Auf der Strecke von Kenia nach Uganda. Die Maske ist eher Öffentlichkeitsarbeit denn Schutz.
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Auf der Strecke von Kenia nach Uganda. Die Maske ist eher Öffentlichkeitsarbeit denn Schutz.

Corona-Infektionen

Afrikas Trucker als Sündenböcke

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Sie versorgen Millionen von Menschen – und angeblich verbreiten sie dabei HIV und Corona.

Anthony Wasilwas Alltag ist in den Zeiten von Corona noch einsamer geworden. Der kenianische Trucker saß schon früher sieben Tage lang im Lkw, um die rund 1200 Kilometer lange Strecke zwischen Kenias Hafenstadt Mombasa und der ugandischen Kapitale Kampala zurückzulegen – die meiste Zeit davon nahm die Überquerung der Grenze zwischen den beiden ostafrikanischen Staaten in Anspruch. Seit aber auch in diesem Teil der Welt die Pandemie grassiert, verbringt Wasilwa selbst die Pausen nicht mehr mit seinen Kollegen.

Der Volksmund will wissen, dass viele von ihnen mit dem Coronavirus infiziert seien. Und so schlägt sich Familienvater Wasilwa die Abende lieber alleine am Gaskocher neben seinem Laster um die Ohren. Möglichst auch nicht in nächster Nähe zu einer Siedlung: „Die Leute drohen, unsere Fahrzeuge mit Steinen zu bewerfen, weil sie meinen, dass wir Covid-19 übertragen“, erklärt Wasilwa Pressekollegen von der südafrikanischen Wochenzeitung „Mail & Guardian“.

Afrikanische Trucker haben schon lange ein mieses Image. Ihnen wird die Ausbreitung von Krankheiten über den ganzen Kontinent angelastet. So sollen sie auch das HI-Virus aus den Regenwäldern in die Städte gebracht haben.

Kenianische Grenzbeamte begannen Mitte April damit, Brummifahrer auf Corona zu testen. Nach wenigen Tagen schon meldeten sie mehr als 100 positive Fälle. Und Ugandas Gesundheitsbehörde will herausgefunden haben, dass die Hälfte der mehr als 500 Corona-Infektionen in ihrem Land durch Lkw-Fahrer zustande gekommen sind. Inzwischen werden Trucker an fast allen Grenzen der sieben ostafrikanischen Staaten getestet. Die Ergebnisse gibt es aber regelmäßig erst Tage später. Solange heißt es: warten. Auch für Anthony Wasilwa: warten. Aus den früher sieben Tagen Fahrt sind nun zwölf geworden.

Mit Kenia und Tansania verfügen lediglich zwei Staaten der Region über Zugänge zum Meer: Uganda, Burundi, Ruanda, der Südsudan und der Osten des Kongos sind für alle Ein- und Ausfuhren auf Lkw und ein rund 5000 Kilometer messendes Straßennetz angewiesen. Deutsche und britische Kolonialherrn hatten zwar einst auf dem Rücken einheimischer Arbeitskräfte Schienen ins Landesinnere legen lassen. Doch die sind inzwischen dermaßen marode, dass ihnen nichts mehr zuzutrauen ist. Dafür rollen in Uganda täglich rund 2000 aus Kenia kommende Laster ein, die jährlich mehr als zehn Millionen Tonnen Güter befördern.

Schon vor Jahren suchte Kenias Regierung die Blechlawine mit einer drastischen Aktion zu verringern: Sie bestellte in der Volksrepublik China eine neue Schienentrasse – die nun größtenteils neben der alten kolonialen verläuft und Mombasa nicht nur mit der Hauptstadt Nairobi, sondern auch mit dem im ostafrikanischen Grabenbruch gelegenen Touristenmagnet Naivasha verbindet – in der Nähe ist der Nationalpark „Hell’s Gate“. Die neue Trasse stieß in Kenia auf vehemente Kritik, kostete sie doch umgerechnet fast fünf Milliarden US-Dollar, für die die Bevölkerung mit einer um fünf Prozent erhöhten Mehrwertsteuer aufkommen durfte. In der Covid-19-Pandemie sieht Kenias Präsident Uhuru Kenyatta nun die einmalige Chance zur Rechtfertigung der enormen Ausgaben gekommen – und er wollte auch gleichzeitig noch das Problem der infizierten Trucker lösen.

Uhuru Kenyatta, Präsident von Kenia, hat sich verkalkuliert.

Bei einem virtuellen Gipfeltreffen schlug Kenyatta seinen ostafrikanischen Amtskollegen Mitte Mai vor, zumindest die Strecke von Mombasa nach Naivasha obligatorisch von der Straße auf die Schiene zu verlegen. Das käme auch den Transportunternehmen zu Gute, meinte er. Die Fahrtzeit würde sich von zwei Tagen auf zehn Stunden verkürzen. Nur Vorteile für alle. Gleich am 1. Juni wollten die Staatschefs mit der Umsetzung der Idee beginnen.

Die chinesische Bahn nach Naivasha ist keine Alternative.

Aber es blieb bei der Idee. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einerseits war da der Schönheitsfehler, dass alle Fracht in Naivasha doch wieder von der Schiene auf die Straße umgesattelt werden muss. Das Vorhaben, die Bahnlinie mindestens bis nach Kampala – und später bis in den Südsudan, nach Ruanda und Burundi sowie an die kongolesische Grenze – zu verlängern, ist derzeit nur ein Gedankenspiel. Falls es überhaupt dazu kommt, wird das Experten zufolge viele Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte brauchen.

Yoweri Museveni, Präsident von Uganda, kümmert sich.

Darüber hinaus hatte Ugandas Staatschef Yoweri Museveni die Rechnung ohne die Lobby der Transportunternehmer des Landes gemacht. Die sahen sich um den Löwenanteil ihres Geschäfts von Mombasa nach Naivasha gebracht. Die fünf Milliarden US-Dollar, die sie in den vergangenen Jahren in Fuhrparks, Depots und Tankstellen investierten, wären in den Wind geschossen. Schließlich meldeten sich auch die Lkw-Fahrer zu Wort: Bei einer Verlegung der Fracht auf die Schiene würde mindestens die Hälfte der Tausende von Trucker-Arbeitsplätzen verloren gehen, klagte ihre Gewerkschaft. Der – wenn es um den Erhalt seiner Macht geht – knallharte Museveni knickte ein: Jetzt soll der smarte Schienenplan nicht mehr erzwungen, sondern nur noch „ermöglicht und empfohlen“ werden.

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