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Ein Jahr nach der Flut: Das Ahrtal findet keine Ruhe

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Von: Pitt von Bebenburg

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Im Ort Insul bei Schuld wenige Stunden nach der verheerenden Ahr-Flutwelle im Sommer 2021. Rund ein Jahr später ist das Leben in der Region noch lange nicht wie vorher. Foto: Boris Roessler/dpa.
Im Ort Insul bei Schuld wenige Stunden nach der verheerenden Ahr-Flutwelle im Sommer 2021. Rund ein Jahr später ist das Leben in der Region noch lange nicht wie vorher. Foto: Boris Roessler/dpa. © Boris Roessler/dpa

Im Ahrtal wird ein Jahr nach der Flut noch immer aufgeräumt und renoviert. Doch all das geht so langsam voran, dass es die Betroffenen quält. Ein Besuch.

Als Apollonia Rademacher in jener Juli-Nacht des Jahres 2021 von ihrer Tochter geweckt wurde, knallten bereits schwimmende Autos gegen ihre Hauswand. „Das ganze Haus stand wie in einer Badewanne“, erzählt die 80-jährige Witwe. „Das konnte man sich gar nicht vorstellen.“ Als das Wasser abgelaufen war, blieb vom Garten nur noch eine „Schlammwüste“ übrig.

„Ich komme von der Ahr“, sagt sie. Seit 52 Jahren wohnt sie in diesem Haus in Bad Neuenahr, das ihre Schwiegereltern 1930 gebaut hatten. Der Fluss fließt 100 Meter entfernt, umstanden von Kastanien. Derzeit sind aber mehr Bagger zu sehen als Bäume und im Ort mehr Handwerker als Einheimische. Es wird aufgeräumt, renoviert, wiederhergestellt. Doch all das geht so langsam voran, dass es die Betroffenen quält.

Ein Jahr nach der Flut: „Unbürokratisch geht das gar nicht“

Ein Jahr nach der Flut steht Apollonia Rademacher im Hochparterre ihres Hauses. Sie sieht deutlich jünger aus in ihrem fröhlich gelben Oberteil, den Jeans und Stiefeln. Rademacher hat sich fein gemacht für politischen Besuch. Christian Baldauf ist gekommen, der Partei- und Fraktionschef der rheinland-pfälzischen CDU. Er will sich ein Bild davon machen, ob die Hilfe ankommt und unbürokratisch ausgezahlt wird, wie zugesagt. Das Ergebnis seiner Reise ist schnell klar. Die Antwort lautet: nein. „Es macht mich völlig fassungslos, wie man die Menschen so alleine lassen kann“, sagt der Mainzer Oppositionsführer in dem Raum, der einmal Rademachers Küche war und mittlerweile teilweise renoviert ist. Wann das alles fertig wird? „Vor Weihnachten nicht“, ist sich die 80-Jährige sicher.

Apollonia Rademacher beklagt sich, dass die Hilfen zu langsam ausgezahlt werden. Foto: Pitt von Bebenburg.
Apollonia Rademacher beklagt sich, dass die Hilfen zu langsam ausgezahlt werden. Foto: Pitt von Bebenburg. © Pitt von Bebenburg

Auch das schafft sie nur, weil ihr in Michael Rödder ein Handwerker zur Seite steht, der nicht darauf schaut, dass alle Rechnungen flott überwiesen werden. Denn die staatlichen Hilfen tröpfeln. „Unbürokratisch geht das gar nicht“, widerspricht Rademacher den offiziellen Aussagen. „Das ist zu kompliziert.“

Ein Jahr nach der Flut: Noch immer gewaltige Schäden

Wer ein Jahr nach der Flut das Ahrtal hinauffährt, sieht noch immer gewaltige Schäden. Der Straße fehlen Teile, Brücken finden sich wie zusammengeknülltes Papier am Uferrand. In vielen Häusern sind Fenster und Türen mit Spanplatten notdürftig verschlossen. Weinstuben und Gasthöfe sind zerstört. Der Tourismus, das Herz der Region, ist erlahmt.

Udo Loerakker, 59 Jahre alt, betreibt das Hotel Ännchen in der historischen Altstadt von Ahrweiler. Man könnte es schnuckelig nennen, wenn man es nur von außen sieht. Innen aber wirkt es wie ein Rohbau. Die Wände sind unverputzt, Kabel laufen durch den Raum, der früher mal als Rezeption diente. Der Hotelier hat 2017 renoviert. Dann kam Corona, dann die Flut. Auch Loerakkers Privathaus soff ab. Er scherzt mit Galgenhumor: „Nur einmal betroffen wäre ja langweilig.“

Udo Loerakker in seinem Hotel Ännchen in Ahrweiler, das noch eine Baustelle ist. Foto: Pitt von Bebenburg.
Udo Loerakker in seinem Hotel Ännchen in Ahrweiler, das noch eine Baustelle ist. Foto: Pitt von Bebenburg. © Pitt von Bebenburg

Ein Jahr nach der Flut: 30 Milliarden Euro stehen für den Wiederaufbau bereit

Der Wiederaufbau, die stark gestiegenen Preise, der Mangel an Handwerksbetrieben – dies ist für Loerakker nur eine Seite. Die noch wichtigere Frage lautet für ihn, wann die Voraussetzungen für den Tourismus wieder stimmen. „Wenn jedes zweite Geschäft zu bleibt, hat das keinen Sinn“, stellt er fest. „Nächstes Jahr wird die Fußgängerzone aufgerissen, weil Kanäle ausgetauscht werden.“ Die Gäste wollten sich aber nicht zwischen Baustellen entlang schlängeln. Ob es sich dann lohnt, das „Ännchen“ zu öffnen?

Vor einem Jahr

Am 14. Juli 2021 begann die Überflutung des Ahrtals nach einem extremen Starkregen-Ereignis. Um 17 Uhr herrschte im Ort Schuld Land unter. Neun Stunden danach, in der Nacht zum 15. Juli, erreichte die Flut Sinzig.

134 Menschen kamen bei der Katastrophe ums Leben, weil nicht ausreichend gewarnt worden war. Die meisten Toten gab es in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Die massiven Schäden betrafen nach Schätzungen 42 000 Menschen. pit

30 Milliarden Euro stehen für den Wiederaufbau bereit, eine gigantische Summe. Doch ausgezahlt wurde bisher nur ein Bruchteil davon. Private Hausbesitzer:innen erhalten in Rheinland-Pfalz 20 Prozent der geschätzten Kosten als Vorleistung. Die CDU hätte es gerne großzügiger. In Nordrhein-Westfalen seien es schließlich 40 Prozent.

Ein Jahr nach der Flut: Beeindruckt vom Tatendrang der Menschen

Mindestens genauso groß wie bei den Privatleuten ist die Herausforderung für die öffentliche Infrastruktur. Die rheinland-pfälzische Ampel-Regierung zeigt sich optimistisch. „Infrastrukturprojekte, die normalerweise Jahre dauern, wurden innerhalb weniger Wochen und Monate gestemmt“, berichtet Anne Vogelsberger, die im Innenministerium von Roger Lewentz (SPD) die Abteilung Wiederaufbau leitet. So seien „bereits nach sechs Wochen alle Straßen wieder ans Straßennetz angebunden“ gewesen, bis Ende Oktober sei die Trinkwasserversorgung „vollständig hergestellt“ gewesen, sagte Vogelsberger in dieser Woche bei einer Anhörung in Lantershofen.

Dorthin hatte die Enquete-Kommission „Zukunftsstrategien zur Katastrophenvorsorge“ des Landtags eingeladen. Vorher hatten sich die Abgeordneten und Fachleute Aufbauprojekte angeschaut. Die Vorsitzende der Enquete, Lea Heidbreder (Grüne), zeigte sich beeindruckt vom Tatendrang der Menschen. Ihr Stellvertreter Christoph Spies (SPD) nennt es „mehr als beeindruckend“, was im Ahrtal schon erreicht worden sei. „Es ist ob der Dimension der Schäden aber auch klar, dass so manches dauern wird“, fügte er hinzu.

Ein Jahr nach dem Schock: Die Brüder Gerd und Bernd Gasper (r.) kehren an den Standort ihres bei der Flut zerstörten Elternhauses in Altenahr-Altenstadt zurück. Foto: Boris Roessler/dpa.
Ein Jahr nach dem Schock: Die Brüder Gerd und Bernd Gasper (r.) kehren an den Standort ihres bei der Flut zerstörten Elternhauses in Altenahr-Altenstadt zurück. Foto: Boris Roessler/dpa. © Boris Roessler/dpa

Kollegin Heidbreder sieht im Wiederaufbau nach der Katastrophe die Chance, „die Infrastruktur im Ahrtal nun besonders gut für die Zukunft aufzustellen“. Beispiel Leitungen: Entlang der Ahr sollen die Stränge für Wasser, Strom, Gas und Breitband möglichst in einer gemeinsamen Trasse unter die Erde gelegt werden, etwa unter einem Radweg.

Der größte Wunsch? „Dass mal Ruhe einkehrt.“

Joachim Gerke von der zuständigen Landesbehörde, der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord, warb bei den Abgeordneten für diese „Chance, einen neuen Standard zu gewinnen, der dann im ganzen Land gilt“. Er zeigte sich zugleich enttäuscht, dass manche Versorgungsunternehmen nicht dafür zu gewinnen seien. Dem Landtag empfahl Gerke, in alle einschlägigen Gesetze einen „Katastrophentatbestand“ einzubauen, „und zwar in Friedenszeiten, in Ruhe“. Die normalen Prüf- und Genehmigungsverfahren eigneten sich nicht für einen schnellen Wiederaufbau.

An der Ahrtalschule, einer erweiterten Realschule in Altenahr, wartet Leiterin Marion Schnitzler bis heute auf die Entscheidung, ob das stark beschädigte Gebäude renoviert oder abgerissen wird. „Wir werden längere Zeit in der Interimslösung unterrichten müssen“, ahnt die resolute Schulleiterin. Ihr größter Wunsch? „Dass mal Ruhe einkehrt.“

Feuerwehrhäuser und das Rathaus müssen neu errichtet werden

Ein Neubau würde 28 statt 20 Millionen Euro kosten, sagt Dominik Gieler (CDU), Bürgermeister der Verbandsgemeinde Altenahr. Wer soll das bezahlen in einer Gemeinde, die einen Jahreshaushalt von acht Millionen Euro aufweist? Daneben gibt es nicht nur drei weitere zerstörte Schulen. Auch Feuerwehrhäuser und das Rathaus müssen neu errichtet werden. Es wäre schön, wenn diese Aufgaben „schnell und effizient“ erledigt würden, findet Gieler. Daher sei es gut, dass die Abgeordneten kämen, „Leute, die aus Mainz kommen, die aus behüteten Häusern kommen“.

Man spürt immer wieder, dass sich die Menschen im Ahrtal abgehängt vorkommen. Nie war das deutlicher als in der Flutnacht, als die Landesregierung sich darauf verließ, dass die örtliche Verwaltung die Rettung schon organisieren werde. Mit tödlichen Folgen, die in einem Untersuchungsausschuss aufgearbeitet werden. Nun will die Region wenigstens beim Wiederaufbau nicht vergessen werden. (Pitt von Bebenburg)

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