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Das Evakuierungskontrollzentrum am Hamid Karzai International Airport in Kabul.
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Das Evakuierungskontrollzentrum am Hamid Karzai International Airport in Kabul.

Foreign Policy

Afghanistan nach Abzug der USA: „Sie haben uns den Taliban ausgeliefert“

Sechs afghanische Frauen beschreiben ihre Gefühle von Angst, Wut und Verrat nach dem Abzug der US-amerikanischen Truppen. Ein Gastbeitrag von Foreign Policy.

Kabul - „Dank unserer jüngsten militärischen Erfolge sind Frauen in weiten Teilen Afghanistans nicht mehr in ihren Häusern gefangen“, sagte einst die First Lady Laura Bush. Sie beschrieb die Mission der USA in Afghanistan „auch als einen Kampf für die Rechte und die Würde der Frauen“.

Jetzt – mit dem Abzug der letzten US-Truppen – sind die afghanischen Frauen erschüttert über das, was viele als Rückzug von dieser Mission ansehen. In den letzten 20 Jahren ergriffen sie Berufe wie Polizistin oder Staatsanwältin. Sie nutzten YouTube und studierten Kunst. Sie lernten, Volleyball zu spielen. Jetzt könnte sie genau das zur Zielscheibe werden lassen.

Das Fuller Project und Foreign Policy haben sechs Frauen, die sich noch in Afghanistan befinden, gebeten, ihre Gedanken zum Abzug der Amerikaner zu schildern. Einige erkennen die Fortschritte an, die in den letzten 20 Jahren erzielt wurden, ärgern sich jedoch darüber, dass die Vereinigten Staaten nicht noch mehr für ihre Sicherheit getan hatten. Andere trauern um den Verlust ihrer Ausbildung oder ihrer Karriere. Während viele ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit äußerten, sagte eine Frau, sie freue sich auf den Tag, an dem die Taliban für immer verschwunden sein werden. Trotz des Risikos bestanden mehrere Frauen mutig darauf, ihre echten Namen zu verwenden; drei baten um vollständige oder teilweise Pseudonymität.

Afghanistan nach dem Abzuf der USA: Sechs Frauen erzählen

Im Folgenden erteilen wir den sechs afghanischen Frauen das Wort.

Fatima Ahmadi, 28, ehemalige Polizistin aus Kabul:

„Am Montag bin ich in den frühen Morgenstunden um 2 Uhr aufgewacht, weil die Taliban feierliche Schüsse abgaben. Da wurde mir klar, dass die letzten amerikanischen Soldaten Afghanistan verlassen haben. Das hat mich traurig gemacht, denn als die Amerikaner hier waren, versuchten die Taliban, sich besser zu benehmen. Aber jetzt werden sie Frauen ganz offen schikanieren, weil niemand mehr auf Frauen hört. Frauen dürfen nach der sechsten Klasse nicht mehr zur Schule gehen. Bald werden die Taliban Frauen daran hindern, im Freien zu arbeiten oder auch nur nach draußen zu gehen. Die Taliban haben sich nicht verändert. Sie wollen Frauen immer noch aus der Gesellschaft verbannen.

Die Taliban brauchen die Unterstützung der USA, auch wenn sie die Amerikaner als Ungläubige bezeichnen. Bis vor ein paar Tagen hatte ich noch Hoffnung, dass ich wieder arbeiten kann. Aber wenn ich mir jetzt ansehe, wie die Taliban Frauen behandeln, erscheint das Leben für Frauen schier unmöglich. Ich habe die sozialen Medien genutzt und meine Fotos gepostet. Jetzt ist mein Foto im Internet, und ich habe Angst, dass die Taliban mich als Ungläubige töten könnten. Jetzt, wo die Amerikaner weg sind, habe ich große Angst. Ich denke, die Taliban könnten mich zu Tode steinigen – wenn nicht wegen meiner Arbeit als Polizistin, dann als Frau, deren Foto in den sozialen Medien veröffentlicht ist.

Ich habe Angst, dass die Taliban mich als Ungläubige töten könnten.

Fatima Ahmadi

Ich habe keine Hoffnung mehr, wieder in meinen Beruf als Polizistin zurückzukehren. Ich weiß, dass das unmöglich ist. Jetzt ist unser Leben wegen der Arbeit, die wir vorher ausgeführt haben, in Gefahr. Die Vereinigten Staaten sollten Polizistinnen unterstützen, denn sie haben uns ermutigt, zur Polizei zu gehen. Die USA hätten uns helfen müssen, jetzt, wo unser Leben in Gefahr ist. Wenn die Taliban mich töten, was passiert dann mit meinen beiden Kindern? Das macht mir am meisten Angst. Sie haben niemanden, der sich um sie kümmert.

Afghanistan nach Abzug der US-Truppen: Alleinerziehende Mütter in Gefahr

Tausende von Polizistinnen wie ich sind jetzt in Gefahr. Einige von ihnen haben einen Ehemann und können es sich leisten, zu Hause zu bleiben und sich zu verstecken, aber was wird mit den alleinerziehenden Müttern geschehen, die Polizistinnen waren? Ich habe solche Angst. Jemand sollte unsere Stimme hören. Solange ich noch lebe, möchte ich mich zur Lage der Polizistinnen äußern. Was wir erleben, ist ein langsamer Tod.“

Asiya Rahimi, 22, YouTuberin:

„Als die Vereinigten Staaten nach Afghanistan kamen, behaupteten sie, sie wollten die Rechte der Frauen verbessern und den Terrorismus bekämpfen. Nach 20 Jahren haben uns die Amerikaner jedoch genau dort zurückgelassen, wo sie angefangen haben. Es stimmt, dass Frauen in den letzten 20 Jahren eine Chance auf Bildung und Arbeit hatten. Aber jetzt sind wir wieder in der Situation wie vor 20 Jahren. Wir haben weder ein Recht auf Bildung, auf Arbeit noch darauf, ohne männliche Begleitung auszugehen. Ich denke, die USA haben das afghanische Volk als Werkzeug benutzt, um ihre Ziele zu erreichen, und jetzt haben sie sich von uns abgewandt. Ich hasse amerikanische Politiker. Ich denke, sie sind für unser Elend verantwortlich.“

USA und Afgahnistan: Abzug war zu ungeordnet

Kobra (Nachname nicht genannt), 23, Kunststudentin an der Universität Kabul:

„Die Vereinigten Staaten haben unser Leben, unsere Zukunft zerstört. Sie hätten verantwortungsvoller und besser vorbereitet abziehen können. Jetzt dürfen unsere Professorinnen nicht mehr arbeiten. Die Taliban ordneten getrennte Klassenräume für Männer und Frauen an den Universitäten an. Wo sollten wir genügend Frauen finden, die uns unterrichten? Wissen Sie, was das bedeutet? Das bedeutet, dass Frauen keine Universität besuchen können. Das ist das Erbe, das uns die Vereinigten Staaten hinterlassen haben.“

Anonym, 32, ehemalige Staatsanwältin für Korruptionsbekämpfung, Generalstaatsanwaltschaft von Afghanistan:

„Für die Taliban sind Frauen keine Menschen. Sie erkennen nur Männer als Menschen an und behandeln Frauen als Besitz der Männer. Wie können wir also von den Taliban erwarten, dass sie die Rechte der Frauen anerkennen? Sie sprechen vage über die Rechte der Frauen auf der Grundlage der Scharia, aber wir sind uns nicht sicher, wie sie die Scharia definieren.

Wir hätten nie gedacht, dass die internationalen Streitkräfte so schnell wieder abziehen würden, wie sie es getan haben. Sie haben Afghanistan im Stich gelassen. Jetzt wurden wir mit der fundamentalistischen Gruppe, die die westlichen Länder in 20 Jahren nicht besiegen konnten, allein gelassen. Für die internationale Gemeinschaft ist es kein Geheimnis, wie die Taliban Frauen behandeln. Doch haben sie uns den Taliban ausgeliefert.

Frauen versammeln sich zu einer Demonstration, um ihre Rechte unter der Taliban-Herrschaft einzufordern. Als die Taliban zwischen 1996 und 2001 in Afghanistan regierten, setzten sie eine strenge Auslegung des Islam durch, indem sie Mädchen und Frauen von Schulen und dem öffentlichen Leben ausschlossen und abweichende Meinungen brutal unterdrückten.

Es war schmerzhaft für mich. Ich hätte nie gedacht, dass sie uns so im Stich lassen würden. Als das US-Militär den Stützpunkt Bagram verließ, während die afghanische Regierung noch an der Macht war, zerstörten sie ihre Lager und ihre Ausrüstung. Ich sah ein Bild, das mir das Herz brach. Es zeigte einen US-Soldaten, der die Lager zerstörte. Das war eine Botschaft an uns: „Wir gehen. Alles ist vorbei. Wir werden niemals zurückkehren, egal, was mit den Afghanen geschieht“. Doch glaube ich, dass ein unterdrückerisches Regime wie das der Taliban nicht ewig Bestand haben wird. Ich freue mich auf den Tag, an dem die Taliban weg sind und ich wieder an meinen Träumen arbeiten kann.“

Zahra Hussaini, 26, Aktivistin für Frauenrechte:

„Der Abzug der Amerikaner, der am 31. August abgeschlossen wurde, war eine Unmenschlichkeit gegenüber den afghanischen Frauen. Das politische Spiel, das die Vereinigten Staaten und andere westliche Länder in Afghanistan gespielt haben, hat das afghanische Volk ins Elend gestürzt.

Als die Vereinigten Staaten nach Afghanistan kamen, haben sie einiges getan, zum Beispiel die Frauen in die Gesellschaft integriert. In den letzten 20 Jahren hat sich so manches verändert, vor allem, dass Frauen in der Politik, im Sport, in der Technik, im Gesundheitswesen, in der Kunst, in puncto Sicherheit und in allen anderen Bereichen des Lebens eine gewisse Position erreicht haben. Wir haben für unsere Rechte gekämpft, und wir haben Opfer erbracht, um dorthin zu gelangen, wo wir sind. Viele Frauen haben ihr Leben für die Gleichstellung von Männern und Frauen verloren, dafür, dass Frauen eine Chance auf eine gleichberechtigtere Gesellschaft haben.

Eine Unmenschlichkeit gegenüber den afghanischen Frauen.

Zahra Hussaini

Wir wissen, dass die Taliban eine Bedrohung für das afghanische Volk darstellen, insbesondere für Frauen. Die Taliban wollen nicht, dass Frauen an der Gesellschaft teilhaben, arbeiten oder an allen anderen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens teilnehmen.

Aber der Rückzug der USA bedeutet, dass wir zum Zustand von vor 20 Jahren zurückkehren. Frauen werden jetzt an den Rand gedrängt. Sie werden nach Hause zurückgeschickt. Frauen dürfen nicht mehr arbeiten. Sie können keine Sängerinnen sein. Sie können keine Schauspielerinnen sein. Sie können nicht am Sport teilnehmen. Frauen können nicht für sich selbst eintreten. Es ist sehr traurig für die zurückgelassenen Frauen. Es ist sehr schmerzhaft, in die Zeit vor 20 Jahren zurückzukehren und wie unsere Mütter und Großmütter unter den Taliban zu leben. Das ist traurig. Die Frauen haben ihre Hoffnung verloren. Ihre Träume verwandeln sich in einen Albtraum. Wir können nicht mehr als aktiver Teil unserer Gesellschaft leben.“

USA und Afghanistan: Schlimmer zurückgelassen als zuvor

Anonym, 16, Gymnasiastin, die für die afghanische Frauen-Nationalmannschaft Volleyball spielen wollte:

Als die Vereinigten Staaten abzogen, scherten sie sich nicht um uns afghanische Frauen und Mädchen. Aber als sie kamen, versprachen sie, unsere Situation zu ändern. Jetzt haben sie uns schlimmer zurückgelassen als vorher. Die Amerikaner haben uns einige Formen der Freiheit gezeigt, aber sie haben uns nicht geholfen, uns selbst zu befreien. Sie haben uns in unserem Käfig gelassen. Jetzt kann ich nicht mehr so leben, wie ich es wollte. (Zahra Nader)

Über die Autorin: Zahra Nader ist Doktorandin der Gender-, Feminismus- und Frauenforschung an der York University. Zuvor war sie als Journalistin in Kabul tätig und berichtete für lokale und internationale Medien, darunter die New York Times. Derzeit arbeitet sie als Redakteurin bei Rukhshana Media, einer unabhängigen afghanischen Nachrichtenorganisation, und ist Mitarbeiterin des Fuller Project, einer gemeinnützigen Nachrichtenagentur, die sich der Berichterstattung über Frauen widmet.

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Dieser Artikel war zuerst am 02. September 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Leser:innen von fr.de zur Verfügung.

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