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Nach Stromausfall im AKW Saporischschja: Ein Reaktor wieder am ukrainischen Netz angeschlossen

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Von: Tobias Utz, Karolin Schäfer, Constantin Hoppe, Niklas Kirk

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Im Atomkraftwerk Saporischschja gab es einen Stromausfall: Der Betreiber erklärt, wie es nun weitergehen soll. Die russische Regierung macht ukrainische Truppen verantwortlich.

+++ 14.30 Uhr: Nach Angaben des ukrainischen Staatskonzern „Energoatom“ konnte einer der Reaktoren des AKW wieder an das ukrainische Netz angeschlossen werden. In der auf Telegram verfassten Mitteilung dankte der Konzern der Belegschaft vor Ort, für die nukleare Sicherheit des Landes zu sorgen und die lebenswichtige Stromversorgung zu gewährleisten.

+++ 11.40 Uhr: Nun ist es offiziell. Kommende Woche soll ein Besuch der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA im Atomkraftwerk Saporischschja stattfinden. Das berichtet das Nachrichtenportal Kyiv Independent.

+++ 11.15 Uhr: Nach Bränden und Kurzschlüssen im AKW Saporischschja wurde eine beschädigte Leitung offenbar repariert. Das vermeldete der Kraftwerkbetreiber „Energoatom“ am Freitagvormittag auf Telegram. Die Vorbereitungen zum Wiederanschluss von zwei der sechs Reaktoren an das Stromnetz seien zudem im Gange, hieß es. Gegensätzliche Informationen verbreiteten die russischen Besatzungstruppen in der Region: Das AKW Saporischschja speise weiterhin Strom in das ukrainische Netz ein. Das berichtete die staatliche Nachrichtenagentur TASS. Alle genannten Angaben sind nicht unabhängig prüfbar.

Update vom Freitag, 26. August, 10.00 Uhr: Nachdem es am Donnerstag im Atomkraftwerk Saporischschja einen Stromausfall gegeben hat, beschuldigen sich die Kriegsparteien gegenseitig der Eskalation.  „Jede Minute, die das russische Militär im Kernkraftwerk bleibt, bedeutet das Risiko einer globalen Strahlenkatastrophe“, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Ohne das Handeln des ukrainischen Werkspersonals wäre die Welt „bereits gezwungen gewesen, die Folgen eines Strahlenunfalls zu bewältigen“. „Russland hat die Ukraine und alle Europäer in eine Situation gebracht, die nur einen Schritt von einer Strahlenkatastrophe entfernt ist.“, so Selenskyj in einer abendlichen Ansprache.

AKW Saporischschja
Die Lage rund um das AKW Saporischschja bleibt angespannt. © Konstantin Mihalchevskiy / Imago Images

Den Anschuldigungen entgegnete Wladimir Rogow, ein von Russland ernannter Beamter in der Region, dass die Abschaltung durch einen Brand und einen Kurzschluss in den Stromleitungen ausgelöst wurde. Der Waldbrand, der die Stromleitung beschädigt haben soll, sei von ukrainischen Truppen verursacht worden, so Rogow in einem Telegram-Kanal. Die genannten Angaben sind nicht unabhängig prüfbar.

+++ 16.45 Uhr: Nachdem „Energoatom“, Betreiber des AKW Saporischschja, am Nachmittag erklärt hat, dass im Atomkraftwerk das Sicherheitssystem nach dem Stromausfall aktiviert worden sei, ist nun klar, was die weiteren Schritte sind. Laut Angaben des Betreibers wird das AKW zunächst über das benachbarte Wärmekraftwerk versorgt. Jewgeni Balizki, Chef der russischen Besatzungstruppen in der Region, erklärte auf Telegram, dass beide noch betriebenen Reaktorblöcke im AKW zwischenzeitlich abgeschaltet worden seien. Mittlerweile fahre einer der Reaktoren wieder hoch. Zuvor habe es mehrere Kurzschlüsse an Hochspannungsleitungen gegeben. Zudem sei im AKW ein Feuer ausgebrochen, hieß es. Das Atomkraftwerk ist derzeit vom ukrainischen Stromnetz abgekoppelt. Alle genannten Angaben sind nicht unabhängig verifizierbar.

+++ 15.30 Uhr: „Energoatom“, Betreiber des AKW Saporischschja, hat mitgeteilt, dass das Atomkraftwerk „komplett“ vom Stromnetz genommen wurde. Konkret geht es dabei um zwei von insgesamt sechs Reaktorblöcke, die bislang aktiv waren. Grund dafür seien Brandschäden an zahlreichen Stromleitungen, so Energoatom. Das Sicherheitssystem im AKW Saporischschja funktioniere jedoch, führte der Betreiber aus. Bislang ist unklar, ob der Stromausfall Auslöser eines GAU sein könnte (s. Update v. 15.00 Uhr).

Stromausfall im AKW Saporischschja: Atomkatastrophe befürchtet – Sicherheitssysteme aktiviert

Update vom Donnerstag, 25. August, 15.00 Uhr: Im Atomkraftwerk Saporischschja gab es offenbar einen Stromausfall. Das berichtet die staatliche Nachrichtenagentur RIA Nowosti aus Russland. Demnach wurden im AKW die Sicherheitssysteme aktiviert. Das russische Verteidigungsministerium in Moskau machte am Donnerstagmittag ukrainische Truppen und deren Beschuss des Kraftwerks für den Stromausfall verantwortlich. Damit wiederholte der Kreml die Vorwürfe, dass vor allem die Ukraine zu einer Eskalation in der Region um das AKW beitrage. Die Regierung in Kiew wirft hingegen den russischen Streitkräften wiederholte Provokationen vor.

AKW Saporischschja
Eine Aufnahme vom Gelände des Atomkraftwerks Saporischschja vom 23. August. Es zeigt eines der Hauptgebäude. © Konstantin Mihalchevskiy / Imago Images

Derweil ist ungewiss, welche Auswirkungen der Stromausfall und die damit verbundene Aktivierung der Sicherheitssysteme hat. Fehlender Strom könnte zu einer unterbrochenen Kühlkette der Reaktoren führen. Darin sind radioaktive Brennstäbe gelagert. Sollten diese nicht dauerhaft gekühlt werden, könnte sich das Material seinen Weg durch die Reaktoren bahnen und in die Umwelt gelangen. Dieses Szenario wird als GAU (größter anzunehmender Unfall) bezeichnet. Die Angaben der russischen Nachrichtenagentur sind nicht unabhängig prüfbar. Bislang gibt es kein Statement der Internationalen Atombehörde dazu.

+++ 20.30 Uhr: Im UN-Sicherheitsrat hat die EU den sofortigen Abzug von Russland vom ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja gefordert. „In den vergangenen Monaten haben wir ein aufkommendes Risiko einer nuklearen Katastrophe in Europa gesehen. Es ist bedauerlich, dass wir sogar sagen müssen, dass ein Kernkraftwerk niemals als Militärstützpunkt genutzt werden sollte“, erklärte Silvio Gonzato, UN-Botschafter der Europäischen Union, am Mittwoch in New York. Gonzato appellierte an Russland, stattdessen ein internationales Team aus Expert:innen auf das Gelände zu lassen.

AKW Saporischschja: Selenskyj mit Appell an Russland

+++ 18.40 Uhr: Das Atomkraftwerk Saporischschja ist im Ukraine-Krieg schwer umkämpft. Angesichts dessen hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine Übergabe der Kontrolle an die Internationale Atomenergiebehörde IAEA gefordert. Eine IAEA-Expertenmission solle „so schnell wie möglich“ und dauerhaft die Kontrolle über die von Russland besetzte Anlage übernehmen, sagte Selenskyj am Mittwoch per Video bei einer UN-Sicherheitsratssitzung.

Selenskyj forderte zudem, dass Russland seine „nukleare Erpressung“ bedingungslos einstelle und sich vollständig von dem Kernkraftwerk im Süden der Ukraine zurückziehe. Die Sorge vor einer nuklearen Katastrophe angesichts der Spannungen zwischen Russland und der Ukraine wächst. Beide Konfliktparteien werfen sich gegenseitig den Beschuss des AKWs vor.

AKW Saporischschja: „Reales Risiko eines radioaktiven Unfalls mit katastrophalen Folgen“

Erstmeldung vom Mittwoch, 24. August: New York – Bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats in New York warfen sich Russland und die Ukraine erneut gegenseitig den Beschuss des besetzten Atomkraftwerks Saporischschja im Süden der Ukraine vor. Die Situation berge ein „reales Risiko eines radioaktiven Unfalls mit katastrophalen Folgen für den gesamten europäischen Kontinent“, sagte der russische UN-Botschafter Wassili Nebensia während der Sitzung.

Für den Beschuss der Anlage sei ganz klar die Ukraine verantwortlich, meinte Nebensia: „Wir haben den Eindruck, dass unsere Kollegen in einer Parallelwelt leben, in der die russische Armee selbst den Ort bombardiert, den sie beschützt.“ Die Ukraine würde stattdessen das AKW praktisch jeden Tag beschießen.

AKW Saporischschja: Russland und die Ukraine beteuern Unschuld am Beschuss

Der ukrainische UN-Botschafter Sergej Kyslyzja wies die russischen Angaben zurück: „Niemand kann sich vorstellen, dass die Ukraine ein Atomkraftwerk ins Visier nehmen und damit ein riesiges Risiko einer Atomkatastrophe auf ihrem eigenen Territorium schaffen könnte.“ Russland wage es, eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats zu beantragen, um über „seine eigenen Provokationen und seine eigenen terroristischen Handlungen zu diskutieren.“

Sowohl Russland als auch die Ukraine beteuerten zudem, eine Mission der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zu dem Atomkraftwerk vorzulassen. Kyslyzja sagte, es sei „wirklich wichtig“, dass die Mission auf eine Weise ausgeführt werde, die es der internationalen Gemeinschaft erlaube, „die echte Situation und nicht ein russisches Theaterstück zu sehen“. Der russische Botschafter Nebensia sagte, die IAEA müsse die „Realität der Situation bestätigen“.

Inspektion im AKW Saporischschja: Versuche scheiterten an der Frage, wie die Inspektor:innen anreisen sollen

Trotz solcher Beteuerungen konnten Inspektorinnen und Inspektoren das Atomkraftwerk Saporischschja immer noch nicht besichtigten und überprüfen. Die von allen Seiten unterstützte IAEA-Mission scheiterte bislang an der Streitfrage, ob die Experten über russisch kontrolliertes Territorium oder – was völkerrechtlich korrekt wäre – ukrainisches Gebiet anreisen.

Schon vor zwei Wochen hatte das russische Außenministerium den Vorwurf erhoben, eine Einigung sei durch Einspruch der UN-Führung verhindert worden.

AKW Saporischschja: International wächst die Sorge eines GAUs in der Anlage

Die Untergeneralsekretärin der Vereinten Nationen, Rosemary DiCarlo, rief beide Länder auf, „jegliche militärische Aktivität“ in der Nähe der Atomanlage einzustellen und eine IAEA-Mission zuzulassen. „Wir rufen die Konfliktparteien ein Mal mehr auf, der IAEA-Mission einen sofortigen, sicheren und uneingeschränkten Zugang zu der Anlage zu gewähren.“

Das Atomkraftwerk Saporischschja wurde nur wenige Tage nach Beginn des Ukraine-Kriegs Anfang März von der russischen Armee besetzt, seit Ende Juli wurde die Anlage wiederholt beschossen. Das sorgt international für Sorgen, dass es dort zu einem GAU (größter anzunehmender Unfall) kommen könnte. Aufgrund der Größe der Anlage – das AKW Saporischschja ist das größte Atomkraftwerk Europas – könnten die Dimensionen eines GAUs deutlich größer ausfallen als bei Tschernobyl oder Fukushima. (con/kas/tu mit AFP/dpa)

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