Weltflüchtlingstag

Die Corona-Krise gefährdet Menschen auf der Flucht mehr denn je: „Wir verlieren eine ganze Generation“

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Von Kamerun bis Burkina Faso: Neun von zehn vernachlässigten Flüchtlingskrisen spielen sich in Afrika ab. Ist Covid-19 schon in den Camps dort angekommen? 

  • Hunderttausende sind auf dem afrikanischen Kontinent auf der Flucht
  • In den zahlreichen Flüchtlingslagern kann sich das Coronavirus leicht verbreiten
  • Humanitäre Hilfe erreicht die Flüchtlingslager nur schwer

Die Frage raubt nicht nur humanitären Helfern den Schlaf. Was wird passieren, wenn das Coronavirus schließlich auch Afrikas zahllose Flüchtlingslager erreicht? Sie profitierten bislang noch von ihrer Abgeschiedenheit: Von den Hauptstädten, in die der Erreger meist aus Europa eingeflogen wurde, sind sie oft Tagesreisen weit entfernt.

Mehrere Camps haben allerdings bereits die ersten Fälle gemeldet. Etwa in Dadaab im kenianischen Nordosten, wo weit über 200.000 somalische Flüchtlinge leben, oder im äußersten Norden Äthiopiens, wo rund 100.000 geflohene Eritreer in Lagern hausen. An beiden Orten ist es bislang jedoch zu keinen „internen“ Übertragungen gekommen: Die Virenträger konnten noch rechtzeitig identifiziert und abgesondert werden.

Flüchtlingslager in Afrika: Coronavirus grassiert bereits

In den sudanesischen Darfur-Provinzen ist es dafür womöglich schon zu spät. Dort berichten Gesundheitsexperten von einer stark ansteigenden Zahl von Todesfällen: Allein in einer Ecke seines Lagers seien innerhalb eines Monats 64 Menschen auf unerklärte Weise ums Leben gekommen, berichtet der Chef des Camps Abushouk, Mohamed Hassan Adam. Sie seien meist älter gewesen und hätten über Atemnot geklagt: „I can’t breathe“, habe sich einer seiner Nachbarn beschwert. 

In den Flüchtlingslagern der drei Darfur-Provinzen leben rund 1,6 Millionen Menschen auf dichtestem Raum zusammengepfercht: Soziales Abstandhalten kann hier keiner verlangen, Wasser wird dringender zum Trinken als zum Händewaschen gebraucht. „Wir verlieren eine ganze Generation“, sagt Gamal Abdulkarim Abdullah, Chef des im Nord-Darfur gelegenen Lagers Zam Zam: Allein in der vergangenen Woche seien mehr als 70 Menschen vermutlich an Covid-19 gestorben. Weil es dort jedoch keine Testkits gibt, kann das keiner mit Sicherheit sagen.

Flüchtlingskrisen in Afrika: Von der Welt vernachlässigt

Neun von zehn vernachlässigte Flüchtlingskrisen dieser Welt befinden sich in Afrika, heißt es in einer Studie des Norwegischen Flüchtlingsrats (NRC). Vernachlässigt bedeutet, dass kein politischer Wille der Verantwortlichen zur Beendigung der Krise auszumachen ist. Und dass es sowohl an internationalem Medieninteresse sowie an finanzieller Unterstützung mangelt. 

Dicht an dicht leben die Menschen in vielen Flüchtlingslagern – auch im nigerianischen Maiduguri. 

Auf Platz 1 steht der zentralafrikanische Staat Kamerun, der gleich von zwei Flüchtlingskrisen erschüttert wird: Den äußersten Norden des Landes macht die extremistische Islamisten-Sekte Boko Haram unsicher, im Westen streben sich vernachlässigt fühlende anglophone Kameruner eine Autonomie oder gar die Unabhängigkeit vom frankophonen Rest des Landes an. Kamerun ist der sechste Staat Afrikas, der bereits mehr als 10.000 Corona-Infizierte verzeichnet hat. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Virus auch in den Krisenzonen angelangt ist.

Afrika: Hunderttausende flüchten auf dem Kontinent

Nach der Demokratischen Republik Kongo (DRC), deren Osten schon seit Jahrzehnten von zahlreichen Konflikten heimgesucht wird, nimmt der westafrikanische Staat Burkina Faso den dritten Platz auf der NRC-Liste ein. Dort schnellte die Zahl der Flüchtlinge in einem Jahr um das Zwölffache in die Höhe: Rund 850.000 Menschen mussten wegen der Umtriebe extremistischer Islamisten im Norden und Osten des Sahel-Staats ihre Heimat verlassen. 

Hilfsorganisationen haben Schwierigkeiten, die Flüchtlinge zu erreichen. Die Region ist auch für humanitäre Helfer lebensgefährlich, viele der Vertriebenen irren noch im Buschland umher. Vor dem Virus sind sie dort höchstens vorübergehend geschützt: In der Hauptstadt Ouagadougou haben sich unter anderen schon vier Minister angesteckt.

Flüchtlingslager in Afrika: Hoffnung auf Hilfe wegen Corona

Im unsicheren Norden des Landes befinden sich auch noch immer zwei Camps, in denen sich bereits vor acht Jahren Flüchtlinge aus dem Nachbarstaat Mali niedergelassen haben. Sie werden sowohl von Extremisten wie von burkinabischen Soldaten regelmäßig angegriffen. Diese werfen ihnen vor, den Extremisten Unterschlupf zu bieten. 

Die über 15.000 Bewohner des Camps Goudoubo und Mentao würden gerne nach Mali zurückkehren, obwohl auch dort der Terror und das Virus grassieren. Doch die Grenzen sind inzwischen wegen Covid-19 geschlossen. In den Lagern gibt es weder medizinische noch Nahrungsmittelhilfe – nicht zuletzt, weil das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) nur knapp 1,5 der 12,5 Millionen von der internationalen Gemeinschaft angeforderten US-Dollar bekam.

Trotzdem hat Matshidiso Moeti, Afrika-Direktorin der Weltgesundheitsorganisation WHO, ihre Hoffnung nicht aufgegeben, dass die globalen Hilfswerke tätig werden, sobald das Virus in Afrikas Flüchtlingslagern wütet. „Ihre Intervention wird schlechterdings unverzichtbar sein“, sagte die botswanische Ärztin auf FR-Anfrage. (Johannes Dieterich)

Wer Fluchtursachen bekämpfen will, muss sich für faire Handelsbeziehungen einsetzen. Deswegen sollte Deutschland größere Kontingente für die Schutzprogramme des UNHCR schaffen, finden Lars Castellucci und Aydan Özoguz im Gastbeitrag

Rubriklistenbild: © AFP

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