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Seit wenigen Tagen wird endlich auch in Südafrika geimpft. Doch in den meisten Ländern des Kontinents sind noch keine Vakzine angekommen.
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Seit wenigen Tagen wird endlich auch in Südafrika geimpft. Doch in den meisten Ländern des Kontinents sind noch keine Vakzine angekommen.

Corona-Pandemie

Afrika: Impfschutz noch in weiter Ferne

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Erst in sechs der 54 Staaten Afrikas werden bereits Vakzine verabreicht. Damit die Immunisierungen schneller vorankommen, fordert die WHO mehr Solidarität der Pharmakonzerne.

Mitte dieser Woche war es endlich soweit. In einer Gesundheitsstation in Kapstadts Township Kayelithsa krempelt Präsident Cyril Ramaphosa den linken Ärmel seines weißen Hemds hoch, dreht sich der Herde filmender Reporter zu und meint, kleinlaut auf seinen Gesundheitsminister Zweli Mkhize deutend: „Ich wünschte, er wäre vor mir dran.“ Dann drückt eine Krankenschwester dem Präsidenten eine Kanüle in den Oberarm: „Ich bin okay“, versichert der 68-jährige Staatschef, während das Serum in seinem Bizeps verschwindet. Schließlich sind auch der Minister und ein knappes Dutzend Krankenschwestern dran. In Südafrika soll damit eine neue Ära begonnen haben.

In Wahrheit handelt es sich höchstens um den Beginn des Beginns. Denn Südafrika verfügt derzeit über lediglich 80 000 Dosen eines vom US-Pharmakonzern Johnson & Johnson hergestellten Serums. Und das reicht gerade für jede 14. im Gesundheitswesen tätige Person am Kap der Guten Hoffnung. Selbst die 220 000 weiteren Dosen, die in den kommenden Wochen erwartet werden, können längst nicht alle der 1,25 Millionen „an der Front“ Beschäftigten schützen. Wenn alles gut geht, werden die am höchsten gefährdeten Südafrikaner:innen erst bis zum hiesigen Winteranbruch Ende Mai geimpft sein. Und dann soll über den Südzipfel Afrikas auch schon die nächste Pandemie-Welle schwappen. Sie wird womöglich eine neue, noch aggressivere Mutation des Coronavirus hervorbringen.

In den anderen Teilen des Kontinents sieht es noch schlechter aus. Lediglich in sechs Ländern, einschließlich Südafrika, wurde bislang mit dem Impfen begonnen, in der überwiegenden Mehrheit der 54 Staaten ist noch keine einzige Dosis angekommen. Denn die Industrienationen haben sich den Löwenanteil der Impfstoff-Vorräte gesichert. Allein die Länder der EU haben 1,8 Milliarden Dosen ergattert – damit kann jeder der 375 Millionen EU-Bürgerinnen und -Bürger fast fünf Mal immunisiert werden. Die 1,3 Milliarden Afrikanerinnen und Afrikaner bräuchten bis zu 1,5 Milliarden Impfdosen, um sich schützen zu können. Damit, so Fachleute, sei frühestens in drei Jahren zu rechnen.

mehr unterstützung

Die EU verdoppelt ihren Beitrag zur Covax-Impfinitiative auf eine Milliarde Euro: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident Charles Michel wollten das am Freitag bei der Onlinekonferenz der G7-Industriestaaten ankündigen, hieß es. Zudem wolle die EU dabei weitere 100 Millionen Euro für den Kampf gegen die Pandemie in Afrika zusagen.

US-Präsident Joe Biden sagte vier Milliarden Dollar (3,3 Milliarden Euro) zu, von denen zwei Milliarden sofort bereitgestellt werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)kündigte an, Deutschland werde weitere 1,5 Milliarden Euro beitragen, vor allem für das Covax-Programm. Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) zufolge fehlen noch 27 Milliarden Euro für Impfungen in armen Ländern.

Bis dahin wird niemand in der Welt gut schlafen können. Denn „wenn nicht alle geschützt sind“, so das Mantra der Weltgesundheitsorganisation WHO, „ist keiner geschützt.“ Die Organisation hatte bereits Mitte des vergangenen Jahres den Fonds „Covax“ ins Leben gerufen, der die globale Aufteilung der Seren regeln und finanzieren sollte. Die Initiative wurde auch weltweit begrüßt – doch das Geld blieb aus. Gegenwärtig verfügt Covax über knapp 90 Millionen Dosen, die bis zur Jahresmitte verabreicht werden könnten. Damit kann nicht einmal jede:r siebte Afrikaner:in geschützt werden, für eine allgemeine Immunität müssten es aber zwei von drei Bewohner:innen des Kontinents sein.

Im Covax-Fonds klafft derzeit ein Finanzloch von 27 Milliarden Dollar, was die Afrikanische Union (AU) zur Aufgabe ihrer Hoffnungen auf den Fonds bewog. Anfang des Jahres schickte AU-Präsident Cyril Ramaphosa seine Emissäre auf den freien Markt: Sie vermochten sich tatsächlich noch 250 Millionen Dosen an Seren zu sichern. Die müssen aber auf Heller und Pfennig bezahlt werden, und das zuweilen zu einem höheren Preis, als die EU-Staaten berappen.

Deshalb mobilisierte Ramaphosa auch seine Handelsexpert:innen: Sie setzen sich derzeit bei der Welthandelsorganisation WTO in Genf für eine zumindest vorübergehende Aufhebung der Patentrechte der Impfstoffe ein. Damit könnte jedes einschlägige Unternehmen den Impfstoff selbst herstellen – auch ohne Erlaubnis der Erfinder. Die der WTO zugrunde liegenden Verträge ermöglichen die Aussetzung des Patentrechts in Ausnahmefällen: Allerdings müssen damit sämtliche 166 Mitgliedsstaaten der Handelsorganisation einverstanden sein. Die Industrienationen halten aber nichts von dem Vorschlag: So würden die Erfinder der Impfstoffe geschädigt – und auf deren Erfolge sei man auch künftig dringend angewiesen.

Vor wenigen Tagen übernahm bei der WTO eine neue Generaldirektorin das Ruder, die dem Ansinnen Südafrikas zugeneigt ist. Die Nigerianerin Ngozi Okonjo-Iweala möchte zumindest einen Kompromiss zwischen den Interessen der Pharmaindustrie und den Klagen der Afrikaner:innen finden: Die Konzerne sollten – wie das Astrazeneca bereits tut – ihre Impfstoffe unter Lizenz von anderen Unternehmen herstellen lassen. So werde das Patentrecht geschützt und die Produktionskapazität erhöht.

Ob ohne Lizenz oder mit Erlaubnis: In beiden Fällen lauert schon das nächste Problem. Denn viele Unternehmen, die die Seren herstellen könnten, gibt es im Süden der Welt nicht. In Südafrika stellte der letzte Impfstoffproduzent seine Herstellung Anfang dieses Jahrhunderts ein. Mit den bloßen Lizenzen sei es auch gar nicht getan, meint Mareike Haase von „Brot für die Welt“: Gleichzeitig müsse das für die Herstellung der Seren nötig Knowhow vermittelt werden. Doch bis dahin, fürchten Skeptiker, wird noch so manche Covid-Welle über den Kontinent hereingebrochen sein.

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