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„Afghanistan verstehen“ von Rainer Hermann: Von Geistersoldaten und gigantischer Korruption

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Unterstützer der afghanischen Streitkräfte im Sommer 2021.
Unterstützer der afghanischen Streitkräfte im Sommer 2021. © AFP

Rainer Hermann erklärt in seinem Buch „Afghanistan verstehen“ das Scheitern des Westens.

Es sind Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Am 31. August 2021 sprang der letzte schwerbewaffnete US-Soldat vom Boden des Flughafens Kabul auf die Laderampe des letzten US-Militärflugzeugs, das bald darauf die afghanische Hauptstadt verließ. Die Niederlage des US-Militärs und der anderen westlichen Armeen gegen die radikalislamischen Taliban war perfekt, das Scheitern des Westens nach 20 Jahren Kampf umfassend.

Zurück bleiben bis heute zahlreiche drängende, aber unbeantwortete Fragen. Jetzt gibt ein Buch erste Antworten: Der „FAZ“-Redakteur Rainer Hermann, profunder Kenner des Landes am Hindukusch und langjähriger Berichterstatter über die arabische Welt und die Türkei, hat den Band mit dem programmatischen Titel „Afghanistan verstehen“ vorgelegt.

„Afghanistan verstehen“ von Rainer Hermann: Fremde Mächte sind oft gescheitert

Der 65-jährige arabischsprechende Islamwissenschaftler entwickelt seine Analyse der Geschehnisse 2021 aus der Geschichte und der Geografie Afghanistans heraus, aber auch aus der Kenntnis der Religionen des Vielvölkerstaats. Über mehr als 150 Jahre der neueren Zeit sind fremde Mächte bei dem Versuch gescheitert, das Land militärisch zu erobern und zu beherrschen.

Das 40 000 Männer starke Expeditionskorps der britischen Armee in den Jahren 1847 bis 1849 wurde komplett aufgerieben. „Es war die verheerendste Niederlage des British Empire“, urteilt der Autor im Gespräch. Die Truppen der UdSSR, die 1979 einmarschiert waren, mussten sich zehn Jahre später desillusioniert zurückziehen, von den islamischen Mudschaheddin vertrieben.

„Afghanistan verstehen“ von Rainer Hermann: Falsche Entscheidungen des Westens

Am 7. Oktober 2001 begann die US-Armee mit ihren westlichen Verbündeten die Militäroperation „Enduring Freedom“ in Afghanistan, offiziell die militärische und politische Antwort auf die Terroranschläge des 11. September 2001, denen in New York und Washington rund 3000 Menschen zum Opfer gefallen waren.

Die Herrschaft der islamischen Taliban in Afghanistan wurde damals binnen weniger Wochen gebrochen. Doch was war das Ziel dieses westlichen Einsatzes, an dem auch die Bundeswehr beteiligt war? Fest steht heute: Der Versuch, einen Zentralstaat nach westlichem Vorbild und mit westlichem Verständnis von Menschenrechten aufzubauen, also das sogenannte „nation building“, ist vollständig misslungen.

„Das Ziel des nation buildings war eine Fehlentscheidung des Westens und ein viel zu hoher Anspruch“, sagt Hermann. Er verfügt im Land seit vielen Jahren über ein Netzwerk von Informanten, deren Kenntnisse und Berichte in das Buch einfließen. Der Islamwissenschaftler leitet aus der religiösen Geschichte Afghanistans ab, weshalb der Versuch, eine zentrale staatliche Autorität zu etablieren, scheitern musste.

„Afghanistan verstehen“ von Rainer Hermann: Ländliche Regionen haben sich kaum verändert

Vor allem die Paschtunen, die vorherrschende Ethnie des Landes, lehnten einen Staat ab und empfänden ihn als fremde, feindliche Größe. Tadschiken, Hazara und Usbeken sind die nächstgrößten Bevölkerungsgruppen, insgesamt gibt es einen Flickenteppich von mindestens 30 Sprachen und 200 Dialekten. Auch der afghanische Islam ist vielfältig.

Bis in die Gegenwart hinein habe sich das rückständige ländliche Afghanistan kaum verändert. Dort, so Hermann, müsse eine Herrschaftsmacht islamisch legitimiert sein und in der Lage, die Konflikte zwischen den Stämmen zu schlichten. Das traf auf die Taliban zu, die schon 2005 in den meisten Provinzen wieder präsent waren. Der Westen aber habe sich nach 2001 auf eine „kleine urbane Oberschicht“ in den Städten gestützt und nie die Landbevölkerung erreicht.

Als zweiten wesentlichen Faktor der Niederlage identifiziert der Autor die „gigantische Korruptionsmaschine“, die von den wenigen wohlhabenden Afghanen etabliert worden sei. Hier versickerten die immensen Summen, die der Westen investierte, allein aus den USA kamen jenseits des Militärs etwa 144 Milliarden Dollar in zwei Jahrzehnten. „Die großen Hilfsgelder gelangten über Kabul und einige andere Städte kaum hinaus“, so Hermann. Die Menschen auf dem Land wurden selten erreicht, ihre Lage verbesserte sich nach seiner Einschätzung wenig.

„Afghanistan verstehen“ von Rainer Hermann: Geistersoldaten und Geisterschulen

Ein besonders schlagendes Beispiel ist die afghanische Armee, deren Soldaten über Jahre hinweg von westlichen Militärs, auch der Bundeswehr, ausgebildet und geschult wurden. Diese Armee im angeblichen Umfang von 300 000 Mann hat nach Hermanns Überzeugung nie existiert. „Ich schätze, dass es nur etwa die Hälfte dieser Truppenstärke überhaupt gab.“

Tatsächlich hätten das afghanische Verteidigungs- und das Innenministerium Geld für Verpflegung und andere Ausrüstung für „Geistersoldaten“ kassiert. Doch damit nicht genug: „So wie es Geistersoldaten gab, gab es Geisterschulen, Geisterlehrer und Geisterprojekte, die nicht existierten, aber Personen im Staat unrechtmäßig und auf Kosten anderer bereicherten.“

Die afghanische Führung sei insgesamt „unfähig“ gewesen. Die Mitglieder dieser kleinen Oberschicht haben sich 2021 nach Beobachtung Hermanns vor allem nach Dubai und in andere arabische Staaten abgesetzt. Auf die Frage, ob die Bundeswehr, aber auch etwa der Bundesnachrichtendienst nichts von den „Geistersoldaten“ gewusst hätten, antwortet der Fachmann lakonisch: „Die Korruption geschah unter den Augen der Welt.“

„Afghanistan verstehen“ von Rainer Hermann: Der Westen darf das Land nicht im Stich lassen

Für die Taliban, die nie mehr als 70 000 Männer unter Waffen gehabt hätten, sei es ein Leichtes gewesen, die Stützpunkte der Armee zunächst zu isolieren und dann zu überrennen. Gegen die Luftwaffe gingen die Gotteskrieger besonders perfide vor: Sie ermordeten gezielt afghanische Piloten, bis immer mehr dieser gut ausgebildeten Spezialisten desertierten.

Das letzte Kapitel seines Buches hat der Journalist unter das Motto „Afghanische Lektionen“ gestellt. Sein Ratschluss ist klar: Der Westen dürfe die 40 Millionen Menschen im Land jetzt nicht im Stich lassen. Afghanistan brauche „Nothilfe“, brauche einen „Mindeststaat“, der Schulen, Krankenhäuser und innere Sicherheit gewährleiste.

Auch Nahrungsmittel würden dringend benötigt: „Die größte Dürre seit Jahrzehnten ruiniert die Landwirtschaft.“ Wenn der Westen jetzt aber Hilfslieferungen auf den Weg bringe, müsse jede einzelne „an konkrete Konditionen geknüpft werden“. So müssten die Taliban die umfassende Schulbildung für Mädchen wieder ermöglichen und für Frauen die Freiheit schaffen, wieder zu arbeiten.

„Afghanistan verstehen“ von Rainer Hermann: Der IS erstarkt im Osten

Hermann kann im Gespräch das verbreitete Urteil nicht bestätigen, dass jetzt die Volksrepublik China in das Machtvakuum hineinstoße, das der Westen hinterlasse. „China investiert nicht, solange nicht Ruhe im Land herrscht.“ So verfüge die Volksrepublik etwa über die Lizenz, eine Kupfermine auszubeuten, nehme diese aber nicht wahr. China warte derzeit noch ab, seine Führung denke und plane „langfristig“. Russland wiederum besitze nicht die wirtschaftliche Kraft für große Investitionen.

Aus seinen Recherchen weiß der Journalist, dass sowohl der Iran wie auch die Türkei fürchten, dass viele Menschen aus Afghanistan in ihre Länder flüchten, sobald der Winter vorbei ist. Und dann sei da noch die Gefahr, dass der Islamische Staat innerhalb der afghanischen Grenzen erstarke. Die Terrorbewegung sammele derzeit ihre Kräfte im Osten Afghanistans und erhalte Zulauf aus den islamischen Nachbarstaaten. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis IS-Terroristen auch Europa erreichen.“

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