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Albaniens Premier Edi Rama: „Wer als Politiker ungeduldig ist, hat schon verloren“

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Von: Thomas Kaspar, Martin Benninghoff

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Musste die Geduld erst lernen: Der albanische Künstler, Ex-Basketballer und nun Premier Edi Rama.
Musste die Geduld erst lernen: Der albanische Künstler, Ex-Basketballer und nun Premier Edi Rama. © Peter Jülich

Albaniens Premierminister Edi Rama im Gespräch über die Kunst des Regierens,das lange Warten auf den EU-Beitritt und anhaltende Klischees

Herr Rama, Bundeskanzler Scholz ist wie viele deutsche Politiker Jurist. Sie sind Künstler, Maler, und haben früher professionell Basketball gespielt. Haben Sie einen anderen Zugang zu Politik?

Ich denke, wir sollten vorsichtig sein, in solchen Kategorien zu denken. In jeder Sparte gibt es gute und schlechte Menschen, talentierte und untalentierte. Ich bezweifle, dass es eine gute Idee wäre, überall Künstlerinnen und Künstler in der Politik zu haben.

Aber was ist Ihr Rezept für Erfolg in der Politik? Ist es Kreativität oder Durchsetzungsvermögen, vielleicht auch der Wunsch, einen nicht so stromlinienförmigen Weg zu gehen?

Sicherlich ist Kreativität gefragt. Ich würde sagen, mindestens genauso wichtig sind Hingabe und Willen. Zur Politik gehört auch eine gehörige Portion Geduld. Wer als Politiker ungeduldig ist, hat schon verloren.

Wo haben Sie Geduld gelernt?

Ich bin als ungeduldiger Mensch geboren worden. Vielleicht hat mich meine Ungeduld auch lange Zeit zum Außenseiter gemacht – und letztlich zur Demokratiebewegung in der albanischen Diktatur, in der ich aufgewachsen bin, geführt. Die Politik war dann für mich ein harter Crashkurs in Sachen Geduld. Vor allem die Führung der Partei. Eine Partei zu leiten, das ist eine Herkulesaufgabe, weil so viele verschiedene Interessen unter einen Hut zu bringen sind. Das hat nichts mit Kunst und Malen zu tun: Dort geht es um Farben, Formen und Harmonien. Beim Regieren ist jeder Pinselstrich eine Person, das macht es so kompliziert.

Sie haben das Künstlerische in Politik gegossen, als Sie dafür gesorgt haben, dass die grauen Gebäude in der Hauptstadt Tirana bunt angemalt werden. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Als ich im Jahr 2000 Bürgermeister von Tirana wurde, war die Stadt in ziemlich schlechter Verfassung. Es gab nur noch 78 funktionierende Lampen auf den Straßen. Tun konnte man nicht viel, denn das gesamte Budget der wachsenden Stadt lag bei rund sechs Millionen Dollar. Überall wuchsen illegale Gebäude, Regeln gab es kaum. Mit dem Geld der Europäischen Union hatte ich die Idee, bei Renovierungen eine Straße bunt anzumalen. Das wurde immer größer, bis schließlich Tirana selbst bunt war. Das hat nicht nur die Stadt verschönert, sondern generell den Wandel beschleunigt. Ganz nebenbei, das waren seit langem die ersten guten Nachrichten, die von Albanien in die Welt hinaus gingen.

Bis heute existieren viele Klischees über Albanien. Das „unbekannte Land mitten in Europa“, die Blutrache des Kanun im Norden, die Abgeschiedenheit, Kriminalität und Mafia. Welches Klischee prägt bis heute das Bild im Ausland?

Man muss verstehen, dass das heutige Albanien komplett anders ist als das isolierte Albanien unter dem Diktator Enver Hoxha, das einst als „Nordkorea Europas“ galt. Wir hatten kaum Kontakt zu Ausländern, und wenn, dann waren es marxistisch-leninistische Gruppen aus Deutschland, Frankreich oder Brasilien. Das war surreal. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Albanien war ein marxistisch-leninistisches Land unter einem stalinistischen Regime. Am Flughafen in Tirana gab es einen Friseur, bei dem sich alle Ankömmlinge die Haare schneiden lassen mussten, denn lange Haare oder Bärte waren nicht erlaubt. Auch Karl Marx hätte demnach nicht einreisen dürfen (lacht). Wenn Sie das als Grundlage nehmen, dann hege ich keinen Zweifel: Kein Land Europas hat sich in den vergangenen 30 Jahren mehr gewandelt als Albanien.

Gelegentlich wird Albanien als „weißes Blatt Papier“ bezeichnet. Wenn dem so ist, was tun Sie, um dieses Blatt Papier mit Inhalt zu füllen? Welche Vision haben Sie?

Ich freue mich zu hören, dass Albanien ein weißes Blatt Papier sein soll. Meist höre ich ziemlich genau andere Zuschreibungen: Als Journalisten wissen Sie ja, das schlechte Nachrichten oft besser laufen als gute. Ich hoffe, dass sich das Bild Albaniens im Ausland wandelt. Ich sehe, dass es mehr und mehr positive Berichte über unser Land gibt. Das macht Hoffnung.

Aber wann ist die Hoffnung aufgebraucht? Albanien ist seit 2014 offiziell Kandidat für den EU-Beitritt. Acht Jahre später haben noch nicht einmal die Verhandlungen begonnen. Wir sprachen über Geduld. Wie viel Geduld mit Brüssel haben Sie?

Bei dem Thema ist unsere Geduld unerschöpflich, weil wir keine andere Wahl haben. Wir sind es gewöhnt: Albanien war immer wieder Spielball anderer Mächte, wir konnten nur selten selbst wählen. Wir sind ein kleines Land, haben viel gelitten und durften wenig entscheiden. Jetzt haben wir erstmals die freie Wahl: Wir sind Europäer und wollen in die EU, weil wir ein Teil des Kontinents sind. Was immer es dafür braucht, egal wie lange es dauern wird, wir bleiben dran an diesem Ziel.

Die Ukraine hat als Opfer der russischen Aggression einen Sonderstatus – und kann mit schnellen Verhandlungen rechnen. Frustriert Sie das nicht?

Nein, das ist eine Ausnahmesituation – die EU hat richtig gehandelt. Ich habe dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj allerdings gesagt, es könne lange dauern. Nordmazedonien ist seit 17 Jahren Beitrittskandidat!

Beide Länder, Nordmazedonien und Albanien, sind bei der Beitrittsfrage eng miteinander verknüpft. Bulgarien hat lange die Beitrittsgespräche mit Nordmazedonien blockiert, das hat Sie auch betroffen. Wie geht es weiter?

Die Art, wie Bulgarien damit umgegangen ist, war eine Schande. Sofia hat mehr gespalten als zusammengebracht. Ich hoffe, dass sich das nun ändert.

Fühlen Sie sich von der Bundesregierung ausreichend unterstützt?

Ich habe gute Erfahrungen mit Angela Merkel gemacht. Sie wusste sehr genau um die Potenziale, aber auch die Risiken auf dem Balkan. Sie hatte eine Vision, und ich bin sehr froh, dass Olaf Scholz diese Vision weiterträgt.

Zur Person

Edi Rama (58) ist seit 2013 Ministerpräsident von Albanien. 1994 war der ehemalige Basketball-Nationalspieler ausgewandert und lebte als Kunstmaler in Paris. 1998 kehrte er zur Beerdigung seines Vaters zurück. Der damalige sozialistische Regierungschef Fatos Nano band Rama ein und machte ihn in seinem Kabinett zum Minister für Kultur und Sport.

Als Bürgermeister von Albaniens Hauptstadt Tirana machte Edi Rama sich 2000 bis 2011 mit ungewöhnlichen Sanierungsideen einen Namen. In der Folge stieg er schnell in der PS, der sozialistischen Partei Albaniens, zu deren Spitze auf. Rama genießt im Land große Popularität, die ihm 2017 und 2021 die Wiederwahl sicherte.

Den langen Weg Albaniens aus der Diktatur zur EU lesen Sie in diesem Länderporträt.

Sie meinen den sogenannten „Berliner Prozess“ für eine bessere regionale Zusammenarbeit der Westbalkanländer?

Ja, Merkel hat sich da sehr engagiert. Wir wollen den Handel verstärken und die Beziehungen untereinander verbessern. Das lief eine ganze Weile gut, geriet dann aber ins Stocken. Auch weil die EU nicht alles dafür getan hat, was sie hätte tun können.

Kooperieren Sie deshalb auch stärker mit Serbien? Belgrad hat sich in letzter Zeit wieder in Richtung Russland bewegt. Macht Ihnen das Sorge?

Die Geschichte macht den Unterschied. Wir haben sehr unter der Sowjetunion und China gelitten. Deshalb sind wir proamerikanischer eingestellt. Serbien hat eine andere Geschichte, aber Belgrad unterstützt Putins Krieg keineswegs. Der serbische Präsident Aleksandar Vucic hat aber ein Problem: Serbiens Wirtschaft hängt stark von russischem Gas und Öl ab.

Sie verstehen sich gut mit ihm?

Wir haben eine gute persönliche Beziehung, auch wenn wir gelegentlich anderer Meinung sind. Er sagt zum Beispiel „das sogenannte Kosovo“. Und ich sage „der unabhängige Staat Kosovo“. Wir tragen unsere Meinungsverschiedenheiten inzwischen auf zivilisierte Art aus.

Millionen Albanerinnen und Albaner leben in mehreren Staaten, darunter auch im Kosovo. Hat die Tatsache, dass Serbien das Kosovo noch immer nicht anerkennt, Einfluss auf die EU-Integration Albaniens?

Nein. Wir sind eine Nation, dasselbe Blut – und wir sprechen die gleiche Sprache. Aber wir leben in zwei Staaten. Die Aussöhnung zwischen Kosovaren und Serben wird dauern. Aber wer hätte gedacht, dass Deutsche und Franzosen so wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wieder enge Partner sein würden. Nötig ist eine Vision und politische Führung, um diesen Prozess voranzubringen. Aber er wird kommen, da bin ich sicher. Es gibt keinen Weg zurück.

Die Kosovaren benötigen noch immer ein Visum, um in die EU einzureisen. Was hat das mit einer besseren Integration des Westbalkans zu tun?

Das ist eine Schande für die EU! Die Kosovaren sind die einzigen Menschen auf unserem Kontinent, die nicht reisen dürfen. Sie haben zuvor in Jugoslawien und in Serbien gelebt und konnten frei reisen. Und jetzt? Sind sie unabhängig und frei von der Diktatur, aber ihre Befreier halten sie in einer Art Gefängnis fest.

Mit FR-Chefredakteur Thomas Kaspar (l.) und FR-Politik-Chef Martin Benninghoff.
Edi Rama (m.) mit FR-Chefredakteur Thomas Kaspar (l.) und FR-Politik-Chef Martin Benninghoff. © Peter Jülich

Zuletzt gab es Proteste in Tirana. Haben Sie nicht die Sorge, dass mehr Menschen auf die Straßen gehen, wenn die Inflation weiter um sich greift – und die Lebensmittel verteuert?

Schauen Sie. Demonstrationen waren in Albanien lange nicht möglich. Für eine Demokratie sind sie unbedingt nötig. Wenn sogar Deutschland seine Bevölkerung nicht vor der Inflation schützen kann, wie sollte das Albanien dann tun? Aber wir haben die geringste Inflation in der Region, allerdings auf Kosten einer Rezession.

Trotz der wirtschaftlichen Fortschritte verliert Albanien weiter an Bevölkerung. Das muss für Sie historisch alarmierend sein.

Ja. Geschichte ist leider unser Hauptexportgut, und das ist nicht gut. Lassen Sie mich so antworten: Der Balkan war nie ein langweiliger Ort. Aber wir, der Balkan, wollen langweiliger und normaler werden. So langweilig wie die Europäische Union (lacht). Ein langweiliges Land ist, wenn alles bestens funktioniert, so wie in Deutschland. Mir hat spaßeshalber mal jemand gesagt, ich könnte Oberbürgermeister von Frankfurt werden. Nein, lieber nicht, habe ich geantwortet: Sicherlich kann man hier einiges verbessern, aber Frankfurt ist eine beständige, reiche Stadt. Ein perfekter Platz – was soll man da regieren?

Wie wäre es dann mit Regierender Bürgermeister von Berlin?

Ich bin mit vielen in der Berliner Kunstszene verbunden. Viele meiner Freunde dort sind ein bisschen enttäuscht, sie sagen, die Stadt sei ein bisschen provinziell geworden. Ich kann das nicht beurteilen. Vielleicht ist sie langweilig geworden (lacht).

Was würden Sie gerne nach Ihrer politischen Karriere tun?

Vielleicht als Designer meine eigene Kleidung entwerfen.

In Albanien oder im Ausland?

Nein, in Albanien. Albanien soll langweiliger werden. Aber nicht so langweilig, dass ich es verlassen würde. (Interview: Thomas Kaspar , Martin Benninghoff)

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