Tödliche Idylle: das Valle del Cauca in Kolumbien.
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Tödliche Idylle: das Valle del Cauca in Kolumbien.

Lateinamerika

Sterben in Kolumbien

  • Klaus Ehringfeld
    vonKlaus Ehringfeld
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Unter dem Deckmantel der Corona-Pandemie geraten die Aktivistinnen und Aktivisten der Zivilgesellschaft in Kolumbien immer öfter in Lebensgefahr. Kriminelle und Paramilitärs reüssieren zusehends

Es ist in diesen Tagen nicht einfach, Clemencia Carabalí zu erreichen. Mal gibt es in den bergigen Regionen des Departements Cauca keinen Empfang, mal steckt sie in Besprechungen. Die kolumbianische Menschenrechtsaktivistin ist trotz der Ausgangsbeschränkungen wegen Corona viel unterwegs. Mehr als ihr lieb ist. Mal ist bei Freunden, mal bei Verwandten, nur selten zu Hause. „Da bin ich doch noch eine bessere Zielscheibe“, meint sie nur.

Pandemie-Zeiten in Kolumbien sind tödliche Zeiten, besonders für Aktive der Zivilgesellschaft. Mehr als das Virus fürchten Menschen wie Carabalí Drohungen, Überfälle und Mordversuche. Mund- und Personenschutz sind ständige Begleiter. Seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen am 28. März wurden nach Zählungen des Instituts für Friedensforschung bereits 25 „Líderes sociales“ ermordet. Als „soziale Führer“ werden in Kolumbien Frauen und Männer gesehen, die gegen illegalen Bergbau, Kokaplantagen und Landraub kämpfen, für die Interessen der Ureinwohner oder – wie im Fall von Carabalí – für unterdrückte Afrokolumbianerinnen streiten. Nach einer Erhebung der „Stiftung Ideen für den Frieden“ nahmen Verbrechen gegen „Líderes“ in den ersten vier Monaten des Jahres um 53 Prozent zu. Und nicht von ungefähr. Denn durch die Ausgangsbeschränkungen sind die meisten Aktivisten leichte Ziele.

Die „Líderes“ erheben ihre Stimmen immer wieder gegen bewaffnete Gruppen, die sich nur ungern bei ihren kriminellen Unternehmungen stören lassen. „Es sind ultra-rechte Paramilitärs, gewöhnliche Kriminelle, kolumbianische und mexikanische Drogenkartelle, von Unternehmern bezahlte Pistoleros und manchmal auch die ELN-Linksrebellen oder zunehmend auch Dissidenten der aufgelösten Farc-Rebellen“, zählt Carabalí auf. „Es hängt immer davon ab, wer gerade wo das Sagen hat und welcher verbotenen Aktivität nachgeht.“

Krise in Kolumbien: Die UN mischen sich ein

Oftmals sind die Probleme genau dort groß, wo die „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) besonders stark waren und nach Abschluss des Friedensprozesses Mitte 2016 ihre Stellungen räumten und sich entwaffnen ließen. Zurück blieb eine Art Niemandsland. „Der Staat ist bis heute seinen Verpflichtungen aus dem Friedensvertrag nicht nachgekommen“, moniert Carabalí. „Er hat diese Territorien nicht wie zugesagt mit Polizei, Schulen und Gesundheitsposten besetzt.“ Das Vakuum füllten stattdessen die illegalen Gruppen.

Wie eine Blaupause steht dafür das strategisch gelegene Departement Cauca im Südwesten Kolumbiens. Die bergige und grüne Provinz, ein wichtiger Korridor zur Pazifikküste – reich an Mineralien, Wasser und Kohle –, ist eine der Ursprungsregionen der Farc und eines der größten Koka-Anbaugebiete Kolumbiens. Dort bündeln sich nahezu alle Probleme des Landes: wilder Bergbau, Drogenanbau und -schmuggel, Landraub, Vertreibung. Kolumbien ist nach wie vor größter Produzent der Kokapflanze und stellt 70 Prozent des weltweit vertriebenen Kokains her. Der expansiven Anbaupolitik müssen Ureinwohner- oder Afro-Gemeinden oft unter dem Druck der Kartelle weichen.

Aber nicht der Staat begehrt dagegen auf, sondern Menschen wie Carabalí, die das oftmals mit dem Leben bezahlen. Die 48-Jährige hat mehr als ein Dutzend Todesdrohungen erhalten. Vor gut einem Jahr überlebten sie und andere Menschenrechtler knapp einen Anschlag mit Maschinengewehren und Granaten.

Für die meisten Aktivisten hat der weltweit gefeierte Farc-Friedensvertrag vor vier Jahren Gefahr und Leid nur erhört – dagegen erscheint vielen von ihnen der Bürgerkrieg noch sicherer gewesen zu sein. Rund 400 Líderes haben ihren Mut seit 2016 mit dem Leben bezahlt. Ende Februar kritisierte das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte, dass die Situation der Zivilgesellschaft heute schlechter sei als 2014. Die Regierung unternehme zu wenig, um die „Líderes“ zu schützen. Der rechte Präsident Iván Duque tat das in Bausch und Bogen ab und warf den UN „Einmischung in die Souveränität Kolumbiens“ vor.

Ariel Ávila, Vize-Direktor der Stiftung „Frieden und Aussöhnung“, kennt diese Einstellung Duques nur zu gut. Der Staat habe keinerlei Plan, um die „Massaker zu stoppen“, sagt Ávila. Wenn man zu den Morden noch die Entführungen, Anschläge und Drohungen hinzuzähle, dann werde alle zwei Tage ein Aktivist zum Opfer. „In vielen Gegenden geht die Demokratie langsam zugrunde. Es ist so, als würde sie verbluten.“

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