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Shannon N. Kile leitet die Abteilung für atomare Abrüstung, Nicht-Weiterverbreitung und Rüstungskontrolle am Friedensforschungsinstitut Sipri in Stockholm.

Atomare Bedrohung

Drohungen aus der Türkei und dem Iran: Atomwaffensperrvertrag gerät unter Druck

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Abrüstungsexperte Shannon Kile vom Stockholmer Sipri-Insititut über die jüngsten türkischen und iranischen Drohungen.

Herr Kile, was denkt ein Experte für nukleare Abrüstung, wenn am selben Tag der türkische Präsident Erdogan die Atombombe für sein Land verlangt und Irans Präsident Ruhani weitere Schritte in Richtung einer eigenen Atombombe ankündigt?
Die iranische Entscheidung zur erneuten Forschung und Entwicklung bei der Urananreicherung ist keine Überraschung. Aber die Tür bleibt geöffnet für diplomatische Initiativen der Europäer. Ich weiß, dass da gerade sehr viel hinter der großen Bühne passiert.

Bei Erdogan ist der genaue Wortlaut: Er sagte, er könne nicht verstehen, warum es der Türkei nicht erlaubt sein könne, eine Atommacht zu werden. Er hat nicht gesagt, dass sein Land diesen Weg beschreitet. Aber er findet es inakzeptabel, dass es legitim sei für die bestehenden Atommächte, anderen den Weg zu versperren.

Zur Person
Shannon N. Kile leitet die Abteilung  für atomare Abrüstung, Nicht-Weiterverbreitung und Rüstungskontrolle am Friedensforschungsinstitut Sipri in Stockholm.

Der Fokus seiner Forschung liegt auf den Atomprogrammen des Iran und von Nordkorea. In den vergangenen Jahren hat er sich außerdem verstärkt mit Fragen der regionalen Sicherheit im Nahen Osten und Nordostasien beschäftigt. Auch hier gilt sein besonderes Interesse Nordkorea, das er regelmäßig bereist hat.

Das zeigt, dass der Atomwaffensperrvertrag mit seinen alten Normen jetzt zunehmend unter Druck gerät. Nicht zuletzt, weil die bisherigen Atommächte ihre eigenen Verpflichtungen aus Artikel 6 zur nuklearen Abrüstung aus dem Sperrvertrag nicht einhalten. Im Gegenteil: Sie sind ausnahmslos dabei, ihre Atomwaffen zu modernisieren statt die Arsenale abzuschaffen. Gleichzeitig betonen die USA und Russland zunehmend stärker die Bedeutung der Atomwaffen für ihre jeweilige Militärdoktrinen. Das geht in den USA zum Teil bis zur Erwägung, wieder den atomaren Erstschlag als Möglichkeit zu sehen.

Wo stehen die anderen „Kandidaten“ wie zum Beispiel Saudi-Arabien derzeit?
Die Saudis haben ihr Interesse an einem großen Atomenergieprogramm bekundet. Und Erdogan hat ja kürzlich angekündigt, dass so ein türkisches Programm mit einem russischen Reaktor ausgeweitet werden soll. Trotzdem sehe ich persönlich im Moment keine bedrohlichen Risiken in Richtung Weiterverbreitung von Atomwaffen am Horizont. Die gab es vor Jahren mit dem irakischen Programm und davor in Südafrika. Da sind wir jetzt nicht. Aber der wachsende Druck auf den Sperrvertrag und das System zu seiner Einhaltung zeigen, dass die internationalen Anstrengungen verdoppelt werden müssen.

Ist es durch die technische Entwicklung heutzutage leichter, eine Atommacht zu werden?
Einerseits ist die neueste Technologie zugänglicher geworden. Andererseits ist die internationale Kontrolle über die Verbreitung von spaltbarem Material erheblich schärfer geworden. Unter dem Strich ist der Schritt, zur Atommacht zu werden, nicht leichter geworden. Aber Entwicklungen wie künstliche Intelligenz und Cyber-Sicherheit, die nicht direkt etwas mit Atomwaffen zu tun haben, können die Risiken für bestehende Atomanlagen und auch -waffen verstärken. Das wird in den nächsten Jahren auf die internationale Tagesordnung kommen.

Vor zwei Jahren ging der Friedensnobelpreis an die Internationale Kampagne zur atomaren Abrüstung (Ican). Wie sehen Sie als Abrüstungsexperte die Entwicklung seitdem?
Beim Friedensnobelpreis ging es um das globale Atomwaffenverbot, das im selben Jahr vereinbart wurde. Es ist noch nicht in Kraft, weil bisher erst die Hälfte der 50 nötigen Staaten ratifiziert haben. Aber vor zwei Jahren wurden eine Norm und ein Ziel gesetzt, die man nicht in der unmittelbaren Zukunft erreichen wird. Hier geht es wohl um ein Generationenprojekt.

Interview: Thomas Borchert

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