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Albanien macht sich wieder auf den Weg: Geflüchtete wollen nach Großbritannien

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Von: Thomas Roser

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Junge Menschen aus Albanien wehren sich in London gegen die Stigmatisierung als „Kriminelle“ durch die britische Regierung. Foto: Imago Images.
Junge Menschen aus Albanien wehren sich in London gegen die Stigmatisierung als „Kriminelle“ durch die britische Regierung. Foto: Imago Images. © IMAGO/ZUMA Wire

Immer mehr Menschen aus dem von Armut geplagten Land wagen die illegale Bootpassage nach Großbritannien. Die Regierung in London reagiert mit düsterer Rhetorik.

London – Noch zeigt der demonstrative Schulterschluss zur Reduzierung der Bootsflüchtlinge auf dem Ärmelkanal keinen Effekt. Allein an dem Tag, an dem sich Paris und London auf die millionenschwere Aufrüstung der Überwachung der französischen Kanalküste verständigten, wurde zu Wochenbeginn vom britischen Verteidigungsministerium die Ankunft von acht Schlauchbooten vermeldet.

Die Zahl der per Boot nach Großbritannien gelangten Migrant:innen ist laut BBC 2022 bereits auf über 42.000 geklettert – und dürfte bis zum Jahresende die Gesamtzahl von 2021 (28.526) um mehr als das Doppelte übertreffen.

Mehr als 12.000 Menschen aus Albanien versuchten 2022, nach Großbritannien zu fliehen

Hatten 2020 lediglich 50 und 2021 nur 800 albanische Staatsbürger:innen die illegale Kanalüberquerung gewagt, ist deren Zahl 2022 auf mehr als 12.000 gestiegen: Nach Angaben der britischen Regierung machten sie von Mai bis September gar 43 Prozent der angekommenen Bootsflüchtlinge aus.

Von einer „Invasion unserer Südküste“ sprach kürzlich düster die britische Innenministerin Suella Braverman, die „Mitglieder krimineller Banden“ unter den Neuankömmlingen wittert. Über die Diskriminierung der 150.000 Albaner:innen, „die hart arbeiten und Steuern zahlen“, empörte sich daraufhin nicht nur Albaniens Premier Edi Rama. „Wir sind keine Kriminellen“, verkündeten die Protestbanner der Albaner und Albanerinnen, die am Samstag in London aufgebracht gegen ihre Stigmatisierung demonstrierten.

Gründe für Migration: Albanien erlebte schon in den Neunzigern starke Abwanderung

Die Frage nach den Gründen der steigenden Zahl albanischer Bootsflüchtlinge beschäftigt nicht nur britische Medien, sondern auch die Öffentlichkeit in Albanien. „Wie vor 32 Jahren sieht uns die Welt wieder als Leute, die in Booten kommen“, ätzt der oppositionelle Ex-Premier Sali Berisha.

Tatsächlich gingen nach dem Zusammenbruch von Albaniens Steinzeitsozialismus 1991 Fotos der Menschen um die Welt, die an Bord überladener Frachter Italien ansteuerten. 1997 schipperten erneut Tausende Albaner:innen in Fischerbooten über die Adria, als es im Land bürgerkriegsähnliche Ausschreitungen gab.

Auswandererland Albanien: In drei Jahrzehnten um mehr als 30 Prozent geschrumpft

Die Lage beim EU-Beitrittskandidaten hat sich seitdem zwar erheblich verbessert. Doch das in drei Jahrzehnten um mehr als 30 Prozent auf 2,9 Millionen Einwohner:innen geschrumpfte Albanien ist ein Auswandererland geblieben. Vor allem die Armut, die hohe Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit in der Provinz, wo die Löhne meist deutlich unter dem Durchschnittseinkommen von 431 Euro pro Monat liegen, sind der Grund, dass über 60 Prozent der Albaner:innen Emigrationspläne hegen. Die Ursachen für den derzeitigen Drang auf die Insel sind indes vielschichtig – und haben auch mit dem Brexit zu tun.

Seit dem Brexit herrscht auf der Insel Personalnot auf Baustellen, in Handwerksbetrieben und im öffentlichen Nahverkehr – die Nachfrage nach illegalen Arbeiter:innen ist groß. Die Immigrationsbehörden haben zudem auch die Asylbegehren von aus EU-Staaten Eingereisten zu überprüfen – und die Chancen auf Anerkennung sind merklich gestiegen.

Ähnlich wie 2015, als Zehntausende Albaner:innen ihren Emigrationstraum durch Asylanträge im Westen zu verwirklichen versuchten, treiben die sozialen Medien für einen Schneeballeffekt an. Auch die gesunkenen Schlepperpreise sind ein Grund. Hatten illegale Migrant:innen für die früher übliche LKW-Passage auf den Autofähren bis zu 20.000 Pfund zu berappen, werden die Schlauchbootpassagen nun für 2000 bis 5000 Pfund angeboten. (Thomas Roser)

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