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Afghanistans Präsident Aschraf Ghani bezeichnete die Abstimmung als Lackmustest für die Zukunft seines Landes. 

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Afghanistan: Wahlkampf via Skype - Drohungen der Taliban überschatten Präsidentschaftswahl

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Die Wahl soll durch Attentate auf Kandidaten und Wahllokale als Augenwischerei oder Schwindel denunziert werden.

Nachdem die radikalislamischen Talibanmilizen kurz vor einer Versammlung in der Provinz Parwan bei Kabul per Selbstmordattentat ein Blutbad verübten, verlegte sich Afghanistans Präsident Aschraf Ghani auf Wahlkampf per Skype. Der größte Widersacher des Regierungschefs, sein bisheriger Stellvertreter Abdullah Abdullah, wagte sich erst gar nicht unter die Wähler. 14 andere, größtenteils aussichtslose Bewerber um dem Posten des Staatschefs – darunter der greise Mudschahedin-Chef Gulbuddin Hekmatyar – halten sich an die Maßgabe der Sicherheitskräfte: Nur im Loya-Jirga-Zelt, dem Tagungsort des Parlaments, seien sie vor Anschlägen gefeit.

Bei allen Wahlen seit der Vertreibung der Talibanmilizen aus Kabul 2001 wurde gefälscht und manipuliert, was das Zeug hielt. Doch kein anderer Urnengang dürfte so massiv von Gewalt überschattet gewesen sein, wie es bei der Präsidentschaftswahl am Samstag befürchtet wird. Die radikalislamischen Talibanmilizen, die frühere Wahlen sabotierten, aber nicht verhindern konnten, sind entschlossen, den Urnengang als „Sham“ zu entlarven, wie es in einer auf Englisch abgefassten Mitteilung hieß. Die Wahl soll durch Attentate auf Kandidaten und Wahllokale als Augenwischerei oder Schwindel denunziert werden.

Seit US-Präsident Donald Trump einen Deal über einen US-Truppenabzug, der weder eine Feuerpause noch eine politische Einigung mit der Regierung in Kabul einschloss, für „tot“ erklärte und seinen 14 000 Soldaten am Hindukusch mehr Angriffe auf die Gotteskrieger befahl, fallen den Taliban als Antwort lediglich mehr militärische Aktionen ein.

Afghanistan-Wahl wird zum Testfall für die Taliban

Wie der Evangelische Pressedienst berichtet, wurde am Donnerstag bekannt, dass laut der Wahlbeobachtergruppe „Transparent Election Foundation of Afghanistan“ (Tefa) eine Reihe von Provinzgouverneuren gebeten wurde, Stimmen für bestimmte Kandidaten zu sammeln. Darüber habe der Sender Tolo TV berichtet. Die unabhängige Wahlbeschwerdekommission des Landes erhielt demnach bereits über 100 Beschwerden wegen Manipulationen.

400 bis 500, möglicherweise auch weitaus mehr der gegenwärtig geplanten 5300 Wahllokale können nach derzeitiger Lage trotz des Einsatzes von rund 70 000 Polizisten aus Sicherheitsgründen nicht geöffnet werden. Die Wahlbeteiligung, so glauben Fachleute, dürfte angesichts der Sicherheitslage und wegen der weitverbreiteten Enttäuschung über die gewählten Regierungen auf unter 3,5 Millionen sinken – das wären weniger Menschen als offiziell bei der Parlamentswahl 2018 und ein kläglicher Bruchteil der über neun Millionen registrierten Wähler am Hindukusch.

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Auch das Resultat, so erwarten Experten, wird statt einer neuen Regierung eine Wiederauflage der Krise von 2014 bringen. Damals stritten Ghani und Abdullah wochenlang über das Resultat, bis unter dem Druck der USA schließlich eine kaum funktionierende „Regierung der Nationalen Einheit“ gebildet wurde.

Dennoch wird Afghanistans vierte Präsidentenwahl seit 2001 zum Testfall für die Taliban und für Ghani – trotz der in westlichen Hauptstädten seit Jahren populären Nachrede, das Land sei nicht reif für demokratische Verhältnisse. Präsident Ghani, der den Abbruch der Verhandlungen zwischen den Taliban und den USA als Sieg empfindet, bezeichnete den Urnengang selbst als Lackmustest für die Zukunft des Landes. Sein Widersacher Abdullah argumentiert mit seinen Alliierten im Norden des Landes bereits seit Monaten für Wahlen vor Verhandlungen mit den Taliban.

Radikale in der Sackgasse 

Die Gotteskrieger wollen weiter Gespräche ohne Wahlen. Sie stecken in einer Sackgasse, nachdem sie bei den Gesprächen mit Washington zu hoch gepokert haben. Sie kontrollieren gegenwärtig zwar zwei Drittel des afghanischen Territoriums. Doch ihre Absicht, die Wahl in ein Blutbad zu verwandeln, ändert nichts an einer Tatsache: Die Milizen sind nicht fähig, Kabul militärisch zu erobern.

Gleichzeitig bleiben die Taliban mit der Behauptung auf dem hohen Ross, die Regierung in Kabul sei eine willenlose Marionette des Westens. Taliban-Vertreter reisen gegenwärtig von Moskau bis Peking durch die Welt. Heraus kommen Appelle an US-Präsident Trump, die „toten“ Gespräche wiederzubeleben. Sie klingen verzweifelt und hilflos.

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