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Russland zieht Truppen von Nato-Grenzen ab: „Praktisch verschwunden“

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Von: Tim Vincent Dicke

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Wegen des Ukraine-Kriegs zieht Russland einen Großteil seiner Soldaten an den nördlichen Nato-Grenzen ab. Was steckt dahinter?

Moskau – Russland muss im Ukraine-Krieg schwere Verluste hinnehmen. Gründe dafür sind unter anderem die westlichen Waffenlieferungen sowie ein unbedingter Verteidigungswillen der ukrainischen Streitkräfte. Da immer mehr russische Soldaten fallen, muss Wladimir Putin Truppen aus anderen Regionen mobilisieren – einem Medienbericht zufolge auch an den Nato-Grenzen im Norden Europas.

Wie Foreign Policy meldet, hat Russland den Großteil seiner Truppen abgezogen, die an den Grenzen zu den baltischen Staaten und Finnland stationiert waren. Drei hochrangige EU-Verteidigungsbeamte sagten dem Magazin, dass rund 80 Prozent der Streitkräfte aus den Regionen in die Ukraine abgezogen wurden. Einst wiesen die Nordgrenzen zur Nato eine extrem hohe Konzentration an russischen Soldaten auf, nun gebe es dort nur noch eine „Notbesatzung“.

Russland schickt weitere Soldaten in den Ukraine-Krieg

Laut einer öffentlich einsehbaren Einschätzung des estnischen Auslandsgeheimdienstes hatte Russland vor Beginn der Invasion in die Ukraine etwa 30.000 Kämpfer an den nördlichen Grenzen stationiert: rund 12.000 Boden- und Luftlandetruppen in der Exklave Kaliningrad, 18.000 sowie Hunderte von Panzern und anderen schweren Militärfahrzeugen in Westrussland.

„Der Abzug, den wir in den letzten sieben Monaten in dieser Region erlebt haben, ist sehr bemerkenswert“, sagte ein nordischer Beamter, der anonym bleiben wollte, dem Magazin. Putin sei militärisch im Norden quasi blank. „Russland stand uns jahrzehntelang mit Bodentruppen gegenüber, die jetzt praktisch verschwunden sind.“ Betroffen von den Truppenverlegungen ist dem Bericht hauptsächlich die Armee. Die russischen Luftstreitkräfte und die schlagkräftige Nordflotte seien an den Nato-Grenzen so gut wie unberührt geblieben.

Die Äußerungen der Verteidigungsbeamten werfen erneut ein schlechtes Licht auf das Militär von Kreml-Chef Putin. Vergangene Woche hatte der russische Präsident eine Teilmobilmachung verkündet, um 300.000 Männer für den Ukraine-Konflikt einzuziehen. Doch Fachleute sehen den Schritt kritisch.

Russische Soldaten nehmen an einer Militärübung in Kaliningrad teil.
Auch aus Kaliningrad zieht Russland Soldaten ab. (Archivbild) © Vitaly Nevar/imago

News im Ukraine-Krieg: Sinkt die russische Bedrohung für die Nato im Norden?

„Putin hat bereits die besten Einheiten geschickt, die er zu bieten hat, und das war nicht genug. Wenn man anfangen muss, Leute von der Straße zu holen, um zu versuchen, die Situation zu stabilisieren, sieht das wie eine Verzweiflungstat aus“, urteilte der US-amerikanische Militär-Experte Russel Honoré im Magazin Newsweek.

Sinkt die Gefahr für die nördlichen Nato-Partner aufgrund des massenhaften Abzugs aus der Region? Jonatan Vseviov, Generalsekretär des estnischen Außenministeriums, geht nicht davon aus. „Sie haben der Ukraine fast alles entgegengeworfen, was sie hatten“, erklärte er gegenüber Foreign Policy. „Aber das ist eine sehr eingeschränkte Art, Bedrohungen zu analysieren. Die unmittelbare direkte militärische Bedrohung ist im Moment natürlich gering, da es keine professionellen Truppen an unseren Grenzen gibt. Das heißt aber nicht, dass Russland nicht gefährlich ist.“ (tvd)

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