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Airbase Ramstein – Klein-Amerika in der Pfalz

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Von: Frederik Jötten

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Die Airbase ist riesig – und deutlich größer als die Stadt Ramstein.
Die Airbase ist riesig – und deutlich größer als die Stadt Ramstein. Imago Images © imago

In Ramstein wird seit 70 Jahren Weltpolitik gemacht – die Stadt selbst hat dabei wenig zu sagen. Wie fühlt sich das Leben an bei ständiger Präsenz von US-Militär?

Ramstein – An einem sonnigen Montagmorgen ist Ralf Hechler unterwegs zu einem Ort, der komplett unabhängig von russischem Gas ist. Er liegt in Deutschland – und in gewisser Weise auch nicht. Ralf Hechler ist der Bürgermeister dieses Ortes und doch sind seine Entscheidungsbefugnisse sehr begrenzt. Der 51-Jährige fährt mit seinem Opel Kombi in Richtung Airbase Ramstein, dem größten Militärflughafen der USA außerhalb deren eigenen Territoriums, 9000 Soldat:innen sind hier stationiert, 2300 zivile Angestellte arbeiten zusätzlich auf dem Gelände. Der Flughafen gehört zu Hechlers Gemeinde. Noch außerhalb der Airbase passiert der CDU-Politiker silbern glänzende Türme des modernen Blockheizkraftwerks, eingeweiht 2019. „Die Airbase wird ausschließlich mit Strom und Wärme aus Biogas versorgt“, sagt er, dessen Gemeinde Teilhaber der Anlage ist. Während Deutschland sich in Abhängigkeit von russischem Gas begab, waren die USA weitsichtiger. Bedingung bei der Ausschreibung der US-Luftwaffe für die Energieversorgung der Airbase war, dass diese unabhängig von Russland sein müsse. Die deutsche Bevölkerung des Ortes ist dagegen noch auf russisches Gas angewiesen.

So ist das in Ramstein, die Airbase ist quasi ein Staat im Staate, hier haben die USA das Sagen. Gehört das Gebiet überhaupt noch zu Deutschland? „Ja, es gilt deutsches Recht!“, sagt Ralf Hechler energisch. „Wenn wir als Gemeinde beeinträchtigt wären, etwa durch einen riesigen Schatten einer Mauer oder durch eine Dauersirene, dann könnten wir einen Bauantrag verweigern.“ In der Praxis ist ein solcher Widerspruch schon seit 20 Jahre nicht mehr vorgekommen – und damals opponierte die Gemeinde dagegen, dass auf der Airbase ein Hallenbad gebaut werden sollte, weil man Angst hatte, dass die Gäste im eigenen Bad ausbleiben könnten. Letztlich vergeblich. Gerade lässt das Pentagon das größte Militärkrankenhaus außerhalb der USA im angrenzenden Wald errichten, für 1,1 Milliarden Euro. Eine Waldfläche so groß wie 70 Fußballfelder musste dafür weichen.

Bürgermeister Hechler.
Bürgermeister Hechler. © Philipp von Ditfurth

Zwar wacht die deutsche Polizei auf der Airbase gemeinsam mit der US-Militärpolizei, aber da geht es um Straftaten und Verkehrsvergehen – was das US-Militär macht, da haben die USA freie Hand. Immer wieder gab es daran Kritik, insbesondere daran, dass in Ramstein auch Technik steht, mit der Signale zur Drohnensteuerung weitergeleitet werden, durch die etwa im Irak und im Jemen auch immer wieder Zivilpersonen starben. „Wir möchten nicht, dass Menschen ums Leben kommen“, sagt Hechler. „Aber von Seiten der Airbase hieß es dazu immer, dass die Drohnen nicht von hier gesteuert werden.“ Das Bundesverwaltungsgericht entschied 2020, dass die Bundesregierung sich diesbezüglich nicht einmischen müsse. Und die Bundesregierungen verzichteten auch gerne darauf.

Zahl der Flugbewegungen nimmt zu: US-Luftstützpunkt in Ramstein

Ralf Hechler ist am Checkpoint angekommen, ein US-Soldat, in Helm, Schutzweste, das Schnellfeuergewehr umgehängt, kontrolliert seinen Zugangsausweis. Hechler darf fast immer auf die Airbase – außer bei der höchsten Sicherheitsstufe. Heute aber ist die zweitniedrigste von vieren ausgewiesen. „Have a good one“, sagt der Soldat und winkt ihn durch. „Wenn jemand hier durchbrechen wollte, würden blitzschnell Poller hochgefahren“, sagt Hechler. Er steuert sein Auto durch eine Kleinstadt aus zweistöckigen Gebäuden – Lager, Wohnhäuser, Verwaltungsgebäude, davor jeweils große Parkplätze. Zu Fuß oder mit dem Rad ist hier niemand unterwegs. Ein weit ausgebreitetes Areal nach US-Vorbild, mit dem Unterschied, dass keine Werbung zu sehen ist, überhaupt nichts Buntes. Alle Gebäude sind beige und tragen vierstellige Nummern, kaum Verkehr. Hechler steuert seinen Wagen durch die California Avenue, alle Straßen hier sind nach US-Bundesstaaten benannt. Am Ende steht umgeben von Wiesen ein unscheinbarer Bungalow – das General Cannon Hotel. „Hier übernachten die US-Präsidenten“, sagt er. Donald Trump war hier, wie auch Barack Obama. Auf der Airbase in Ramstein muss der Geheimdienst CIA nicht wie sonst üblich aufwändige Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz von US-Politiker:innen schaffen, hier ist ohnehin alles unter Kontrolle des US-Militärs.

Zuletzt luden die USA hier zu einem Ukraine-Gipfel: Auf der Airbase Ramstein trafen sich Vertreter:innen von 40 Staaten, Verteidigungsministerin Christine Lambrecht erklärte hier nach Wochen des Zögerns, dass Deutschland schwere Waffen an Kiew liefern wolle. Aber nicht nur das – auch die US-Waffenlieferungen für die Ukraine kommen wohl über die Pfalz nach Europa. „Die genauen Wege geben die Amerikaner natürlich nicht preis, aber die meisten Güter, die die USA nach Europa bringen, kommen über Ramstein“, sagt Wolfgang Richter, Oberst a. D. der Bundeswehr und heute Forscher für Sicherheitspolitik bei der Stiftung für Wissenschaft und Politik in Berlin. Während Olaf Scholz öffentlich zurückhaltend ist bezüglich deutscher Waffenlieferungen, ist andererseits also klar, dass fast alle US-Waffen über deutschen Boden in die Ukraine gelangen.

Hechler passiert einen weiteren Checkpoint, die Schranke ist geöffnet, niemand steht hier Wache. „Bei höheren Sicherheitsstufen ist das Flugfeld noch mal extra abgeriegelt.“ Heute nicht, Hechler parkt seinen Wagen direkt daneben. 200 Meter entfernt liegt der Torso eines ausgebrannten Flugzeugs – das Areal, in dem Löschen und Evakuierung brennender Maschinen geübt wird. Der Wind pfeift über die weite Landebahn, sonst ist nichts zu hören. „Mackenbacher Luft – von dort ist noch nichts Gutes gekommen.“ Er lacht, der Bürgermeister der Kleinstadt, in der Weltpolitik gemacht wird, pflegt die Lokal-Rivalität mit dem Nachbarort im Nordosten, in dem 2000 Menschen leben. Kommt der Wind von dort, trägt er den Lärm vom Flugplatz nach Ramstein.

Familie Pfannenstiel.
Familie Pfannenstiel. © Ditfurth

Hechler lässt die Airbase hinter sich und fährt durch Ramstein, eine typisch deutsche Kleinstadt – mit einigen Besonderheiten. Er passiert eine Kunststofffigur groß wie ein Lkw, eine Frau mit Schürze am Straßenrand – das Restaurant „Big Emma“ wirbt um vornehmlich US-amerikanische Kundschaft, wichtigstes Merkmal: riesige Fleischportionen. Ein paar Meter weiter zwei Autohäuser, die sich auf das US-Klientel spezialisiert haben. Zwischen Stars-and Stripes-Aufstellern stehen SUVs, dahinter über die gesamte Hauswand ein Banner mit der Aufschrift: „Proudly serving those who serve – wir bedienen stolz diejenigen, die dienen.“ Ralf Hechler nickt lächelnd. „Ramstein iss annertschda als annersschwo, das ka man nit erkläre“, sagt er in seinem westpfälzischen Dialekt, der sehr ähnlich dem Saarländischen ist, bekannt aus der Fernsehserie „Familie Heinz Becker“.

Ramstein: Der Ort hat sich an die Anwesenheit der US-Streitkräfte angepasst

Die Andersartigkeit von Ramstein, sie hat sich innerhalb von 70 Jahren Koexistenz mit dem US-Militär entwickelt. Die deutsch-amerikanische Geschichte Ramsteins wird in roten Containern auf einem ehemaligen Parkplatz zwischen Schule und Sportplatz verwahrt und ausgestellt. Mit einem Quietschen öffnet Michael Geib, Historiker und Leiter des Docu Center Ramstein, des Lokalarchivs, die Tür zum ersten. Drinnen sind auf einer Karte die Militärstützpunkte der USA in Rheinland-Pfalz im Kalten Krieg eingezeichnet – das Bundesland war übersät mit 86 Standorten. Die Region im Südwesten mit wenigen Städten, stattdessen vielen freien Flächen und größtmöglicher Entfernung vom damaligen Ostblock, galt als Flugzeugträger des Westens. Nach dem Ende des kalten Krieges blieben nur wenige US-Stützpunkte übrig, darunter Ramstein. Geib öffnet die Tür zum nächsten Container – „Welcome to the Club“ steht darüber. „Es wird oft vergessen, welche Bedeutung die US-Truppen für die Kultur in Deutschland hatten“, sagt Geib. „In Ramstein gab es den NCO-Club: Hier kam die Jugend zu Jazz und Rock’n Roll.“ Das waren die goldenen Zeiten der deutsch-amerikanischen Freundschaft. „Mit dem Vietnam-Krieg ging die Euphorie dann zu Ende, die US-Streitkräfte wurden zunehmend kritisch gesehen“, sagt Geib. In Ramstein allerdings sah die Mehrheit der Bevölkerung die US-Truppen nie so kritisch wie im Rest der Republik etwa in den Zeiten der Friedensbewegung. „Egal wie die politische Großwetterlage war, lebten hier immer Menschen zusammen“, sagt Geib. „Millionen Amerikaner waren hier in den letzten 70 Jahren stationiert – dadurch ist hier eine eigene Kulturlandschaft entstanden.“

Burkert-Schmitz (l.) und Müller.
Burkert-Schmitz (l.) und Müller. © Ditfurth

Wie das Zusammenleben in Ramstein funktioniert, auch wenn die Meinungen manchmal weit auseinanderliegen, kann man wohl am besten bei Familie Pfannenstiel beobachten. Sie wohnen in einem Einfamilienhaus 400 Meter entfernt, ein Wohnmobil steht vor der Tür, daneben ein Schild „Be nice or go away“. Im Esszimmer sitzen Bianka Pfannenstiel, 53, Realschullehrerin, SPD-Lokalpolitikerin, aufgewachsen in Kassel, mit ihrem Mann William, 44, US-Amerikaner, heute Englischlehrer an einer Gesamtschule. 22 Jahre lang war er Sanitäts-Soldat bei der US-Army, seine Frau begleitete ihn nach der Hochzeit in die USA, später nach Ramstein, er hatte mehrere Einsätze im Irak. „Da hatte ich Angst um sein Leben“, sagt Bianka Pfannenstiel. „Aber dieser Krieg damals, begründet mit Lügen, das war eine sehr schwere Zeit – wir hatten viele Diskussionen.“ Will Pfannenstiel nickt. „Aber Befehl ist Befehl.“

Nach vielen Diskussionen über die Rolle der USA in Konflikten der Welt spürt man bei den Pfannenstiels, dass man trotz massiver Meinungsverschiedenheiten miteinander leben kann. Zum regelmäßigen Austausch haben die Eheleute einen deutsch-amerikanischen Stammtisch gegründet. „In Ramstein haben wir über viele Jahre gelernt, den Menschen zu sehen, egal wie stark sich die politischen Ansichten unterscheiden“, sagt Bianka Pfannenstiel. „Ich habe von Amerikanern, die politisch ganz anders getickt haben, unglaubliche Hilfsbereitschaft erfahren, während Will im Einsatz und ich mit den beiden Kindern alleine war.“ Auch sie sieht – wie viele ihrer Parteigenossen – das Militär durch den Ukraine-Konflikt heute anders. „Ich habe immer geflucht über die hohen Rüstungsausgaben der USA, aber jetzt werde ich eines Besseren belehrt“, sagt Bianka Pfannenstiel. „Jetzt gibt es einfach die Reserven, um Soldaten nach Polen zu schicken – und das dient am Ende alles auch unserem Schutz.“

Aktivismus gegen die Airbase Ramstein scheint aussichtslos

In jedem Sinne keine gute Zeit für Friedensaktivist:innen wie Achim Müller, 57, und Connie Burkert-Schmitz, 67. Mit dem Fahrrad sind die beiden zum Bismarckturm in Landstuhl gekommen, dem Nachbarort Ramsteins. Hinter dem Sandsteinmonument mit einem massiven Zaun abgesperrt, Gebäude, die zum US-Militärkrankenhaus gehören, dem größten Lazarett außerhalb der USA. Hier werden die Verwundeten der Streitkräfte aus aller Welt zur Behandlung eingeflogen, sofern nicht die USA näher sind, es soll nach Fertigstellung der neuen Klinik direkt an der Airbase weiter von den USA benutzt werden.

Die Luftwaffenbasis Ramstein ist die größte außerhalb der USA. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine hat sich die Zahl der Flugbewegungen deutlich erhöht. Imago Images
Die Luftwaffenbasis Ramstein ist die größte außerhalb der USA. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine hat sich die Zahl der Flugbewegungen deutlich erhöht. Imago Images © IMAGO/BeckerBredel

Vom Turm aus hat man beste Sicht auf den gesamten Flugplatz. Gerade startet eine Hercules-C-180, durchsticht die Wolkendecke und verschwindet darüber. Müller klebt einen Aufkleber an den Fahnenmast „Stop Airbase Ramstein“, die gleiche Aufschrift tragen Müller und Burkert-Schmitz auch auf ihren neongelben Warnwesten. „Die Airbase sorgt nicht für mehr Frieden auf der Welt“, sagt Müller, Spitzname: „Der rote Achim“. Er verurteilt zwar den russischen Einmarsch in die Ukraine, relativiert aber mit Verfehlungen der USA. Dabei geht er zurück in die 80er Jahre, als unter Ronald Reagan in Nicaragua die rechtsgerichteten Contra-Rebellen von den USA finanziert die linke Regierung bekämpften. „Waffenlieferungen an die Ukraine verlängern nur den Krieg“, sagt Connie Burkert-Schmitz, pensionierte Förderschullehrerin. Mit dieser Meinung sind die Friedensaktivist:innen in der Minderheit – aber das kennen sie. Ihr Kampf gegen die Air Base Ramstein ist aussichtslos, schon allein, weil so viele Arbeitsplätze in der Region an ihr hängen und es hier kaum andere Arbeitgeber gibt.

Ralf Hechler sitzt in seinem geräumigen Büro. Draußen ist ein Flugzeug zu hören. „Das Abschreckungsszenario der Nato hat Jahrzehnte gut funktioniert, so dass wir in Frieden leben konnten“, sagt er. „Nicht nur hier in Ramstein hoffen wir, dass das so bleibt.“ An der Wand hängt ein Luftbild, das zeigt: Die Airbase ist viel größer als die Stadt Ramstein. (Frederik Jötten)

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