ist, die Achtung der Menschenrechte, der Rechte der indigenen Völker und der Rechte der Frauen zu gewährleisten ... Wenn Rechte nicht geachtet werden, werden wir deshalb nicht aufhören, dies einzufordern.

Geht es hier aber nicht um ein sehr grundsätzliches Problem? Der Natur eigene Rechte zuzugestehen, muss sich doch mit dem internationalen Kapitalismus beißen, oder?

Streng genommen erfordert die wirksame Umsetzung der Rechte der Natur eine Art kopernikanische Wende. Die harmonische und ausgewogene Wiedervereinigung mit der Natur ist unsere große Aufgabe. Es ist an der Zeit, uns von den gedanklichen Fesseln des Fortschritts und der so genannten Entwicklung zu befreien, die zu einem globalen sozioökologischen Debakel mit unvorhersehbaren Folgen führen könnten. Diese Leitbilder der Moderne sind in der Krise. Sie wurden als Leuchttürme präsentiert, um die Menschheit in Richtung „Entwicklung“ zu mobilisieren, aber am Ende erwiesen sie sich für die ausgebeuteten und verarmten Gesellschaften der kapitalistischen Welt als unerreichbare Hirngespinste, während die reicheren Gesellschaften in ihrer eigenen Fehlentwicklung versinken.

Alberto Acosta Espinosa
Alberto Acosta Espinosa , geb. 1948 in Ecuador, ist Wirtschaftswissenschaftler und Politiker. Er war von 2007 bis 2008 Präsident der Verfassungsgebenden Versammlung Ecuadors und prägte das neue Grundgesetz des Landes mit, in das neben modernen Elementen traditionell indigene Prinzipien wie die Rechte der Natur mit eingeflossen sind. 2007 war er außerdem Bergbau- und Energie-minister im Kabinett von Rafael Correa. sha © Imago

Für ein rohstoffreiches Land wie Ecuador würde die konsequente Anwendung der Rechte der Natur bedeuten, etwa seinen Ölreichtum nicht auszubeuten, um die Natur (und das Land der Indigenen) zu schonen. Kann es sich das Land leisten, seine wirtschaftlichen Interessen so zu vernachlässigen?

Da reicht es, daran zu erinnern, dass die vor einem halben Jahrhundert begonnene Ausbeutung und der Export von Erdöl aus dem Amazonasgebiet nicht dazu beigetragen haben, die Probleme der Gesellschaft zu lösen. Vielmehr wurden die Wälder und Gemeinden in dieser Region zerstört. Zudem ist es noch keinem Land, das vom Rohstoffexport als Hauptfinanzierungsquelle abhängig war, gelungen, seine sozialen und wirtschaftlichen Probleme in den Griff zu bekommen. Es ist Zeit für Veränderung, Zeit, zu einer nachhaltigen Gesellschaft überzugehen und wirksam dazu beizutragen, die zunehmende CO2-Belastung der Erdatmosphäre einzudämmen. Um die schwerwiegenden sozialen Probleme zu lösen, sind tiefgreifende Veränderungen erforderlich, die eine echte Umverteilung voraussetzen. Neben vielen anderen Schritten braucht es ein Steuersystem, in dem diejenigen, die mehr verdienen und mehr besitzen, auch mehr beitragen, sowie eine echte Umverteilung grundlegender Produktionsfaktoren wie Land und Wasser.

Ausgerechnet in einem der Finanzzentren des internationalen Kapitalismus, in Frankfurt, nehmen Sie demnächst teil an einem Symposium zum Thema „Kosmopolitismus von unten“. „Eine andere Welt ist möglich“, ist der Titel eines mit Ihnen geplanten Podiumsgesprächs. Nicht zuletzt angesichts der enormen Krisen, die uns gerade beschäftigen und bedrohen: Ist eine andere Welt wirklich möglich?

Die Herausforderungen sind mannigfaltig. Aber eine andere Welt ist nicht nur möglich – sie ist unabdingbar. Wir können nicht weiter in die Sackgasse gehen, die uns die Moderne vorgibt. Wir müssen uns auf das plurale Universum, das Pluriversum, zubewegen, unter dem wir eine Welt verstehen, in der es Platz für viele Welten gibt, in der aber alle – Menschen und nichtmenschliche Wesen – in Würde zusammenleben, ohne Elend und Ausbeutung, die das Dolce Vita einiger Weniger sichern. Wir brauchen Postwachstumsgesellschaften, Gesellschaften des „Buen Vivir“, des Guten Lebens.

Wie kommen wir dahin?

Die Diskussion ist eröffnet. Weg von der Starrheit vermeintlicher Gewissheiten müssen wir zu einer Kreativität finden, die durch vielfältige Veränderungsprozesse in der Welt inspiriert wird. Es gibt keinen Platz für Dogmen oder Zwänge. Ich begrüße daher dieses Treffen des „Kosmopolitismus von unten“. Wir wollen zum Aufbau von Gesellschaften beitragen, die auf sozialer Gerechtigkeit, dezentraler Demokratie und ökologischer Nachhaltigkeit basieren.

Interview: Sabine Hamacher

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