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Afrikas Renaissance in Washington

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Von: Johannes Dieterich

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Eine Ehrengarde beobachtet die Landung des Flugzeugs mit dem senegalesischen Präsidenten Macky Sall in Maryland vor dem US-Afrika-Gipfel Foto: MANDEL NGAN / AFP
Eine Ehrengarde beobachtet die Landung des Flugzeugs mit dem senegalesischen Präsidenten Macky Sall in Maryland vor dem US-Afrika-Gipfel Foto: MANDEL NGAN / AFP © Mandel Ngan/afp

Drei Tage lang erarbeitet die US-Regierung neue Perspektiven für den Umgang mit dem Mutterkontinent. Die USA wollen dem afrikanischen Kontinent in den kommenden drei Jahren 55 Milliarden US-Dollar zur Verfügung stellen.

Zwanzig Minuten unter vier Augen – mehr wäre nicht drin bei doch immerhin 49 afrikanischen Staatsspitzen (mit gut 1000 Fachleuten in ihren Trossen), die sich da am Dienstag ein Stelldichein in Washington gegeben haben. Plus Abordnungen aus der Afrikanischen Union, aus Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Gastgeber Joe Biden bräuchte dann fast 17 Stunden für alle Tête-à-Têtes zusammen.

Da so ein Marathon weder organisatorisch noch inhaltlich sinnvoll wäre, hat man für den just angelaufenen dreitägigen US-Afrika-Gipfel gleich eine andere Agenda geplant: am Dienstag erste Gespräche zu den Themen Investitionen, Handel, Gesundheit und Klima, am Mittwoch ein Wirtschaftstreffen, an dem dann auch Biden teilnimmt, am Donnerstag schließlich Gesprächsrunden mit dem US-Präsidenten. Und um all dem einen positiven Auftakt zu geben, wurde in der Nacht auf Dienstag verlautbart: In den nächsten drei Jahren werden die USA 55 Milliarden Dollar zur Bewältigung zentraler Herausforderungen des Kontinents bereitstellen.

Das Wichtige dabei ist aber ein Perspektivwechsel: Bislang wird auch in den USA Afrika gerne als ein Gebilde betrachtet, alles in einem Aufwasch zu behandeln. Auch wenn Marokko mit Malawi so viel zu tun hat wie Bangladesch mit Kanada.

USA Afrika Gipfel: Die größte zollfreie Handelszone

Die Afrika-Gipfel scheinen dazu das Mittel zu sein, das gerade en vogue ist: China und die EU haben alle drei Jahre einen; Russland, Japan und die Türkei hinken noch unregelmäßig hinterher. Der US-Gipfel in Washington ist erst der zweite seiner Art nach der 2014er Premiere unter Barack Obamas Regie. Danach kam Donald Trump, der von dem „shithole“ Afrika nichts wissen wollte.

Mit seinem Nachfolger soll sich auch das grundsätzlich ändern: Biden ließ erst einmal ein 17-seitiges Grundsatzpapier zur Neubestimmung des US-Verhältnisses zu Afrika ausarbeiten – das erste Mal seit der afrikanischen Unabhängigkeitswelle in den 60er Jahren, dass sich die Supermacht solche Gedanken über ihre Beziehung zum Kontinent jenseits des Atlantiks macht. Afrika habe eine der schnellst wachsenden Bevölkerungen der Welt, rechtfertigt das im August veröffentlichte Papier die neue Aufmerksamkeit: „Es hat die größte zollfreie Handelszone, die vielfältigsten Öko-Systeme und einen der größten Stimmen-Blöcke in der UN.“

Auf Letzteres kam es 2022 besonders an. Um Moskau zu isolieren, startete Washington einen beispiellosen diplomatischen Feldzug auf dem Erdteil – mit mäßigem Erfolg. Eine Mehrheit der 55 Staaten des Kontinents enthielt sich bei wichtigen Ukraine-Debatten in der UN-Vollversammlung oder blieben ihr fern. Aus dem Kalten Krieg wissen Afrikas Regierende, wie verhängnisvoll es sein kann, der einen oder anderen Seite zu folgen.

USA Afrika Gipfel: Eine „neue Ära“

Für Afrikas Freundschaft muss heute was geboten werden – China sichert sich das mit Projekten seit nun schon zwei Jahrzehnten. Die USA müssen da kräftig aufholen. Das soll etwa die „Partnerschaft für globale Infrastruktur und Investitionen“ leisten, in deren Rahmen jährlich rund 40 Milliarden Dollar in den Erdteil fließen sollen. Anders als Peking setzt Washington auf die Privatwirtschaft als Motor der ökonomischen Annäherung. Während im politischen Bereich Werte wie Demokratie, Transparenz und gute Regierungsführung hervorgehoben werden, die Chinas Autoritarismus diametral entgegenstehen. Für Afrikas Bevölkerungen mag das tatsächlich attraktiv sein – ihren Staatsoberhäuptern ist Chinas Kommandosystem lieber. Nicht zufällig war der Auftakt in Washington einem „zivilgesellschaftlichen Forum“ vorbehalten, am Donnerstag sind dann Verfassungsordnung, Einhaltung der Menschenrechte und Demokratie generell dran.

Dafür will Biden seinen Gästen nach eigenen Worten „wirklich bevorzugt Zeit“ einräumen – auch denen, die er nicht privat sprechen wird. In dem Grundsatzpapier zur Afrika-Strategie ist viel von „Augenhöhe“ und „Partnerschaft“ die Rede: Das gehört sich im Umgang mit dem Kontinent inzwischen so.

Allerdings sagt Biden darüber hinaus den afrikanischen Staaten auch Unterstützung bei deren Bemühungen zu, zwei ständige Sitze im UN-Sicherheitsrat zu bekommen. Das ist eine Forderung, die schon seit Jahrzehnten erhoben wird. Zumindest als Symbol ist dieser US-Afrika-Gipfel wohl kaum zu überschätzen. Doch ob er tatsächlich eine „neue Ära“ im Verhältnis der Supermacht zu dem schwierigen Erdteil einläutet, wird sich erst nach dem Gipfel in Washington zeigen.

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