Das Satellitenbild zeigt es: Die Regenzeit lässt das Wasser hinter dem Damm auflaufen. Äthiopien und Ägyten streiten sich um den Staudamm am Blauen Nil.
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Das Satellitenbild zeigt es: Die Regenzeit lässt das Wasser hinter dem Damm auflaufen. Äthiopien und Ägyten streiten sich um den Staudamm am Blauen Nil.

Staudamm am Nil

Äthiopien und Ägypten streiten um Staudamm am Blauen Nil

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Äthiopien will den größten Staudamm Afrikas in Betrieb nehmen, Ägypten fürchtet um seine Wasserversorgung.

  • Äthiopien will den Grand Ethiopian Renaissance Dam am Blauen Nil in Betrieb nehmen
  • Ägypten fürchtet um seine Wasserversorgung
  • Ein Konflikt ums Wasser könnte sich am Horn von Afrika anbahnen

Schwillt er, oder schwillt er nicht? Eine Frage, die zur Zeit die Welt in Atem hält – zumindest was den am Blauen Nil gelegenen Teil der Welt angeht. Jüngste Satellitenbilder vom fast fertigen größten Staudamm Afrikas, dem „Grand Ethiopian Renaissance Dam“ (Gerd), belegen, dass das Wasser dort steigt: Für die ägyptische und sudanesische Regierung der Beweis dafür, dass Äthiopien mit dem Aufstauen des Blauen Nils bereits begonnen hat – obwohl es zwischen den Anrainerstaaten noch immer kein Abkommen über die Verwendung des Wassers aus dem Blauen Nil gibt.

Seit Beginn der Bauarbeiten am größten Elektrizitätsprojekt des Kontinents vor fast zehn Jahren ringen vor allem die Regierungen in Kairo und Addis Abeba um eine Vereinbarung über die Wassermenge, die Äthiopien weiterfließen lassen muss, um das Lebenselixier der Ägypter nicht zu gefährden. Anfang dieser Woche scheiterte jedoch ein weiterer Versuch – in diesem Fall der Afrikanischen Union –, eine Einigung zu erzielen. Während Addis Abeba nie einen Zweifel daran ließ, mit dem Aufstauen des Flusses auch ohne Einigung zu beginnen, hielt sich Kairo sogar die Option eines militärischen Eingreifens offen. Droht nun am Horn von Afrika ein Krieg?

Staudamm am Blauen Nil: Streit um Wasser zwischen Äthiopien und Ägypten bahnt sich an

Gemach. Zumindest Fachleute wissen, dass Äthiopien gegen das Aufstauen des Wassers gar nichts ausrichten kann. Denn das liegt am Beginn der Regenzeit: Derzeit fließt mehr Wasser aus dem Hochland an, als durch die beiden neben dem Staudamm offen gelassenen Kanäle abfließen kann. Addis Abeba hat also keine Schotten dicht gemacht: Noch fließt auch genügend Wasser nach Ägypten, um dort nicht das Dasein zu gefährden. Allerdings will Äthiopien tatsächlich die Schleusen noch in diesem Monat ein wenig schließen, um das Auffüllen des 74 Milliarden Kubikmeter Wasser fassenden Staubeckens zu beschleunigen. In sieben Jahren soll „Gerd“ voll sein.

Äthiopiens Staudamm am Blauen Nil: Nutzung soll verantwortlich vorgehen

Unverantwortlich will Addis Abeba dabei allerdings nicht vorgehen. Das Auffüllen soll nur in der Regenzeit stattfinden: Die Entnahme von 18 Milliarden Kubikmetern Wasser im Verlauf der ersten zwei Jahre wirke sich bei einem Durchfluss von insgesamt fast 100 Milliarden für die flussabwärts gelegenen Staaten keineswegs lebensbedrohlich aus. Sie könnten auch ihre prall gefüllten eigenen Staubecken zur Regulierung etwaiger Engpässe nutzen. Hinzu käme, dass Meteorologen für die kommenden zwei Jahre überdurchschnittlich starke Niederschläge am Horn von Afrika voraussagen: Für das Auffüllen des Beckens gebe es gar keine bessere Zeit, heißt es in Addis Abeba.

90 Prozent der Streitpunkte der beiden Nilanrainerstaaten seien bereits ausgeräumt, gab der sudanesische Chefunterhändler jüngst bekannt: Strittig sei dagegen noch, was im Fall einer jahrelangen Dürre passieren wird, und ob Ägypten eine Mindestmenge an Nilwasser garantiert wird.

Äthiopien will sich nicht länger von Ägypten die Nutzung des Nilwassers diktieren lassen

Äthiopien fürchtet, dass in Dürrejahren die Stromgewinnung eingestellt werden muss: Dann würden bei mehr als der Hälfte der Bevölkerung die Lichter wieder ausgehen und müsste der Staat auf seine Einnahmen aus dem Stromexport verzichten. Äthiopien, das sich in einem anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung befindet, fühlt sich in Sachen Nilwasser schon seit ewigen Zeiten geschurigelt: Im vergangenen Jahrhundert hatte die britische Kolonialmacht den Ägyptern gleich in zwei internationalen Abkommen ein „natürliches und historisches Recht auf das Nilwasser“ zugesprochen. Äthiopien hatte damals keiner gefragt.

Nun lässt Äthiopiens Regierungschef Abiy Ahmed die Muskeln spielen. Äthiopien will sich nicht länger von Ägypten die Nilwassernutzung diktieren lassen. Auch muss der umstrittene Premierminister seiner unruhigen Bevölkerung einen politischen Triumph präsentieren. Andernfalls könnte der Friedensnobelpreisträger nach den Wahlen im kommenden Jahr bereits wieder Geschichte sein. Umgekehrt meint sich auch Ägyptens Militärpräsident Abdel Fattah al-Sisi keine Schwäche leisten zu können: Die Hürden für eine Einigung liegen also hoch.

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