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Die Polizei am Tatort in Salisbury weiß auch nicht weiter.

Großbritannien

Agentendrama in Salisbury

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In dem lieblichen englischen Städtchen werden ein russischer Ex-Spion und seine Tochter möglicherweise lebensgefährlich vergiftet. London verdächtigt Moskau.

Die rätselhafte Erkrankung eines pensionierten Doppelagenten vergiftet die britisch-russischen Beziehungen. Im Krankenhaus des südenglischen Provinzstädtchens Salisbury ringt seit Sonntagnachmittag Sergej Skripal, 66, mit dem Tod. Der Ex-Oberst der russischen Streitkräfte und seine 33-jährige Tochter Julia waren auf einer Parkbank bewusstlos aufgefunden worden. Im Unterhaus erinnerte Außenminister Boris Johnson am Dienstag an den Fall des radioaktiv vergifteten KGB-Überläufers Alexander Litwinenko. Sollte sich auch diesmal eine Urheberschaft des „bösartigen und Unruhe stiftenden“ russischen Staates herausstellen, werde Großbritannien kraftvoll reagieren, versprach er.

Skripal arbeitete den Medien zufolge lange für den sowjetischen und später russischen militärischen Geheimdienst GRU, bevor er in den 90ern offenbar begann, Dienstgeheimnisse an den britischen Auslandsdienst MI6 weiterzugeben. 2004 wurde Skripal verhaftet, dann zu 13 Jahren Arbeitslager verurteilt und 2010 bei einem Agentenaustausch nach Großbritannien entlassen, wo er mit seiner Frau Ludmila nach Salisbury zog.

Am Sonntagnachmittag waren Skripal und seine aus Russland zu Besuch weilende Tochter offenbar zum Einkaufen unterwegs. Eine Augenzeugin schilderte der BBC später, sie habe das Paar auf einer Bank nahe des Einkaufszentrums Maltings gesehen – „ihr Kopf ruhte auf seiner Brust, er machte komische Handbewegungen“. Bewusstlos wurden sie wenig später ins örtliche Spital eingeliefert, wo ihr Zustand auch am Dienstagnachmittag noch als ernst galt.
Woran genau sie erkrankt sind, wollten die Ärzte nicht sagen – womöglich wissen sie es auch nicht. Dass es sich um die Einnahme des hochwirksamen synthetisches Opioids Fentanyl gehandelt haben könnte, wie in Medienberichten vermutet, wurde jedenfalls nicht bestätigt.

Natürlich dürfe man den Ermittlungen der Kriminalpolizei nicht vorgreifen, teilte der Außenminister mit. Unweigerlich aber haben die TV-Bilder von Reinigungskräften in Ganzkörper-Anzügen das Land elektrisiert – das erinnert sehr an jene Novembertage 2006 nach Litwinenkos Tod, als Spezialisten mit Geigerzählern Londons Innenstadt auf ungewöhnlich hohe Radioaktivität vermaßen. Wegen möglicher Verseuchung wurden mehrere British-Airways-Flieger vorübergehend aus dem Verkehr gezogen, Hunderte von Kontaktpersonen des Opfers und der mutmaßlichen Täter lebten tagelang in Angst. Sein Sohn, klagte Litwinenkos Vater Walter, sei „an einer Mini-Atombombe“ gestorben.

Mord durch russischen Geheimdienst

Tatsächlich hatten zwei russische Geschäftsleute, Andrej Lugowoj und Dimitri Kowtun, dem wütenden Putin-Kritiker das geschmack- und geruchlose Polonium-210 in den Tee geschüttet. Nur weil Litwinenko unerwartet lang gegen den qualvollen Tod kämpfte, konnten Wissenschaftler das Gift identifizieren.

Neun Jahre später ergab das Ermittlungsverfahren: Der Mord war „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ nach Maßgabe des russischen Geheimdienstes erfolgt, die Genehmigung erteilten „wahrscheinlich“ dessen damaliger Chef Nikolai Patruschew „sowie auch Präsident Putin“. Die damalige Innenministerin Theresa May sprach von einem „staatlich sanktionierten Mord“ und „unakzeptablen Bruch des Völkerrechts“. Skepsis gegenüber Moskau zeigt May, mittlerweile Premierministerin, bis heute. Im November sprach sie von „feindlichen Staaten wie Russland“.

Seit Litwinenkos Tod sind in Großbritannien auch andere Dissidenten unter ungeklärten Umständen gestorben: Der Milliardär und Litwinenko-Gönner Boris Beresowski wurde 2013 erhängt aufgefunden – ob durch Suizid oder Fremdverschulden, darauf mochte sich das zuständige Gericht nicht festlegen.

Im Fall Skripal schloss die Polizei in der Nacht zu Dienstag eine nahegelegene Pizzeria sowie ein Pub „als Vorsichtsmaßnahme“. Viel wird nun davon abhängen, ob die Ärzte rasch die Ursache für den Zustand von Vater und Tochter Skripal finden.

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